TANZ IM TEXT



Berlin

TANZ WIDER DEN KRIEG

Neumeiers Bundesjugendballett im Admiralspalast Berlin



Das Festival Young Euro Classic tut gut daran, auch den Tanz in sein Programm aufzunehmen. Bereits zum vierten Mal war das aus Bundesmitteln geförderte Bundesjugendballett Teil des musikalischen Sommer-Reigens.


  • Das Bundesjugenballett im Admiralspalast Berlin Foto © Kai Bienert / Young Euro Classic
  • Das Bundesjugenballett im Admiralspalast Berlin Foto © Kai Bienert / Young Euro Classic

Seit Anfang Juli firmiert das Bundesjugendballett unter den 100 Preisträgern im Wettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“. Der Preis würdigt das Engagement, Ballett an so ungewöhnlichen Orten wie Gefängnissen und Seniorenresidenzen zu zeigen, auf Pausenhöfen und im leergepumpten Schwimmbecken einer Sole-Therme. Ausgezeichnet ist überhaupt der Einfall, eine solche Gruppe zu gründen. Mit ihr verwirklichte sich und den vielen begeisterten Zuschauern John Neumeier 2011 einen langjährigen Traum. Acht Absolventen gibt er damit die Chance, sich für zwei Jahre unter seinem Patronat und der Leitung des einstigen Hamburger Starsolisten Kevin Haigen auf die Zukunft als Profitänzer vorzubereiten: mit eigens für sie entworfenen Choreografien aus Meisterhand und Gastspielen quer durchs Land, inzwischen sogar schon interkontinental. Young Euro Classic, das ambitionierte Festival für junge Musiker aus aller Welt, tut gut daran, auch den Tanz in sein Programm aufzunehmen. Bereits zum vierten Mal war das aus Bundesmitteln geförderte Bundesjugendballett Teil des musikalischen Sommer-Reigens, diesmal im Admiralspalast.

Dass Tanz bei Neumeier nicht im luftleeren Raum schwebt, bewies er mit seiner Auswahl. Unter dem Titel „The Loss of Innocence“ widmet er sich dem Ereignis des Jahres: dem Beginn von Weltkrieg I Ende Juli 1914. Drei Choreografen entwarfen vier Werke, drei direkt für die jungen Tänzer und mit ihnen. In Maša Kolars Auftaktstück scheint die Welt noch in Ordnung. Zu „Songs & Chansons“, live von Sonja Šarić gesungen, begegnen sich Jugendliche auf dem Tanzboden, toben sich dort aus und fallen am Ende erschöpft zu Boden. Was von Ohrwürmern wie „C'est magnifique“, „Let's Do it“ und „Komm, Karlineken“ angefeuert wird und sich als scheinbar harmlos witziges Spiel voll origineller Erfindung aufheizt, deutet mit dem Schluss die verheerende Katastrophe des Krieges an. Die gestaltet in „Helmbedeckt“ Patrick Eberts, bis zum Vorjahr selbst Tänzer im Bundesjugendballett, mit seinen 22 Lenzen nun auf dem Weg zum Choreografen. Wir wollten nie in den Krieg gehen, heißt es im gesprochenen Text, und doch hat sich der Helm dem Soldaten über den Kopf gestülpt, haben Blut und Tod die Jugendschönheit besudelt. Eine leise, eindringliche Studie, die aus dem Kontrast zur sanften Musik von Satie und Debussy, mit Christopher Park als filigranem Pianisten, zusätzliche Spannung bezieht.

Dass Musik und Tanz zusammengehören, unterstrichen ebenfalls die „Petruschka-Variationen“ von Strawinsky in Neumeiers sinfonischer Umsetzung des Sujets: In teils marionettenhaftem Gestus feiern sechs Tänzer um den mittig platzierten Pianisten das Miteinander der Künste. Den stärksten Eindruck hinterließ als Finale Neumeiers „In the Blue Garden“ zu Ravels „Ma Mère l'Oye“ als ambivalent nachdrückliche Vision um Leid, Tod, Kriegsverletzung, auch Sehnsucht nach Frieden in Gestalt einer weißen Rose. Wie ebenbürtig nochmals das um Yohan Stegli erweiterte Oktett aus formidablen Solisten und die sensibel begleitenden Musiker zusammenwirkten, beschloss einen höchst anregenden Abend.

Veröffentlicht am 12.08.2014, von Volkmar Draeger in Tanz im Text, Kritiken 2013/2014

Dieser Artikel wurde 1316 mal angesehen.



Kommentare zu "Tanz wider den Krieg"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    ENDLICH HAT JOHN NEUMEIER EINE JUNIORCOMPAGNIE

    Bundesjugendballett – Brückenbauer zwischen Ausbildung und Beruf

    Veröffentlicht am 18.01.2012, von Marieluise Jeitschko


    DIE GEWONNENE KOMPETENZ

    Das Bundesjugendballett mit „The Loss of Innocence“ auf Kampnagel

    Der Name war hier eher nicht Programm, denn seine Unschuld verloren hat das Bundesjugendballett nicht erst mit diesem fulminanten Abend. Wohl aber hat es gezeigt, was es in den drei Jahren seiner Existenz und was die jetzigen acht Tänzerinnen und Tänzer seit einem Jahr gewonnen haben.

    Veröffentlicht am 17.06.2014, von Annette Bopp


     

    LEUTE AKTUELL


    "TANZ DER MENSCHLICHKEIT"

    Nestroy Spezialpreis für Doris Uhlich und Michael Turinsky mit "Ravemachine"
    Veröffentlicht am 17.11.2017, von Pressetext


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern
    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext


    ED WUBBE BEKOMMT DEN "GOLDEN SWAN"

    Der künstlerische Leiter des Scapino Ballet wurde mit dem niederländischen Tanzpreis ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 17.10.2017, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    HIERONYMUS UND DER MEISTER SIND AUCH DA

    Mit Susanne Linkes Uraufführung eröffnet das Theater Trier am Samstag, 28.10. 2017 die Saison in der Sparte Tanz.

    In ihrer Kreation beschäftigt sich Linke mit den abgründigen Seiten des Menschen.

    Veröffentlicht am 11.10.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern

    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext


    DER SCHÖNE SCHEIN

    Die Uraufführung des Balletts „Die Kameliendame“ von Ralf Rossa an der Oper in Halle

    Veröffentlicht am 14.11.2017, von Boris Michael Gruhl


    "THE REVISED AND UPDATED BREMEN STRUCTURES"

    Emanuel Gats neue Choreografie in Bremen

    Artikel aus Südkurier vom 17.01.2011


    AUGE IN AUGE MIT DEN MONSTERN

    Helena Botto zeigt in der Hebelhalle Heidelberg ihr neues Stück „Monstrator“

    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    OLDENBURG LÄSST DIE PUPPEN TANZEN

    „Drei Generationen“ bei der BallettCompagnie Oldenburg

    Veröffentlicht am 16.11.2017, von Martina Burandt



    BEI UNS IM SHOP