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Gießen

MOMENTE DER VERGANGENHEIT

Der dreiteilige Tanzabend "Spieluhr" am Theater Gießen



Tarek Assam und die Gastchoreografen Pascal Touzeau und James Wilton beschäftigen sich in "Small Memories", "Legends" und "COG" mit dem Thema (Kindheits-)Erinnerungen.


  • Tanzabend "Spieluhr" der Kompanie des Theaters Gießen: "Legends" von Pascal Touzeau Foto © Rolf K. Wegst
  • Tanzabend "Spieluhr" der Kompanie des Theaters Gießen: "Legends" von Pascal Touzeau Foto © Rolf K. Wegst
  • Tanzabend "Spieluhr" der Kompanie des Theaters Gießen: "Small Memories" von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
  • Tanzabend "Spieluhr" der Kompanie des Theaters Gießen: "Small Memories" von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
  • Tanzabend "Spieluhr" der Kompanie des Theaters Gießen: "COG" von James Wilton Foto © Rolf K. Wegst
  • Tanzabend "Spieluhr" der Kompanie des Theaters Gießen: "COG" von James Wilton Foto © Rolf K. Wegst

Begeistert aufgenommen wurde am Stadttheater Gießen der dreiteilige Tanzabend „Spieluhr“. Ein Wort, das ursprünglich für Kindheitserinnerungen stand, und zu dem die beiden Gastchoreografen Pascal Touzeau und James Wilton ihre eigenen Assoziationen hatten. Die große Herausforderung lag also bei den zwölf Mitgliedern der Tanzkompanie Gießen, die während der sechswöchigen Proben ständig zwischen den unterschiedlichen Tanzstilen ihres Ballettdirektors Tarek Assam, der zu dem Abend auch ein Stück beisteuerte, und den beiden Gastchoreografen wechseln mussten. Sie erwiesen sich als höchst anpassungs- und leistungsfähig, haben die Aufgabe sensationell gemeistert.

Der Bühnen- und Kostümbildner des Stadttheaters Gießen, Lukas Noll, hat in enger Absprache mit den Choreografen deren unterschiedliche ästhetische Vorstellungen umgesetzt. Der „Post-Neoklassiker“ Pascal Touzeau wollte körperbetonte durchscheinende Trikots im eleganten Schwarz, der vom Contemporary Dance und Kampfsportarten geprägte britische Newcomer James Wilton gibt sich mit schlichten Overalls zufrieden, die sich nur in den Farben unterscheiden. Beide Gastchoreografen wählten für die je elfköpfige Tänzerauswahl Uniformität in der Erscheinung, ob männlich oder weiblich ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. Beide wählten den schwarzen Bühnenraum mit einem hell schimmernden Fußboden und stimmungsvollen Lichteffekten. Es war bei den beiden ein Tanz aus dem Dunkel und doch kann dieser unterschiedlicher kaum sein. Auch ist dieser deutlich geprägt von der jeweils ausgewählten Musik.

Pascal Touzeau, zuletzt Ballettdirektor am Staatstheater Mainz, wählte ein Streichquartett von Gavin Bryars, mit dem ihn persönliche Erinnerungen an seine Anfangszeit (1991) als Tänzer beim Ballett Frankfurt verbinden. Sein Gießener Stück „Legends“ sei eine „Hommage an meinen Lehrmeister William Forsythe“. Dessen Bewegungsrepertoire ist deutlich zu erkennen, in den raumgreifenden Bewegungen ebenso wie in den Gruppenarrangements. Allerdings unterscheidet sich Touzeau wesentlich in der Ästhetik, die den aus der Mode gekommenen Begriff Schönheit verdient. Touzeau erzählt nicht, er zeigt perfekte tänzerische Abstraktion. Ihm kommt es auf die Stimmung an und die ist traumverloren. Einzelne Mitglieder der Tanzkompanie ragen bei dem klassisch geprägten Tanzstil heraus, vor allem die beiden Japanerinnen Yuki Kobayashi und Mamiko Sakurai scheinen sich sehr wohl damit zu fühlen. Überraschend ist auch die leichte Eleganz bei den kräftig gebauten Tänzern Endre Schumicki und Michael Bronczkowski.

James Wilton nutzt die Musik des britischen Selfmademusikers Steven Wilson, der in den 90ern mit dem rockigen Elektrosound seiner Band Porcupine Tree bekannt wurde, aber auch in Einzelprojekten erfolgreich ist. Dessen zivilisationskritische Liedtexte bewegen den Choreografen aus Südengland schon lange, nun konnte er sie für seine Gießener Produktion „COG“ (=Cognitivity) nutzen. Das sind seine Fragen: Wie sehr prägen die neuen Technologien die Heranwachsenden, die nur noch einsam vor ihren Apparaten sitzen und die direkte Kommunikation verlernen? Wilton lässt anfangs zwei Tänzer eine Dritte schützend wieder auf die Beine bringen. Sie (Stoyanova) erlernt die Bewegungen neu, schaut den anderen staunend zu, ahmt nach. Und am Ende beherrscht sie das Spiel so perfekt, dass sie die anderen wie an magischen Fäden hin- und herbewegt. Das Tempo pendelt zwischen besinnlichem Stillstand und plötzlichem Wechsel zu pausenlos hämmernden Metalriffs. Das abschließende Solo von Magdalena Stoyanova ist ergreifend, wie schon so oft bei der erfahrenen Tänzerin. Und von der Lichtinszenierung fühlt man sich verzaubert wie einst als Kind vorm strahlenden Weihnachtsbaum.

Tarek Assam ist seiner ursprünglichen Idee zum Thema „Spieluhr“ treu geblieben, was sein Titel „Small Memories“ und die projizierten Fotos aus Kindheitstagen deutlich machen. Die Frage, ob Erinnerung einen Ort hat, beantwortet er mit dem Großfoto eines Gießener Abbruchhauses auf der Bühnenrückwand. Davor auf der Bühne ein Häuschen, das mit der Aufschrift „Photoautomat“ für die Versuche der Menschen steht, Erinnerung festzuhalten. Das bringt auch lustige Einblicke in die Selbstinszenierungen. Aber das Häuschen steht auch für die Macht darüber, wer wie lange hineindarf; darum entbrennt ein fulminater Kampf zwischen Sven Krautwurst und Alberto Terribile. Assams siebenköpfige Gruppenauswahl ist vom Kostüm her im Alltag verortet und eindeutig als männlich oder weiblich zu erkennen. Krautwurst glänzt als Anzugträger in einem bodennahen und sprungstarken Solo, in Pas de deuxs mit Stoyanova und Caitlin-Rae Crook. Komplexe Dreier- und Vierergruppen zeigen unterschiedliche Begegnungen, die zwar intensiv, jedoch alle nur von kurzer Dauer sind. Als Musik wählte er den oft harschen Computersound von Pan Sonic und gefühlvolle Stücke des Trompeters Arve Henriksen. Bei der Premiere tanzten außerdem: William Banks, Agnieszka Jachym, Kristina Norri und Jennifer Ruof.

Nächste Vorstellungen am 8. Februar und 12. März, 04. April, 01. Mai, 22. Juni 2015

Veröffentlicht am 16.02.2015, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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