HOMEPAGE



Berlin

DIALOG DER KÖRPER UND KÜNSTE

"Transition" von laborgras im Dock 11 Berlin



Um nichts weniger als eine Renaissance des zeitgenössischen Tanzes geht es dem Kollektiv laborgras. Verstanden als einen Gegenentwurf zum Konzepttanz, der Tanz mit unbotmäßigen Inhalten überfrachtete, notfalls auch ohne ihn auskam.


  • laborgras mit "Transition" im Dock 11 Berlin Foto © Andrea Gordillo
  • laborgras mit "Transition" im Dock 11 Berlin Foto © Andrea Gordillo
  • laborgras mit "Transition" im Dock 11 Berlin Foto © Andrea Gordillo

Um nichts weniger als eine Renaissance des zeitgenössischen Tanzes geht es dem Kollektiv laborgras in seinen Recherchen. Verstanden als einen Gegenentwurf zum Konzepttanz, der Tanz mit unbotmäßigen Inhalten überfrachtete, notfalls auch ohne ihn auskam. Das trifft in keinem Fall auf die beiden führenden Köpfe von laborgras zu, Renate Graziadei und Arthur Stäldi. Nach „Retour“ mit seinem bekenntnishaften Titel zeigt das Team nun im Dock 11 die zweite Arbeit zum Thema. „Transition“ mag die umfangreichste, ambitionierteste Produktion sein, verknüft sie doch Tanz und Live-Musik. Der Aufwand hat sich gelohnt, allein schon, weil, selten genug im zeitgenössischen Tanz, ein Hauch Leichtigkeit und sogar Heiterkeit den knapp einstündigen Abend durchweht.

Er ereignet sich in einem wandhoch silbergrau ausgehängten Raum von gediegen glänzender Schönheit. Darin erschaffen die Tänzerinnen Arianna Rodeghiero, MariaGiulia Serantoni, Renate Graziadei und Rosalind Masson einen bewegten Kunstraum, dem die Musiker Julien Decoret, Ole Wulfers & Phoebe Killdeer den so inspirierenden und treibenden Klang verleihen. Wie sensibel der Tanz auf die teils elektronisch, teils direkt erzeugte Musik reagiert, gehört nicht unbedingt zu den Tugenden der zeitgenössischen Szene. Den Einstieg liefert zu einem Mix aus Rock und Jazz Graziadei im Solo, ehe sie ihre Kolleginnen aus der Kulisse holt. Mit Gängen duchmessen sie den Raum, elegant elastisch und fast showhaft. Fluten und Stillstand wechseln einander ab, als gelte es von Zeit zu Zeit, über die nächste Bewegungsstrategie nachzusinnen. Dass im Folgenden nirgendwo der Kontakt zwischen den Aktricen abreißt, baut wohltuend und spürbar Spannung auf.

Wohl aber ändert sich die Bewegungsqualität: Als die Musik einfach stoppt, macht sich auf der Szene Verunsicherung breit. Der Klangpartner für das Miteinander scheint verloren, neue tänzerische Angebote sind vonnöten, ein Übergang erforderlich. Den offerieren sanfte Klavierpassagen. Nach einer Phase der gegenseitigen Beobachtung, wie die Körper reagieren, entsteht ein Strudel, mit Graziadei als Drehzentrum. Wechsel im Klang werden wiederholt Auslöser veränderter tänzerischer Antworten, ob Blech geratscht, ein Speichenrad gestrichen wird oder gar die Stimme zum Einsatz kommt. Vier Einzeluniversen kooperieren dazu im Tanz, synchronisieren sich bisweilen, um sich wieder zum lauernden Beobachtungskontakt zu trennen.

Gegen Ende wird die szenische Aktion dynamischer, stemmt sich einmal Kopf gegen Kopf, findet sich das Quartett in gleichem Wollen. Schwer gerät Gehen zur metallenen Tonkulisse. Gut im Raum steht die Choreografie des Labels Graziadei & Stäldi, wirkt locker, flüssig, erfindungsreich in Wendung, Dehnung, Torsion. Am souveränsten beherrscht Renate Graziadei das Spiel mit der Isolation einzelner Körperteile. Ihre Soli sind die Glanzlichter von „Transition“, einem anregend pulsenden und unerwartet schließenden Dialog der Körper und Künste: Der Tanz zieht sich zurück, überlässt das letzte „Wort“ der Musik.

wieder 18.-21.12., Dock 11, Kastanienallee 79, Prenzlauer Berg, Karten unter 448 12 22
www.dock11-berlin.de

Veröffentlicht am 08.09.2014, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1651 mal angesehen.



Kommentare zu "Dialog der Körper und Künste"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    VERZWEIFELTE MÄNNLICHKEIT

    Bruno Beltrão & Grupo de Rua zeigen „INOAH“ als Auftakt zum Tanzfestival Rhein-Main im Frankfurt LAB
    Veröffentlicht am 17.10.2017, von Dagmar Klein


    KONZERT MIT BILDERN

    Für das Musiktheater Linz choreografiert Mei Hong Lin „Music for a while“
    Veröffentlicht am 15.10.2017, von Andrea Amort


    GEWAGT UND GEWONNEN

    Christian Spucks phantastischer „Nussknacker und Mausekönig“ mit dem Ballett Zürich
    Veröffentlicht am 15.10.2017, von Marlies Strech



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    HIERONYMUS UND DER MEISTER SIND AUCH DA

    Mit Susanne Linkes Uraufführung eröffnet das Theater Trier am Samstag, 28.10. 2017 die Saison in der Sparte Tanz.

    In ihrer Kreation beschäftigt sich Linke mit den abgründigen Seiten des Menschen.

    Veröffentlicht am 11.10.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHUHWERK FÜR TÄNZER

    James Dyson Award für neuartigen Ballett-Spitzenschuh

    Veröffentlicht am 09.10.2017, von Pressetext


    VON JETZT AN WIRD GETANZT

    Eröffnung der Mannheim Trinitatiskirche nach dem Umbau zum EinTanzHaus

    Veröffentlicht am 01.10.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    BEWEGUNGS-FREIHEITEN

    Boris Charmatz: „A dancer's day“ auf Tempelhofer Flughafen im Hangar 5

    Veröffentlicht am 18.09.2017, von Miriam Althammer


    I PLAY D(E)AD

    Eine Solo-Tanzperformance von Wagner Moreira

    Veröffentlicht am 27.09.2017, von Gastautor


    DEUTSCHLAND BLEIBT TANZLAND

    Das Spielzeitheft Nr. 4 ist da!

    Veröffentlicht am 30.08.2017, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP