HOMEPAGE



Wuppertal

SINN FÜR DAS LUFTIGE

"Schönheit wagen - Tanzkleider von Marion Cito, 1980-2009"



Was Marion Citos Kostüme für Pina Bauschs Stücke mit den Tänzern tun, unterstreicht der opulente Bildband "Schönheit wagen - Tanzkleider von Marion Cito, 1980-2009".


  • "Schönheit wagen" - Ein Bildband mit Kostümen von Marion Cito Foto © Tanztheater Wuppertal

Sie begeistert sich für "das Rascheln des Kleiderstoffs" und sieht die Hauptfunktion ihrer Kleider darin, "die Tänzer zu unterstützen, ihnen die größtmögliche Bewegungsfreiheit zu lassen". Marion Citos Kostüme für das Tanztheater Wuppertal "sind tatsächlich Kleider für alles", bestärkt die Pariser Tanzkritikerin Dominique Frétard in ihrem Porträt. "In ihnen kann man lieben, weinen, Spaghetti kochen, den Boden wischen, Ziegelsteine schleppen, schwimmen, einen Eimer Wasser ins Gesicht bekommen... schön sein. Und natürlich: tanzen."

"Schönheit wagen" heißt der opulente Bildband von Pina Bauschs langjähriger Kostümbildnerin. Die Aufnahmen von internationalen Fotokünstlern wie Ulli Weiss, Ursula Kaufmann, Gert Weigelt, Guy Delahaye, Francesco Carbone, Laszlo Szito und Oliver Look sind ein glänzender Mix aus "Inszenierung" und "Garderobe". Selbst auf den Kleiderständern machen diese Roben, Anzüge, Kleidchen, Lendenschurze und Badeanzüge noch bella figura. Die Betrachterin fühlt sich verlockt, eins der Ballkleider zu probieren - sich glamourös zu fühlen! Das entspricht ja durchaus dem aktuellen Dresscode "dress to impress".

Auf gar keinen Fall wollte Pina Bausch auch nur die kleinste Andeutung von Folklore in ihren Stücken sehen - so sehr sich das vielleicht der eine oder andere Co-Produzent aus Fernost oder Lateinamerika gewünscht hätte. Länderspezifische Kleidungsstücke erlaubte sie ausnahmsweise, wo sie aussagekräftig waren, wie etwa der baumwollene indische Dohti der Männer in "Bamboo Blues" oder Schottenröckchen (zur derben schwarzen Lederjacke für den Schotten Mark Sieczkarek) in "Ahnen". Bausch, die sich in dezent eleganten, losen schwarzen Outfits von Yohji Yamamoto am wohlsten fühlte, wollte in ihren Stücken Sehnsüchten nach ewiger Schönheit nachträumen, eben "Schönheit wagen". Sie attestierte Cito einen "Sinn für das Luftige, der dem, was ich mag, entgegenkommt."

Auf der Innenseite des hinteren Deckels zeigt eine Schwarzweißaufnahme von Francesco Carbone die junge Pina mit abenteuerlich keckem Gesichtsausdruck, wohl aus den ersten Wuppertaler Jahren, als Cito dazustieß. Man verstand sich fast wortlos. 1976 war die gebürtige Berlinerin und Ex-Ballerina der Deutschen Oper über den Umweg Darmstadt, wo sie drei Jahre Gerhard Bohners Truppe angehörte, nach Wuppertal gekommen, hatte einfach angefragt, ob man sie brauchen könne, tanzte im Ensemble, assistierte Bausch und Rolf Borzik. So wuchs sie in ihre unvorhersehbare Rolle hinein, nachdem Borzik 1980 so tragisch früh gestorben war. Bis zu Bauschs Tod kreierte Cito mit schier unerschöpflicher Kreativität und Raffinesse ein ganzes Arsenal atemberaubender Galaroben für die Damen - und zuweilen auch für die Herren. Die Tänzer tun das ihre, die Stoffe mit oft floral romantischen oder stilisierten Mustern dramatisch in Szene zu setzen: Morena Nascimento biegt sich weit nach vorn in einer lindgrünen Wolke. Nayoung Kim wirkt streng und doch kokett im quer gerafften Oberteil zum geometrisch drapierten Rock. Das kirschrote Kleid von Clémentine Deluy plustert und wellt sich wie eine vom Wind aufgepeitschte Welle im Meer. Begeisternd ist der lässige Schick der Anzüge aller Couleur, akzentuiert etwa durch lange Ohrgehänge oder ein Collier für Dominique Mercy. Pablo Aran Gimeno gefällt nicht nur sich selbst im Jackett, das gerade den Po bedeckt. Die nackten, beharrten Beine enden in hohen magentafarbenen Lack-Stilettos.

Impressionen wie vom Catwalk in Mailand, Paris oder Berlin sind viele Fotos sinnlich, temperamentvoll und elegant. Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein, Traum und Wirklichkeit, Weltschmerz und Lebenslust, Hass und Zärtlichkeit, die Bauschs Stücke prägen, wird oftmals verschleiert durch die schiere Schönheit und Eleganz von Stoff und Design der Kostüme. 30 Jahre lässt das Buch Revue passieren. Die Fotogalerie beginnt mit dem letzten Stück "...como el musguito en la piedra, ay si, si, si ..." von 2009 und endet mit "1980". Im Anhang sind die Stücke in umgekehrter Reihenfolge, also chronologisch, gereiht.

Zwischen den glamourösen Bildern dieses Prachtbandes verstecken sich die wenigen Textbeiträge (in vier Sprachen) fast verschämt. Zum Geleit drückt Yohji Yamomoto (bedauernswert hölzern in der deutschen Übersetzung) unter der Überschrift "Eine Person namens Marion Cito" seine "unwiderstehliche Bewunderung für die Kostüme von Marion Cito" aus: "Wenn Pina mich gebeten hätte, für sie Kostüme zu entwerfen, natürlich meinem eigenen Blick entsprechend, ich wäre nicht sicher gewesen, dass ich es so zu ihrer vollsten Zufriedenheit hätte umsetzen können." Norbert Servos fasst Citos Vita sehr knapp zusammen. Auch in dem Porträt von Dominique Frétard in Le Monde von 2007 erfährt man wenig Konkretes über die Entstehung dieser theatralen Haute Couture-"Kollektion". Darüber gibt die aparte, zierliche Künstlerin Auskunft bei offiziellen Präsentationen des Buchs - zum Beispiel am 22. Februar im Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs Köln (Im Mediapark 7) als Teil des Rahmenprogramms zur Tanzmoden-Schau "Faltenwurf und Walzerschritt".


"Schönheit wagen - Tanzkleider von Marion Cito 1980-2009". Herausgeber Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, 9/2014. 320 S., 420 Abb. 40,-- Euro. ISBN 978-3-00-046632-8.

Veröffentlicht am 03.02.2015, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Tanzmedien, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2012 mal angesehen.



Kommentare zu "Sinn für das Luftige"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    SPRECHENDE SCHULTERN, SCHREIENDE ELLBOGEN UND FLÜSTERNDE KNIE

    Interview mit Wayne McGregor: Neuer Ballettabend am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 15.04.2018, von Vesna Mlakar


    STAKEHOLDER IN STRUMPFHOSE ODER BETRIEBSJUBILÄUM AUF DER BÜHNE

    Jason Reilly – ein Interviewportrait von Alexandra Karabelas
    Veröffentlicht am 13.03.2018, von Alexandra Karabelas


    „WIR GEHEN NIE OHNE ZIEL UND ZWECK AUF DIE BÜHNE“

    Ballet BC: Deutschlanddebüt bei Movimentos, dem Festival der Autostadt Wolfsburg
    Veröffentlicht am 13.03.2018, von Volkmar Draeger



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    WAVES (UA)

    Tanzabend von Tarek Assam mit Uraufführung am 10. Mai 2018 in der taT-Studiobühne des Stadttheaters Gießen.

    Die Tanzcompagnie Gießen würdigt mit WAVES die neuesten Errungenschaften der Wissenschaft und streift retrospektiv die Ideen von Kopernikus, Newton und Einstein.

    Veröffentlicht am 05.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    ZIRZENSISCHE HOMMAGE AN PINA BAUSCH

    Adolphe Binder beweist in Wuppertal mit Dimitris Papaioannou einen guten Griff

    Veröffentlicht am 13.05.2018, von Marieluise Jeitschko


    DAS LEBEN ALS DAUERLAUF

    Die Tanzkompanie des Staatstheaters Braunschweig zeigt Guilherme Botelhos atemberaubendes Tanzstück „Sideways Rain“

    Veröffentlicht am 10.05.2018, von Andreas Berger


    IVÁN PÉREZ KOMMT NACH HEIDELBERG

    Der Choreograf Iván Pérez übernimmt ab der Spielzeit 2018/19 das Dance Theatre Heidelberg

    Veröffentlicht am 16.05.2018, von tanznetz.de Redaktion


    WUNDERVOLLES JETZT

    "After Trio A" von Andrea Božić und “The Dry Piece” von Keren Levi

    Veröffentlicht am 17.05.2018, von Natalie Broschat


    TANZ IM TREPPENHAUS

    Das Festival TanzArt ostwest 2018 in Gießen

    Veröffentlicht am 13.05.2018, von Dagmar Klein



    BEI UNS IM SHOP