HOMEPAGE



Hagen

KINDLICHE FANTASIE UND PLATTE EROTIK

Das Ballett "Alice im Wunderland" am Theater Hagen



Eine farbenprächtige Tanzshow spulen Ricardo Fernando und seine 14 Tänzer in rund 40 kurzen Szenen für 26 Charaktere in über 40 Kostümen und Masken ab - alle Achtung!


  • Ricardo Fernandos "Alice im Wunderland" am Theater Hagen Foto © Klaus Lefebvre / theaterhagen
  • Ricardo Fernandos "Alice im Wunderland" am Theater Hagen Foto © Klaus Lefebvre / theaterhagen
  • Ricardo Fernandos "Alice im Wunderland" am Theater Hagen Foto © Klaus Lefebvre / theaterhagen

Nicht nur fast jedes Kind in aller Welt kennt Lewis Carrolls "Alice im Wunderland". Generationen von Erwachsenen delektieren sich an der unterschwellig erotischen Symbolik und dem surrealen Charme des Kinderbuchs für die Nichte des schrulligen Mathematik-Professors aus Oxford oder erinnern sich an den Disneyfilm aus den 1950er Jahren. In dem legendären Zeichentrickfilm klettert das kleine Mädchen aus einer mächtigen Kastanie, versteckt sich mit seiner kleinen Katze vor der Gouvernante auf einer Gänseblümchenwiese und träumt sich in seine ganz eigene Welt. Der zauberhafte Anfang der märchenhaften Geschichte signalisiert sofort kindliche Fantasie.

Ganz anders Ricardo Fernandos "Familienballett": noch vor geschlossenem Vorhang dröhnt aus den Lautsprechern der altmodische Soundtrack mit Chor und Alice-Motiv von Danny Elfman zu Tim Burtons Alice-Film. Danach tritt nicht das süße Blondchen in dem braven blauen Kleid mit weißer Schürze und Petticoats auf, sondern ein sexy Teenie (Tiana Lara Hogan) im knappen, figurbetonten pastellfarbenen Cocktailkleid und räkelt sich, gelangweilt in einem Klatschblatt blätternd, auf dem Boden. Das Verdikt der gestrengen Eltern: ab ins Internat. Dort malträtieren kopflose Pappkarton-Lehrer die arme Kleine, bis das weiße Kaninchen (Shinsaku Hashiguchi) zum Retter wird - erst als kreideweiße animierte Projektion auf der Wand, dann in Person mit Schottenröckchen und großer Uhr, um endlich einmal nicht "zu spät, zu spät, zu spät" zu sein... Im Strudel spült es Tier und Mädchen hinab in die skurrile Welt von Grinsekatze (Yoko Furihata und Leszek Januszewski), Maus (Ana Rocha Nené), Raupe (Statisten und der Wasserpfeife schmauchende Bobby Briscoe), Köchin (Eunji Yang) und Herzogin (Melanie Lopez Lopez), von mordlustiger, lasziver Herzkönigin (Sofia Romano) samt Prinzgemahl (Bobby Briscoe) und Hutmacher (Brendon Feeney) mit hohem Uncle Sam-Zylinder, der zur "Teaparty" aus Riesentassen lädt.

Raffiniert kreiert die Videokünstlerin Lieve Vanderschaeve mit 3-D-Projektionen Labyrinthgarten, Schloss und den gigantisch bedrohlichen Kopf der Grinsekatze, kongenial unterstützt von Ausstatter Dorin Gal. Grandiose Optik triumphiert über den allenfalls mittelmäßigen Soundtrack, für den leider auch Tschaikowsky - entstellt von Carl Davis - herhalten muss. Eine farbenprächtige Tanzshow spulen Fernando und seine 14 Tänzer in rund 40 kurzen Szenen für 26 Charaktere in über 40 Kostümen und Masken ab - alle Achtung! Fällt auch der zweite Teil mit den reichlich dick auftragenden Spielkarten-Granden und allzu vielen nichtssagenden Ensembles deutlich ab gegen die Stunde vor der Pause, so lässt sich auch das Seniorenpublikum am Sonntagnachmittag mitreißen von Spiel- und Tanzfreude des Ensembles.

Veröffentlicht am 07.10.2014, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2263 mal angesehen.



Kommentare zu "Kindliche Fantasie und platte Erotik"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    GROßARTIGE TANZMINIATUREN

    „balletthagen“ macht Staunen bei Ricardo Fernandos „Bach tanzt“

    Veröffentlicht am 27.02.2012, von Marieluise Jeitschko


    KLEINE TRUPPE WAGT SICH AN GROßEN KLASSIKER

    „Dornröschen reloaded“ in Hagen

    Veröffentlicht am 01.06.2012, von Marieluise Jeitschko


    SCHRÄGE ERWACHSENENWELT − SÜßE KINDERTRÄUME

    Ricardo Fernandos "Nussknacker" in Hagen

    Veröffentlicht am 22.10.2012, von Marieluise Jeitschko


    DREI BRASILIANER IN HAGEN

    Ricardo Fernandos "Terra Brasilis" begeistert am Theater Hagen

    Heben und Hechten - bis die Männer genug haben und die vertikal gehaltenen Frauen einfach auf den Boden plumpsen lassen. Licht aus nach fetzig-frechem Spiel in farbenfrohem Ambiente!

    Veröffentlicht am 09.02.2014, von Marieluise Jeitschko


    TANZGESCHICHTE FÜR ALLE

    Hommage an Yvonne Georgi vom Ballett Hagen

    Eine weite Anreise nach Hagen wert ist dieser beeindruckende Abend nicht nur für Tanzhistoriker, um Yvonne Georgis "Glück, Tod und Traum" zur Musik von Gottfried von Einem als veritable Rekonstruktion zu erleben.

    Veröffentlicht am 18.05.2014, von Marieluise Jeitschko


    VON DAVID BOWIE BIS AMY WINEHOUSE

    "Ballett? Rock it!" am Theater Hagen

    Auch mit der zweiten Premiere der Saison setzt Ricardo Fernando ein Glanzlicht. Am 28. März erhält der Brasilianer für sein nimmermüdes Engagement um den Erhalt der Sparte Tanz in Hagen den "Deutschen Tanzpreis/Anerkennung".

    Veröffentlicht am 11.02.2015, von Marieluise Jeitschko


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    HINSCHAUEN, NICHT WEGSEHEN!

    Deutschlandpremiere von Radhouane El Meddebs „Facing the sea, for tears to turn into laughter“ beim Festival Tanz im August
    Veröffentlicht am 23.08.2017, von Elisabeth Leopold


    ETWAS MEHR MUT BITTE

    Das Alvin Ailey American Dance Theatre setzt seine Deutschlandtournee in München fort - mit einem neuen Programm
    Veröffentlicht am 23.08.2017, von Isabel Winklbauer


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    PARA QUE O CÉU NÃO CAIA (FOR THE SKY NOT TO FALL)

    Tanztheater von Lia Rodrigues im Muffatwerk München

    “There is only one sky and we must take care of it, for if it becomes sick, everything will come to an end.” Davi Kopenawa

    Veröffentlicht am 10.08.2017, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    BALLETT MACHT SCHÖN!

    Der Zauber des späten Anfangs

    Veröffentlicht am 27.07.2017, von Gastautor


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    DIE PREMIEREN DER KOMMENDEN SAISON!

    Wir haben den tanznetz.de-Premierenkalender angelegt

    Veröffentlicht am 08.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    WO BRASILIEN TANZT - DAS GRÖßTE FESTIVAL DER WELT

    Das Festival de Dança de Joinville im Bundesstaat Santa Catarina in Brasilien

    Veröffentlicht am 09.08.2017, von Gastautor


    GLATTE OBERFLÄCHE UND TIEFGANG?

    Die Alvin Ailey Dance Company gastiert im Nationaltheater Mannheim

    Veröffentlicht am 05.08.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel



    BEI UNS IM SHOP