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Osnabrück

LIAISON ZWISCHEN WORT UND TANZ

De Candias "Sag mir, dass du mich liebst" in Osnabrück



Der Briefwechsel von Erich Maria Remarque und Marlene Dietrich ist ein reizvolles Thema. Mauro de Candia verpackt es als Revue im Stil der 1920er Jahre.


  • De Candias Remarque-Revue in Osnabrück: Vasna Felicia Aguilar, Amadeus Marek Pawlica und Beatrice Panero Foto © Jörg Landsberg
  • De Candias Remarque-Revue in Osnabrück: Amadeus Marek Pawlica und Vasna Felicia Aguilar Foto © Jörg Landsberg
  • De Candias Remarque-Revue in Osnabrück Foto © Jörg Landsberg
  • De Candias Remarque-Revue in Osnabrück Foto © Jörg Landsberg

Hundert Jahre nach Beginn des 1. Weltkriegs gedenkt das Theater Osnabrück bis zum Spielzeitende im "Stadtprojekt Remarque" des Pazifisten: geboren 1898 in Osnabrück, weltberühmt geworden durch seinen Anti-Kriegs-Roman und Oscar prämierten Film "Im Westen nichts Neues", von den Nazis verfemt und des Landes verwiesen, in Hollywood gefeiert, 1970 im Tessin gestorben.

Erich Maria Remarque war offenbar ein lebenslustiger, liebeshungriger Beau, der auch während seiner drei Ehen Flirts und Affären nicht abgeneigt war. Greta Garbo und Marlene Dietrich zählten zu seinen "Trophäen". Wie sehr er nach der Bewunderung der Damen lechzte, offenbarte er der Dietrich Ende der 1930er: "Sag mir, dass du mich liebst. Ich werde besser dadurch. Ich arbeite ruhiger und schneller, wenn du mir sagst, dass du mich liebst. Denn ich lebe nur dadurch, dass du mich liebst." Drei Jahre, von 1937-40, dauerte die Liaison. Von dem Briefwechsel zwischen der Hollywood-Diva und dem Autor im schweizerischen Exil sind nur Remarques Aufzeichnungen erhalten. Osnabrücks Tanzchef Mauro de Candia zieht aus ihnen Rückschlüsse auf das Gefühlsleben von zwei Menschen, die in erster Linie das Heimweh verband.

Ein reizvolles Thema, verpackt als Revue im Stil der 1920er - obwohl Remarque und Dietrich sich ja erst Ende der 1930er in der Schweiz begegneten und bald nach Remarques Ankunft in den USA (1939) trennten. Sie hatte ihm wohl auch nur wenig zu sagen.

Eine gelungene Überraschung ist das Entrée vom Publikum und den Tänzern mit ihren raffiniert gestylten und blitzend gegelten Frisuren in eleganter schwarzer Cocktailkleidung, vorbei am prächtigen Treppenhaus aus der Gründerzeit durch eine riesige Drehtür in die Intimität eines schummerigen Tanzcafés mit roten Lämpchen an der Wand und einem Chambre séparée (oder winziger Varieté-Bühne?) hinter rotem Vorhang.

Zuschauer werden zum Tanz aufgefordert, tauschen dann Plätze mit den Tänzern auf der Tribüne. Quadratische schwarze Tische rollen herein und werden zu Mitspielern koketter Avancen. Jeder der fünf Tänzer ist Remarque - als eitler, sich spiegelnder Schönling oder auch als Arzt Ravic (David Lukas Hemm) oder Kind Alfred (Lennart Huysentruyt). Jede Tänzerin ist Marlene (wunderbar aufreizend und unnahbar zugleich: Hsiao-Ting Liao!). Protagonist Amadeus Marek Pawlica gibt Remarque verhalten melancholisch, Vasna Anguilars Marlene hat ihre besten Momente, wenn sie herausfordernd posiert. Aber beide sind tatsächlich austauschbar als die charismatischen Größen einer Glamourwelt, wie die Besetzungsliste zeigt.

Aus dem Lautsprecher tönt Marlene Dietrichs schmachtend sinnliche Stimme mit den Evergreens "Johnny, wenn du Geburtstag hast", "Peter!" und "Lili Marlen". Dazu schleppen dann alle Damen die unvermeidlichen Koffer der Dietrich über die Bühne und Männer wie Frauen deuten durch Soldatenkäppis Dietrichs Auftritte in den Feldlagern während des Kriegs an. Zwischendurch werden Stimmen zweier Schauspieler mit Briefauszügen oder ein bisschen Geklimper von Arrangeuer und Komponist Martin Räpple eingespielt. Das alles reicht nicht wirklich, nicht einmal für 80 Minuten Aufführungsdauer. Zu Herzen geht eigentlich nur gegen Ende mit Schuberts "Leise flehen meine Lieder durch die Nacht zu dir". Zu derart überirdischer Poesie schwangen Remarque und Dietrich sich ganz offensichtlich nicht auf.

Bleibt die Frage: lässt sich ein Briefwechsel überhaupt choreografieren? Lassen sich in Worte gefasste Gefühle tanzen? Daniel Goldin gelang es vor Jahren in Münster mit "Tagelang und Nächtelang", in dem er leise Poesie und feine Sensibilität im Ambiente einer Bibliothek walten ließ. Freilich stand ihm wohl auch mit dem Briefwechsel von Franz Kafka und Milena Jesenská weit ergiebigeres Material zur Verfügung.

Veröffentlicht am 16.11.2014, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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