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Gießen

CHAOS UND ORDNUNG

TanzArt ostwest 2015 in Gießen startet mit Site Specific Project von Felix Dumeril



Als außergewöhnlicher Ort stand für "The Idea(l) of Order" der Stadtverordnetensitzungssaal im noch relativ neuen Rathaus zur Verfügung. Ein großer heller Raum mit Tischen und Stühlen, symmetrisch im Rund angeordnet.


  • "The Idea(l) of Order" bei TanzArt ostwest 2015 Foto © Rolf K.Wegst
  • "The Idea(l) of Order" bei TanzArt ostwest 2015 Foto © Rolf K.Wegst
  • "The Idea(l) of Order" bei TanzArt ostwest 2015 Foto © Rolf K.Wegst

Bei der letztjährigen TanzArt ostwest war Felix Dumeril als einer von vielen Gästen nach Gießen gekommen, zeigte mit seiner Partnerin Misato Inoue ihr kulturelle Grenzen überschreitendes Tanzstück „Another Chopsticks Story“, in dem er in einem skulpturähnlichen alpenländischen Filzmantel auftritt und sie im japanischen Kimono mit Essstäbchen bewaffnet. Die beiden sind als Duo „T42 Dance“ (gesprochen: Tea for Two) erfolgreich auf Tournee. Der Gießener Ballettdirektor Tarek Assam fragte bei ihm an, ob er bereit wäre ein Site Specific Project mit Tänzern der Tanzcompagnie Gießen (TCG) zu erarbeiten. Dies ist als Auftaktveranstaltung der TanzArt ostwest in Gießen zur beliebten Tradition geworden, ermöglicht durch die Förderung des städtischen Kulturamts.

Als außergewöhnlicher Ort stand der Stadtverordnetensitzungssaal im noch relativ neuen Rathaus von Gießen zur Verfügung. Ein großer heller Raum mit Tischen und Stühlen, die symmetrisch im Rund angeordnet sind, zentral ausgerichtet auf das Rednerpult und den darüber thronenden Tisch des Stadtverordnetenvorstehers, vis-a-vis der Zuschauertribüne. Demokratisch und hierachisch zugleich geordnet. Das nimmt Dumeril zum Thema seines Tanztheaterstücks mit dem Titel „The Idea(l) of Order“.

Er nutzt den Saal mit all seinen Gegebenheiten: Mikrofone und farbiges Deckenlicht werden eingesetzt, über Tische und Stühle wird getanzt, sich hinter den Bänken versteckt. Das Schwenken von Papieren spielt eine wichtige Rolle. Auf humorvolle Art seziert er Erscheinungsformen der parlamentarischen Demokratie, legt den Finger auf menschliche Schwächen und zeigt, wie leicht die parlamentarische Ordnung entgleiten und im Chaos enden kann, nicht nur bei Redeschlachten, auch ganz handgreiflich beim Testosteron gesteuerten Kampf mit Aktenkoffern und grellen Partys, bis hin zu angstbesetzten Szenen der Einsamkeit.

Dem Schweizer Schauspieler, Tänzer und Choreografen gelingt es vorzüglich, die internationalen neun Mitglieder der Tanzcompagnie Gießen (TCG) typgerecht einzusetzen: ihre jeweilige Sprache, ihr Aussehen und Bewegungspotential. So wandelt sich der Spanier Yago Catalinas Heredia im Laufe seiner Rede zum Flamencosänger und –tänzer, eine temporeiche, mitreissende und witzige Parodie. Die Japanerin Mamiko Sakurai mimt den brillentragenden, schüchternen Sekretärinnentyp, in ihrer Rede fällt auch sie in den typischen Singsang ihrer Heimatsprache, wird dann durch das Verschlucken eines Origami-Papierschwans zum weißen Schwan aus Schwanensee verwandelt. Nur kurz darf sie in dieser Rolle von der großen Liebe träumen, bevor sie mit gebrochenen Flügeln davon torkelt. Der Alltag ist per Klingelton brutal dazwischen geplatzt. Und der schwarze Deutsche Michael Bronczkowski brilliert gleich in mehreren Rollen: als unsicherer Abgeordneter und heimlicher Liebhaber, aber auch als Demonstrant mit Megaphon und pathetisch-pastoraler Redner us-amerikanischer Prägung, der vergeblich „Law and order“ einfordert. Zu dem Zeitpunkt ist längst alles aus den Fugen geraten.

Es fängt ganz harmlos an: Der beflissene Parlamentssekretär (Richard Oberscheven) sorgt für Ordnung auf den Tischen und rückt Stühle gerade. Die Abgeordneten treten im Einheitsgrau der Kostüme und Anzüge nacheinander in den Saal, sind in ihre Gespräche vertieft. Einzig der smarte Womanizer (Endre Schumicky) sorgt bei allen für Aufmerksamkeit; er wird später zum Anführer, der seine Kofferträger und Lakaien herumkommandiert, sich am Ende sogar die weiße Papierkrone aufsetzt und feiern lässt.

Bis dahin passieren viele komische Dinge, etwa Agnieszka Jachym und Jennifer Ruof, die auch beim Reden wie ein Zwillingspaar auftreten oder Ilaria Lacriola, Gast aus Bari, die ihr italienisch-gestenreiches Temperament voll ausleben darf. Während Kristina Norri die eher strenge und sprachgehemmte Abgeordnet gibt, doch ist sie auch die gelenkige Putzfrau, die den schlafenden Abgeordneten Bronczkowski in die Beinzange nimmt. Wer dabei Sex am Arbeitsplatz assoziiert, liegt wohl nicht ganz falsch.

Mit intensivem körperlichen Einsatz und ungewohnt starker Theatralik beeindrucken alle Beteiligten. Sie spielen Typen und sind dabei ebenso tiefgründig ernst wie schreiend komisch. Am Ende nehmen sie alle wieder den ermüdenden Lauf in den Gängen des parlamentarischen Alltags auf. Dieses Tanztheaterstück ist ein Vademecum für Parlamentarier, die auf ihre Arbeit einmal mit Distanz und Humor blicken mögen. Für alle anderen ist es köstliches Tanztheater, in Gießen noch zwei mal zu erleben: Pfingstsonntag und -montag (24./25. Mai) jeweils um 11.00 Uhr.

Veröffentlicht am 19.05.2015, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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