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Linz

EIN SCHMALSPUR-NUSSKNACKER

Mei Hong Lin inszeniert Tschaikowski am Linzer Musiktheater



Die Choreografin siedelt ihren „Nussknacker“ in einer launigen, ständig durcheinander purzelnden Figuren-Welt an. Es wird kalauert und das Ensemble tanzt mit Inbrunst barfuß oder in Socken eine kunterbunte Mischkulanz aus Neoklassik und Moderne.


  • Mei Hong Lins "Nussknacker" in Linz Foto © Barbara Aumüller
  • Mei Hong Lins "Nussknacker" in Linz Foto © Barbara Aumüller

Das 2013 neu eröffnete Linzer Musiktheater verfügt tatsächlich über Österreichs beste Bühne für künstlerischen Tanz: entsprechend groß und breit, mit der angeblich innovativsten Bühnentechnik in Europa, gute Sicht von allen Plätzen. Solch ein Ort braucht großzügige und visionäre Entwürfe. Der neue „Nussknacker“ (Tschaikowski) der nunmehr die zweite Saison in Linz tätigen Choreografin Mei Hong Lin (davor Darmstadt) geht nicht zuletzt wegen des kunstgewerblich wirkenden Bühnenbilds von Dirk Hofacker nicht auf. Links und rechts ist die Bühne zugebaut, hinten hängt ein dunkler Vorhang, ein fahrbares gelbes Sterngebilde soll Referenz sein für den Christbaum, der anfangs spielzeugartig dasteht, später durch einen hochgezogenen Leuchtdraht doch noch an Größe gewinnt. Trotz der zahlreichen Lichtkugeln, die vor allem im zweiten Teil eingesetzt werden, kommt keine weihnachtliche Winter-Stimmung sondern eher sommerliche Jux-Atmosphäre auf. Eine Frage des Budgets oder Absicht?

Mei Hong Lin siedelt ihren „Nussknacker“ in einer launigen, ständig durcheinander purzelnden Figuren-Welt an, die sich in Maskeraden (Kostüme von Bjanka A. Ursulov) gefällt. Es wird kalauert, mitunter auch gewiehert, warum eigentlich, und das Ensemble tanzt mit Inbrunst barfuß oder in Socken eine kunterbunte Mischkulanz aus Neoklassik und Moderne, Verrenkungen und überzogenen, skurrilen Bewegungsfolgen. Was genau bezweckt sie damit? Ironie, Scharade oder den Blick in eine kindliche Welt durch die Komik-Brille? Auf jeden Fall wollen Heiterkeit und Happiness verbreitet werden, just Entertainment. Einen aktuellen Bezug (aber welchen genau?) sollen wohl etwa die Burka tragenden Gestalten im „Arabischen Tanz“ herstellen.

Aktivitäts-Mangel kann man dieser Regie jedenfalls nicht anlasten. Allerdings ist in diesem unverdrossen wie eine Spieldose ablaufendem Kontinuum, das keine Pause bräuchte, auch keine Möglichkeit für Figuren-Entwicklung, den Anflug einer Geschichte oder gar das Ausbreiten einer Atmosphäre. Die unentwegt das Publikum aber kaum ihren Prinzen anlächelnde Klara (Rie Akiyama) bleibt eine Randfigur. Den Nussknacker-Prinz (Alexander Novikov als Puppe, Geoffroy Poplawski als Prinz) hat sich der zaubertüchtige Onkel Drosselmeier - der in dieser Fassung weiblich ist und später auch als Fee wiederkehrt, ein durchaus interessanter Gedanke - wohl als seinen/ihren Spielgesellen erzeugt. Die Duette zwischen diesen beiden bleiben in Erinnerung, die Strahlkraft des Abends kommt somit in erster Linie von der doppelgesichtigen, Schicksal spielenden Andressa Miyazato. Sie herrscht mit Zylinder, Tüllrock und feiner Geste über das Gepurzle. Musikalisch löst Mei Hong Lin immer wieder eingehörte Erzählstrukturen auf und umgeht damit gleichzeitig jede aufkeimende Theatralik. Am Pult tut Dennis Russell Davies mit dem Bruckner Orchester übrigens ganz Ähnliches: Eilfertig wird Tschaikowski musiziert, auf das Tempo gedrückt, aber keine erzählerische Struktur in der Interpretation aufgegriffen. Sozusagen erfährt man hier eine konzertant klingende, sehr kühle Wiedergabe, die wie die Eislauffläche wirkt, auf der sich auch das choreografische Eingangsmotiv der Regie in einem Kreis bewegt. Also doch Absicht. In Linz verlässt man demnach auch nicht mit Sternen in den Augen das Theater, sondern mit Fragezeichen: Wo ist er geblieben dieser Nussknacker, der doch immer ausverkauft ist und uns träumen und staunen lässt.

Veröffentlicht am 14.10.2014, von Andrea Amort in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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Kommentare zu "Ein Schmalspur-Nussknacker"



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