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Wayne McGregor und Random Dance mit „FAR“ beim tanzmainz-Festival



Wenn einmal das Superhirn der internationalen Tanzszene gekürt werden sollte, dann hätte der Brite Wayne McGregor gute Aussichten auf einen Spitzenplatz. Oft sucht er seine Inspirationen in ganz aktueller Wissenschaft wie etwa der Gehirnforschung.


  • "FAR" von Wayne McGregor beim tanzmainz-Festival Foto © Ravi Deepres

Wenn irgendwo einmal das Superhirn der internationalen Tanzszene gekürt werden sollte, dann hätte der Brite Wayne McGregor gute Aussichten auf einen Spitzenplatz. Oft sucht er seine Inspirationen nicht nur wie viele seiner Kollegen in der Geschichte oder in anderen Künsten, sondern in ganz aktueller Wissenschaft wie etwa der Gehirnforschung. Damit Spiel und Spaß nicht zu kurz kommen, choreografiert er auch schon mal Musikvideos oder Harry-Potter-Filme. Und weil er mit dem klassischen Ballettvokabular virtuos umgehen kann, ist er nicht nur Hauschoreograf des Londoner Royal Ballet, sondern auch gern gesehener Choreografie-Gast bei den Gralshütern der Neoklassik, wie dem New York City Ballett oder dem Pariser Opernballett. Daneben hat er noch seine eigene zehnköpfige Company „Random Dance“, mit der er beim tanzmainz-Festival zu Gast war.

Für „FAR“ ließ er sich von einer Wissenschaftsgeschichte des 18. Jahrhunderts („Flesh in the Age of Reasons“) inspirieren. Wie so etwas im Tanz aussehen kann? Grandios. Denn Wayne Mc Gregor ist zwar ein intellektueller Kopf, aber ein Choreograf mit höchstem ästhetischem und zutiefst menschlichem Anspruch. In einem von Ben Frost geschaffenen eindrucksvollen elektronischen Klangraum und vor einer immer wieder anders blitzenden, mit LED-Leuchten gespickten Wand untersucht er mit tänzerischen Mitteln, was passiert, wenn die Gewissheiten verloren gehen. Wie der Choreograf dabei mit der Bewegungssprache des klassischen Balletts spielt und die Verunsicherung des Körpers im technologisch geprägten Zeitalter anschaulich macht, ist eine Klasse für sich.

Eingangs zelebriert ein Paar einen Pas de deux noch geprägt von höfischer Zeremonie - virtuos, aber auch seltsam unpersönlich. Am Ende haben die Einzelnen sich selbst als Individuen und die Anderen als Gegenüber entdeckt – und für diese Begegnung reicht das Rüstzeug aus der überlieferten Tradition nicht mehr aus. Die Unsicherheit, das Staunen, das Sich-auf-einander-Einlassen: Das ist im abschließenden Pas de deux nicht nur handwerklich perfekt gelöst, sondern atmet auch tiefe Menschlichkeit – und erklärt den internationalen Siegeszug von „FAR“. Denn so weit ist das 18. Jahrhundert mit der Auflösung aller Gewissheiten dann doch wieder nicht vom 21. Jahrhundert entfernt.

Veröffentlicht am 18.03.2015, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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