HOMEPAGE



Berlin

SEXY, INNOVATIV UND THEORETISCH

Die Sophiensaele öffnen sich für anderthalb Wochen den 24. Tanztagen



Klingt verheißungsvoll, was Anna Mülter in einem Interview zu ihrem Konzept sagt. Seit dieser Ausgabe ist sie neue Kuratorin der Tanztage und soll dem alten Format endlich frischen Schwung und neue Qualität geben.


  • Aoife McAtamneys "Softer Swells" bei den Tanztagen Berlin Foto © Giacoma Corvaia
  • Anna Mülter Foto © Christian Kleiner PR

Klingt verheißungsvoll, was Anna Mülter in einem Interview zu ihrem Konzept sagt. Seit dieser Ausgabe ist sie neue Kuratorin der Tanztage in den Sophiensaelen und soll dem alten Format in seiner 24. Edition endlich frischen Schwung und neue Qualität geben. Was bleibt: Die Tanztage sind nach wie vor ein Podium für Berlins Nachwuchschoreografen. Mülter, mit Magister in Literatur- sowie Theaterwissenschaft, Publizistik, Soziologie und Philosophie, ist indes bei der Auswahl der Beiträge nach eigener Aussage keinen Trends hinterhergehetzt, noch hat sie Themen vorgegeben. Nur was sie überzeugend fand, erhielt eine Einladung. Eine „queere, nicht-normative Arbeitsweise“ sei ihr wichtig, sagt sie, und das passt gut zur offenen Atmosphäre im zeitgenössischen Tanz. Auffällig sei diesmal die Herkunft vieler Choreografen aus Bereichen wie Soziologie, Psychologie, Wirtschaftswissenschaften, sogar Physik und Biomedizin. Das kann die Sicht auf den Tanz weiten helfen. Weiten soll ihn auch die Kooperation mit internationalen Plattformen für junge Choreografen, heuer durch Teilnahme einer Tanzschöpferin aus Sri Lanka; dass ihr Kollege keine Einreise nach Deutschland erhielt, ist ein Verlust. Und, scheint es, Mülter strukturiert die Tanztage besser und öffnet ihnen das gesamte Haus.

Eingeleitet werden sie durch „Palais Idéal“, in dem sich die beiden Performerinnen Horwitz & Hess eine Landschaft aus Nebel und Licht spielerisch aneignen. Später am Eröffnungsabend wird sich die Irin Aoife McAtamney in einem Solo mit Geschlecht und Sexualität auseinandersetzen, während Martin Hansen in seinem Duo mit Ania Nowak queere Zeitlichkeit innerhalb der linearen Zeit des Theaters hinterfragt, was immer das meint. Bereits an diesem Abend beginnt, was sechs ChoreografInnen im 15-Minuten-Takt an Spielorten quer durchs ganze Haus vor jeweils einem Zuschauer zeigen: Nähe und Distanz, Aufhebung der Grenzen von Akteur und Publikum. „Strip Down To Everything“ nennt sich der Performance-Parcours zwischen Keller und Boden. Zu nächtlicher Stunde laden dann die Boys in the Woods zu einer spirituellen Erfahrung aus Konzert und Performance.

Queer konnotiert geben sich auch Steve & Sam, wenn sie in „Man Power Mix“ Materialien auf ihr maskulines Potenzial erkunden. Nach Bars und Kunsträumen stürmen sie jetzt die Sophiensaele. Als One-Woman-Show gestaltet die Schweizer Ich-AG Lea Moro Strawinskis „Sacre du Printemps“, indem sie alle Parts selbst tanzt. Bis zur Australierin Melanie Jame Wolf reicht der Sex-Trip: Ihre Erfahrungen als Stripperin in Melbourne verarbeitet sie nun zu einer Performance um Körperpraxis und Feminismus. Landsmännin Noha Ramadan untersucht „nur“ den unaufhörlichen Strom von Botschaften, bis deren Bedeutung zusammenbricht und in Bewegung umschlägt. Auch Vincent Riebeek bezieht sich auf ein Werk der Ballets russes. Anhand von „Spectre de la Rose“, nicht nur in Nijinskys Interpretation eine Paradebeispiel von androgyner Ausstrahlung, reflektiert Riebeek die eigene Rolle als männlicher Tänzer. Sein „Flaming Lamborghini“ widmet sich zudem der Bedeutung von Schönheit in Leben und Arbeit. „Meet me as a Stranger“ konfrontiert zwei Menschen und zwei Stile: einen Breakdancer und eine zeitgenössische Tänzerin auf der Suche nach Differenzen und Gemeinsamkeiten. Wenn der Tänzer Vincent Bozek und der Gesellschaftsforscher, Journalist und Eventmanager Simo Vassinen in „Talkshow“ Gäste aus Kunst, Clubkultur, Journalismus und Wissenschaft zum Diskurs über zeitgenössischen Tanz empfangen, dann, versprechen sie, wird die Talkrunde selbst zur Performance.

Zwei Beiträge fragen danach, wie im choreografischen Prozess Ideen entstehen. Aus einer diesbezüglichen Studie entwickelte die Französin Cécile Bally ein Solo, das die Ergebnisse am eigenen Körper überprüft. Die Engländerin Ligia Lewis hingegen erarbeitete unter anderem nach Stanislawskis Schauspieltechnik ein choreografisches Prinzip zur besonderen Intensität einer Rollenverkörperung. Dazu übersetzt sie Texte von Anouilh und Beckett in Bewegung von großer Traurigkeit. Heiterer dürfte es in Alexander Baczynski-Jenkins' Trio „Feeling real“ zugehen, dem Kehraus der Tanztage, der queere Londoner Clubkultur als sozialen Raum und sinnliche Infektion thematisiert. Ob dabei gleich, wie angekündigt, ein „hybrides Ritual für das 21. Jahrhundert“ entsteht, wird man sehen.

8.-18.1., Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte, Kartentelefon 283 52 66, www.sophiensaele.com

Veröffentlicht am 07.01.2015, von Volkmar Draeger in Homepage, Themen, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2166 mal angesehen.



Kommentare zu "Sexy, innovativ und theoretisch"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    NEUE AUFGABE FÜR ANNA MÜLTER

    Künstlerische Leitung für die Tanztage Berlin entschieden

    Anna Mülter übernimmt mit sofortiger Wirkung die Künstlerische Leitung des Festivals und wird darüber hinaus ganzjährig das Tanzprogramm der Sophiensæle co-kuratieren.

    Veröffentlicht am 28.03.2014, von Pressetext


    PERFORMANCES ZUM LOB DES UNTERKÖRPERS

    Halbzeit bei den Tanztagen in den Sophiensaelen

    Ginge es hier um Eiskunstlauf, würde man zumindest vom ersten Teil der Tanztage von einer bedenklich schwachen Kür sprechen. Immerhin hat Neukuratorin Anna Mülter eingehalten, was sie versprochen hat.

    Veröffentlicht am 15.01.2015, von Volkmar Draeger


    KRITISCHE ANEIGNUNG KULTURELLER KONTEXTE

    In den Sophiensaelen feiern die Tanztage ihren 25. Geburtstag

    Was im Pfefferberg, von heute aus betrachtet, geradezu legendär begann, hat seinen Platz in den Sophiensaelen gefunden und ist auch dort nach wie vor ein Renner.

    Veröffentlicht am 13.01.2016, von Volkmar Draeger


    GEDANKENSPIELE UND DOKUMENTARTANZ

    Thematische Vielfalt bei den 26. Tanztagen Berlin in den Sophiensaelen

    Was einst als Leistungsschau der Berliner freien Szene auf dem Pfefferberg begonnen hatte, ist ein erwachsenes Festival für junge in- und ausländischen Choreografen geworden.

    Veröffentlicht am 12.01.2017, von Volkmar Draeger


     

    AKTUELLE NEWS


    KREATIVE ALLIANZEN FÜR EINE DEMOKRATISCHE ÖFFENTLICHKEIT

    Tanz- und Theaterschaffende diskutierten in Dresden kulturpolitische Strategien
    Veröffentlicht am 20.09.2017, von Pressetext


    MIKHAIL BARYSHNIKOV ERHÄLT DEN PREMIUM IMPERIALE INTERNATIONAL ARTS AWARD

    Am 18. Oktober wird der amerikanische Tänzer und Choreograf für sein Lebenswerk ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 16.09.2017, von tanznetz.de Redaktion


    BEN VAN CAUWENBERGH BLEIBT AM AALTO BALLETT ESSEN

    Der Vertrag mit dem Essener Ballettintendanten wurde bis zur Spielzeit 2022/2023 verlängert
    Veröffentlicht am 14.09.2017, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ- UND PERFORMANCE-PROGRAMM IM RAHMEN DES BEETHOVENFESTS

    Vom 8. September bis 1. Oktober in Bonn

    In den letzten zwei Jahren öffnete sich das Beethovenfest zeitgenössischen »jungen« Kunst-Sparten. Auch das diesjährige Festival widmet sich den tänzerischen und performativen Formen der Gegenwart.

    Veröffentlicht am 01.04.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DEUTSCHLAND BLEIBT TANZLAND

    Das Spielzeitheft Nr. 4 ist da!

    Veröffentlicht am 30.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    MIKHAIL BARYSHNIKOV ERHÄLT DEN PREMIUM IMPERIALE INTERNATIONAL ARTS AWARD

    Am 18. Oktober wird der amerikanische Tänzer und Choreograf für sein Lebenswerk ausgezeichnet

    Veröffentlicht am 16.09.2017, von tanznetz.de Redaktion


    DAS LEISE AUSATMEN DER HÄNDE

    In Dresden geht die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tanzerbe Mary Wigmans weiter

    Veröffentlicht am 14.09.2017, von Rico Stehfest


    BEWEGUNGS-FREIHEITEN

    Boris Charmatz: „A dancer's day“ auf Tempelhofer Flughafen im Hangar 5

    Veröffentlicht am 18.09.2017, von Miriam Althammer


    BESCHWINGT UND HEITER – VOM FEINSTEN

    Eine glanzvolle Wiederaufnahme von „Chopin Dances“ mit zwei Choreografien von Jerome Robbins anlässlich dessen 100. Geburtstags beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 20.09.2017, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP