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Zürich

EHEBRUCH + SPITZENTANZ

Christian Spuck und das Ballett Zürich kreieren „Anna Karenina“ in 16 Szenen.



Die Uraufführung von „Anna Karenina“ nach dem Roman von Lew Tolstoi hat am Zürcher Opernhaus großen Erfolg. Ballettchef Christian Spuck ist nicht nur für die Choreografie verantwortlich, sondern auch für Musikauswahl und Bühnenbild.


  • Christian Spucks "Anna Karenina" feierte Premiere am Opernhaus Zürich Foto © Monika Rittershaus

Eine Eisenbahn rattert vorbei, unsichtbar. Dann hebt sich der Vorhang, eine Totenfeier findet statt. Kurz darauf befinden wir uns im Salon von Fürst Stiwa Oblonski (Arman Grigoryan) und seiner Frau Dolly (Galina Mihaylova) in Moskau. Gedämpfte Musik von Sergej Rachmaninow erklingt. Die Gesellschaft hat sich in Gruppen aufgeteilt, zwei putzige Dienstmädchen mit weißen Schürzen schäkern mit dem Hausherrn. Seine Frau stellt ihn zur Rede, es gibt Streit, Stiwa bereut - und schleppt dann später doch eines der Mädchen ab.

Im Prolog und bei dieser ersten Salonszene wird noch kaum getanzt. Doch fühlen wir uns bereits mittendrin im neuen Ballett „Anna Karenina“ nach dem Roman von Lew Tolstoi (1828-1910), das Christian Spuck fürs Ballett Zürich kreiert hat. Die dynamische Aufstellung der Personen im Halbdunkel erinnert an Tableaus aus dem 19. Jahrhundert. Die Herren tragen Uniform oder elegante Gehröcke, die Damen bis zum Boden reichende Kostüme, mit schmaler Taille und üppigen Hüftdrapierungen. Verblüffend, wie leicht sie später darin tanzen können.

Im Gegensatz zu diesen opulenten Kostümen (Emma Ryott) ist die Bühne bescheiden bestückt: weisse Birkenstämme, zwei Kronleuchter, ein paar bewegliche Versatzstücke, dazu eine fahrbare Filmleinwand mit wechselnden Einspielungen. Die Idee zu dieser Ausstattung stammt von Spuck selbst, ausgeführt hat sie Jörg Zielinski. Dank der raffinierten Lichtgestaltung (Martin Gebhardt) und dem Video-Design (Tieni Burkhalter) wirkt das sparsame Bühnenbild aber überhaupt nicht karg. Es erlaubt zudem einen fließenden Übergang von einer Szene zur nächsten.

Auch in der dritten Szene, diesmal zu modernen Klängen des polnischen Komponisten Witold Lutoslawski, erkennt man nur Ansätze von Tanz. Anna, verheiratet mit dem hohen Staatsbeamten Alexej Karenin und Mutter eines kleinen Sohnes, ist mit der Eisenbahn von St.Petersburg nach Moskau gefahren, um bei den Oblonskis – Stiwa ist ihr Bruder - Frieden zu stiften. Sie hat auf der Fahrt Graf Wronskis Mutter kennengelernt. Bei ihrer Ankunft auf dem Moskauer Bahnhof begegnen sich Anna und Wronski erstmals, der Coup de Foudre trifft sie, vom Publikum fast unbemerkt. Das Schicksal der beiden, von Tolstoi in seinem Roman auf weit über 1000 Seiten entwickelt, nimmt seinen Lauf. Spuck hat die Handlung in 16 Tanzszenen aufbereitet, in voller Einsicht, dass sie nur einen Bruchteil dieses Werkes wiedergeben können.

Vom 4. Bild an wird getanzt und getanzt. Der nächste Ball steht an, der rustikal-idealistische Gutsbesitzer Lewin macht der jungen Kitty – Schwester von Dolly - einen Heiratsantrag. Sie weist ihn ab, weil sie in Wronski verliebt ist. Doch der hat nur Augen für Anna. In den nächsten Szenen wird ihr Verhältnis immer öffentlicher, es kommt zur berühmten Szene vom Pferderennen, wo Wronski stürzt und Anna sich als seine Geliebte outet. Das Zerwürfnis mit Karenin und der russischen Adelsgesellschaft ist unabwendbar.

Und die Choreografie? Sie baut weitgehend auf neoklassischen Tanz auf. Die Frauen bewegen sich auf Spitzen, sei es im Solo oder bei den Pas de Deux und Gesellschaftstänzen. Sogar Kitty (Katja Wünsche), die sich nach viel Herzschmerz dann doch Lewin zuwendet, behält die Spitzenschuhe an den Füßen, als sie mit ihrem künftigen Gemahl auf dem Fahrrad zur Hochzeit anrückt. Gutsherr Lewin (Tars Vandebeek) und seine Landarbeiter sind die Einzigen, die sich in zeitgenössischem, dem Ausdruckstanz nahen Schritten bewegen. Spuck lässt sie in Reih und Glied mit markanten Gesten mähen – fast denkt man an ein Bild von Ferdinand Hodler. Als Tonbegleitung erklingen rhythmische Sensengeräusche (Sound-Collagen von Martin Donner).

Die Hinwendung zum klassischen Tanz erstaunt bei Spuck, diesem in seinen früheren Literaturballetten („Leonce und Lena“, „Woyzeck“ usw.) so stark dem Zeitgenössischen verbundenen Choreografen. Für die Wahl spricht, dass Tolstois „Anna Karenina“ (gedruckt 1877/78) zeitlich in jenem zaristischen Russland spielt, wo bald darauf die großen Ballettklassiker à la „Schwanensee“ entstanden. Wobei die tänzerischen Details bei Spuck wesentlich einfacher ausfallen als bei solchen Vorbildern.

Was an choreografischer Finesse gelegentlich fehlt, gleicht der schauspielerische Einsatz der Tänzerinnen und Tänzer aus. Die aus Russland stammende Viktorina Kapitonova, seinerzeit schon von Heinz Spoerli engagiert, gibt eine sehr glaubwürdige Anna. Sie tanzt hervorragend, bringt gleichzeitig die verschiedenen Gefühlslagen zum Ausdruck: Kokett zu Beginn, leidenschaftlich verliebt, schrecklich einsam am Schluss. In Spucks Ballett wirft sie sich übrigens nicht unter den Zug, sondern bricht zusammen, während die Eisenbahn hinten auf der Filmleinwand vorbeidampft.

Der Brasilianer Denis Vieira, erst seit diesem Jahr beim Ballett Zürich, ist ein gut aussehender und aufmerksamer Wronski, auch wenn ihm die Rolle nicht auf den Leib geschnitten ist. Im 1. Teil des gut anderthalbstündigen Balletts fallen die Duette mit Anna choreografisch eher knapp aus; eine „Sexszene“, wo die beiden übereinander herfallen, will auch nicht so recht in dieses Ballett passen. Der 2. Teil dagegen beginnt mit einem weit ausholenden Pas de Deux von hinreißender Langsamkeit: Liebesglück in Italien, in das sich bei Anna erste dunkle Ahnungen mischen. Zuhause in St.Petersburg droht gesellschaftliche Ächtung. Steif und stolz gibt Filipe Portugal den hohen Staatsbeamten und betrogenen Ehemann Alexej Karenin. Die strenge Gräfin Iwanowna (Eva Dewaele) hat die Erziehung des kleinen Sergej übernommen und würgt die Kontakte mit der Mutter ab.

Christian Spuck hat die Musik zu „Anna Karenina“ fast im Alleingang ausgesucht, lange bevor er zu choreografieren begann. Er wählte hauptsächlich Sätze aus Klavierkonzerten, Sinfonien oder Kammermusik von Rachmaninow (1873-1943), süß und schwer, und konterkariert sie mit dissonanten Kompositionen von Lutoslawski (1913-94). Für die Hochzeit von Kitty und Lewin erklingen Miniaturen von Sulkhan Tsintsadze; Annas Einsamkeit wird von einem Konzertsatz von Iosep Bardanashvili verdeutlicht. Manchmal tritt die Mezzosopranistin Anna Stéphany auf die Bühne, melancholisch singend.

Die Philharmonie Zürich unter dem amerikanischen Dirigenten Paul Connelly lässt bei der Interpretation dieses Musikteppichs keine Wünsche offen. Die junge Schweizer Pianistin Josiane Marfurt spielt hoch konzentriert und virtuos sämtliche Klavierpartien, bis hin zu zwei Sätzen aus Rachmaninows Klavierkonzert Nr.2. Der Applaus des Premierenpublikums war rasant. Er galt allen: Den Tänzerinnen und Tänzern, den Musikern und Technikern, der Kostümbildnerin und, last but not least – dem vielseitigen Ballettchef Christian Spuck.

Veröffentlicht am 14.10.2014, von Marlies Strech in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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