HOMEPAGE



Bielefeld

SCHÖN GESCHEITERT

"Peer Gynt" von Gregor Zöllig und Gavin Bryars in Bielefeld



Wie Fantasten wie Peer Gynt in unserer Zeit wohl aussähen, erfährt man leider nicht. Schade. Zurück bleibt der schale Nachgeschmack eines mutlosen Versuchs, das Scheitern eines abenteuerlich kreativen Zeitgenossen ganz cool unromantisch zu skizzieren.


  • "Peer Gynt" von Gregor Zöllig: Gianni Cuccaro, Brigitte Uray Foto © Bettina Stöß
  • "Peer Gynt" von Gregor Zöllig: Ensemble Foto © Bettina Stöss
  • "Peer Gynt" von Gregor Zöllig: Alice Baccile, Brigitte Uray Foto © Bettina Stöß
  • "Peer Gynt" von Gregor Zöllig: Tiago Manquinho (Tollhäusler) Foto © Bettina Stöß

Die Erwartung war groß: wieder ein "Peer Gynt"-Tanzstück. Nach John Neumeiers Ballett wagte sich jetzt Gregor Zöllig mit seiner kleinen Bielefelder Truppe, zeitgleich zum Einstand von Steijn Celis in Saarbrücken, an Henrik Ibsens philosophisch unterfüttertes "Dramatisches Gedicht" über den norwegischen Fantasten, der auszieht, das Glück zu finden, und lebensmüde heimkehrt, um zu erkennen, dass es Jahrzehnte lang direkt vor seiner Haustür auf ihn gewartet hat: Solvejg.

Die Latte lag hoch, sehr hoch: das NRW-Kultursekretariat Wuppertal gewährte Unterstützung aus dem Fonds Neues Musiktheater. Der britische Komponist Gavin Bryars ("Jesus never failed me yet") sagte Originalkompositionen zu. Neue Tänzer versprachen neue Akzente. Aber, wie Neumeier und Celis, blieb auch Zöllig Ibsens folkloristisch epischer Vorlage treu. Bryars ging gar vor Edvard Griegs unvergleichlich farbenprächtiger, romantischer Partitur förmlich in die Knie. Er orientierte sich an Griegs beiden Peer Gynt-Suiten und ähnlich programmatischen Kompositionen. Beim ersten Hinhören vermisst der Zuhörer in diesen Paraphrasen auf wohlbekannte Themen des Norwegers eigentlich nur Griegs Colorit - und hört allenfalls geleierte Minimalismen. Da muss es doch den wackeren Bielefelder Philharmonikern und der jungen 1. Kapellmeisterin Elisa Gogou ordentlich in den Fingern gejuckt haben.

Die Tänzer hingegen delektierten sich unbeirrt am poetischen Melos von Dichtung und Klang, plappern munter in ihren Muttersprachen. Aber: noch nie wirkte Gregor Zölligs Truppe derart frei, spielfreudig, heiter. Gianni Cuccaro ist als Peer kaum wieder zu erkennen: strahlend, sprunggewaltig, wandlungsfähig vom naiven Kind im albernen Billig-Rolli mit Norwegermuster - das Corps gibt ihm, schrecklicherweise, ein hämisches "Hänschen klein...." mit auf die Reise - bis zum geläuterten, melancholischen alten Heimkehrer. Mutter Aase (im unerträglich abgedroschenen schwarzen Witwen-Kittelkleid) tanzt Alice Baccile anrührend wie eine Mats Ek-Figur. Pauline De Laet ist die wunderbar verwirrte Braut Ingrid, Brigitte Uray die allzu konform lächelnde, aber geschmeidig tanzende Solvejg, Ursina Hemmi die fröhlich-laszive grüne Troll-Prinzessin, Anna Eriksson die verführerische, rot verschleierte Tochter Anitra eines Beduinenhäuptlings, Simon Wiersma ein grandios bizarrer Vorsteher des Tollhauses, Dirk Kazmierczak der Tod mit pastoraler Aura im Gewand des Knopfgießers.

Die Bühne lässt Ausstatter Hank Irwin Kittel leer und schwarz, akzentuiert den theatralischen Arbeitsraum mit blendenden Lampen- und Scheinwerfer-Batterien, gelegentlich mit mehr oder weniger erhellenden, stereotypen Requisiten, Kostümen oder Accessoires. In diesem finsteren Labor des Nachdenkens über Identitätssuche, Liebe, Sexualität, Hoffnung und Tod, die Zöllig erforschen will, erzählt er reichlich konventionell, aber doch mit überraschend freier choreografischer Handschrift, was ein Provinzpublikum wohl auch von einem "Peer Gynt"-Abend erwartet. Man versteht die Geschichte, man liebt die Tänzer, man summt (innerlich) Griegs Ohrwürmer mit.

Die Bielefelder beten ihre Tanzmacher ohne wenn und aber an und feierten die wirklich wunderbar engagierten, ausdrucksstarken Tänzer nicht nur am Premierenabend mit stehenden Ovationen.

Veröffentlicht am 25.10.2014, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2014/2015

Dieser Artikel wurde 2726 mal angesehen.



Kommentare zu "Schön gescheitert"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    VON DER MANIPULIERBARKEIT DES KÖRPERS

    „Am Puls des Lebens“, zweiteiliges Tanztheater von Gregor Zöllig in Bielefeld

    Veröffentlicht am 02.05.2010, von Marieluise Jeitschko


    ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

    Tanztheater zwischen Tradition und Innovation

    Veröffentlicht am 29.10.2012, von Marieluise Jeitschko


    GEFANGEN IM NETZ

    Gregor Zölligs „Identity 2.0“ in Bielefeld

    Veröffentlicht am 26.03.2012, von Marieluise Jeitschko


    DAS „SCHWANENSEE“-FINALE COOL AUS DER HÜFTE GETANZT

    „Schwanengesang“ von Gregor Zöllig

    Veröffentlicht am 30.10.2011, von Marieluise Jeitschko


     

    LEUTE AKTUELL


    "EINE GROßE EHRE"

    Tarek Assam zum Sprecher der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz gewählt
    Veröffentlicht am 05.05.2017, von Dagmar Klein


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


    EINE JUNGE KOMPANIE FÜR BERLIN

    Marion Heinrich im Gespräch mit den Intendanten des „Landesjugendballetts Berlin“
    Veröffentlicht am 31.03.2017, von Gastautor



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    STAATSBALLETT BERLIN: PROGRAMM DER SAISON 2017/2018

    Das Staatsballett Berlin veröffentlicht seine vollständigen Pläne für die Spielzeit 2017/2018

    Drei Premieren, ein Gastspiel der Ballets de Monte-Carlo, die Gala „Polina & Friends“ sowie eine Ballettwoche mit geballtem Programm stellen die Höhepunkte der Saison dar

    Veröffentlicht am 29.06.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    REQUIEM FÜR EINE JUNGE GENERATION

    Jeroen Verbruggen und Jirí Bubenicek kreieren fürs Staatstheater Nürnberg

    Veröffentlicht am 26.06.2017, von Alexandra Karabelas


    ANDERE ORTE, ANDERER TANZ

    In der Reihe „Intershop“ choreografieren Tänzerinnen und Tänzer vom Leipziger Ballett an besonderen Orten der Stadt

    Veröffentlicht am 03.07.2017, von Boris Michael Gruhl


    MARCO GOECKE WIRD NICHT VERLÄNGERT

    Der Vertrag des Hauschoreografen des Stuttgarter Ballett läuft zum Ende der Spielzeit 2017/2018 aus

    Veröffentlicht am 11.07.2017, von Pressetext


    WEH DEM, DER ZEICHEN SIEHT!

    Europapremiere von Ohad Naharins „Venezuela“ in Hellerau

    Veröffentlicht am 24.06.2017, von Rico Stehfest


    MIT GROßEN SPRÜNGEN IN DIE ZUKUNFT

    Ballett-Matinee der Stuttgarter John Cranko Schule

    Veröffentlicht am 14.07.2017, von Boris Michael Gruhl



    BEI UNS IM SHOP