HOMEPAGE



Essen

EINE RICHTIG FRÖHLICHE GALA

Deutscher Tanzpreis an Peter Breuer, Elisa Badenes und Ricardo Fernando



Vergeben wurden die drei Deutschen Tanzpreise diesmal an Peter Breuer für sein Lebenswerk als Tänzer und Choreograf, an Stuttgarts 1. Solistin Elisa Badenes für ihre in der Tat phänomenale Technik, Ausstrahlung und Vielseitigkeit und für Hagens Ballettchef Ricardo Fernando als nimmermüden Streiter für den Erhalt der Sparte Tanz auch an kleineren Theatern.


  • Foto © Mario Perricone
  • Foto © Mario Perricone
  • Foto © Mario Perricone
  • Birgit Keil mit dem Tanzpreisträger Peter Breuer Foto © Mario Perricone

Es waren schon besondere Momente, alte Videos von dem grandiosen Tänzer Peter Breuer über die Bühne flimmern zu sehen. Bis 1988 war er in Düsseldorf engagiert. Nun ist er seit 24 Jahren am Landestheater Salzburg Ballettchef und choreografiert auch andernorts - wie etwa in Karlsruhe seinen "Siegfried". So lag es nahe, dass nach Ausschnitten aus seiner "American Rhapsody" und dem "Boléro" (mit dem Salzburg Ballett), dem Duett "Fatum" (Yoshito Kinoshita, Patric Palkens), und einer Szene aus "Siegfried" (mit den Karlsruher Stars Bruna Andrade und Bledi Bejleri) Birgit Keil als Laudatorin auftrat. Wie im heimischen Wohnzimmer unter Freunden plauderte sie in sehr persönlicher, überaus charmanter Weise über den Kollegen.

Ein Hauch von Weltklasse wehte auch durch das Haus bei den Auftritten der jungen Spanierin Elisa Badenes, einer der jüngsten 1. Solistinnen des Stuttgarter Balletts. Sie wurde mit dem Tanzpreis "Zukunft" geehrt und dankte mit zwei Kostproben ihrer stupenden Technik, Ausstrahlung und Wandlungsfähigkeit in einem Pas de deux aus John Crankos "Der Widerspenstigen Zähmung" (mit Daniel Camargo) und der Uraufführung des eigens für diesen Anlass entstandenen, thematisch herrlich passenden Solos "Limelight" (Im Rampenlicht) ihrer Kollegin, der Stuttgarter Halbsolistin und Nachwuchschoreografin, Katarzyna Kozielska. Für den erkrankten Reid Anderson hielt Produktionsleiter Krzysztof Nowogrodzki eine geschliffene, flammende Laudatio.

"Für sein unerschöpfliches künstlerisches und soziales Engagement auf dem Gebiet des Tanzes sprechen wir Ricardo Fernando unsere höchste Anerkennung aus" heißt es in der Ehrenurkunde für den Anerkennungspreis zum Deutschen Tanzpreis 2015 an Hagens Ballettdirektor Ricardo Fernando. Der Brasilianer habe trotz "mitunter problematischster Rahmenbedingungen und der permanenten Bedrohung durch Einsparungen .... als Ballettdirektor und Choreograf stets für sein Ensemble, das Theater Hagen und die Tanzkunst gekämpft", heißt es weiter. Er stehe "damit für alle Tanzschaffenden, die im Kleinen Großes er- und bewirken". Hagens Intendant Norbert Hilchenbach bezeichnete Fernando, der mit Ehefrau Carla Silva in der elften Saison in Hagen engagiert ist, in seiner Laudatio als "Menschenfänger und -kenner". Er lösche Brände, räume auf und baue auf. Es falle leicht, ihm zu vertrauen, weil er kein Traumtänzer sei, sondern loyaler Realist und erfahrener Handwerker. Ausschnitte aus Fernandos Choreografien "Bach tanzt" und "Le Sacre du Printemps" stellten die bemerkenswerte Qualität und Ausstrahlung seiner zwölf-köpfigen Truppe unter Beweis. Mit seinem temperamentvoll vorgetragenen, witzigen Dank riss Ricardo Fernando das festliche Gala-Publikum im Aalto-Theater zu Lachstürmen und minutenlangem Applaus hin.

Überhaupt war es eine der fröhlichsten Galas, deren Charme in der familiären Atmosphäre bei aller Festlichkeit liegt. Für die Einstimmung in den Festakt sorgten erfreulich kurze Begrüßungen durch Jaš Otrin, den Ersten Vorsitzenden des organisierenden Fördervereins Tanzkunst Deutschland, und den Bürgermeister der Stadt Essen, Franz-Josef Britz. Ein Willkommen tanzte das Aalto Ballett Essen mit Ausschnitten aus Ben Van Cauwenberghs "Romeo und Julia". Die Ankündigung der Verleihung des 33. Deutschen Tanzpreises am 5. März 2016 gab Otrin dem Publikum als Bonbon mit auf den Heimweg.

www.fv-tanzkunst.de


Kommentar

Vor 40 Jahren wurde der Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik gegründet. 1983 hievte der Erste Vorsitzende Ulrich Roehm ihn mit der Auslobung des Deutschen Tanzpreises ins öffentliche Bewusstsein. Zwar taugte die Gala zur Preisverleihung noch nie als Seismograph für brandaktuelle Tanztrends, wollte sie doch ursprünglich vornehmlich pädagogische Ausnahmeleistungen auszeichnen und favorisiert bis heute das Ballett. Man erinnert sich: Gret Palucca und Tatjana Gsovsky - Legenden aus Deutschland Ost und West - waren die ersten Preisträgerinnen! Immerhin aber setzte und setzt die Gala doch ein weithin wahrnehmbares Ausrufungszeichen für Spitzenleistungen in der deutschen Tanzszene. Auch ist es ja nicht schlecht, einem Künstler für sein Lebenswerk Dank zu sagen oder eine bereits arrivierte junge Ausnahmeballerina zu feiern. Aber liegt dort die Zukunft dieses "Events" im international immer mehr gelobten "Tanzland Deutschland"? In die richtige Richtung weist die Idee des seit zehn Jahren federführenden Fördervereins Tanzkunst Deutschland, zusätzlich zum undotierten "Deutschen Tanzpreis" einen (sehr bescheiden dotierten) "Tanzpreis Zukunft" für Nachwuchstänzer und einen "Anerkennungspreis" auszuloben für Persönlichkeiten, die "den Spagat zwischen Politik und Kunst" in Sachen Tanz schaffen. Das war höchste Zeit. So begeisternd und unterhaltsam die vierstündige Gala verlief, für die Zukunft dieser vollmundig von manchen als deutscher "Tanz-Oscar" oder gar "Tanz-Nobelpreis" apostrophierte Auszeichnung wären mehr Mut, deutlicherer Fokus und Zukunftsvisionen angesagt.

Veröffentlicht am 30.03.2015, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2014/2015

Dieser Artikel wurde 2737 mal angesehen.



Kommentare zu "Eine richtig fröhliche Gala"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    EINSAME SEELEN

    "Der Nussknacker" am Thüringer Staatsballett
    Veröffentlicht am 15.12.2017, von Boris Michael Gruhl


    BIS INS JAHR 2100

    PHASE-ZERO PRODUCTIONS mit neuer Produktion im LOFFT Leipzig
    Veröffentlicht am 14.12.2017, von Boris Michael Gruhl


    TANZEN BIS ZUM FREIBIER

    Minutemade - Act One: Einweihung der Studiobühne des Gärtnerplatztheaters
    Veröffentlicht am 14.12.2017, von Vesna Mlakar



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    IF YOU COULD SEE ME NOW

    Internationales Gastspiel von Arno Schuitemaker mit Premiere am Samstag, den 16. Dezember 2017, in der Tafelhalle Nürnberg

    Die sinnliche Wahrnehmung des Zuschauers wird vor neue Herausforderungen gestellt.

    Veröffentlicht am 08.12.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DIE SIEBEN TODSÜNDEN

    Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch präsentiert im Januar 2018 eine Neueinstudierung des zweiteiligen Brecht/Weill-Abends von Pina Bausch „Die sieben Todsünden“.

    Veröffentlicht am 25.11.2017, von Anzeige


    AUFBRUCHSTIMMUNG BEI DER HEINZ-BOSL-STIFTUNG

    Ballettmatinee im Nationaltheater München

    Veröffentlicht am 21.11.2017, von Sabine Kippenberg


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    KREISLAUF DES LEIDS

    Lulu Obermayer bringt mit „Manon Lescaut“ eine unglaublich starke und pointierte Performance an die Kammerspiele München.

    Veröffentlicht am 28.11.2017, von Natalie Broschat



    BEI UNS IM SHOP