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Berlin

AUFFORDERUNGEN ZUM TANZ

Die Berliner HALLE wird „la salle“: Uraufführung der cie. toula limnaios



Lächelnd betritt eine kleine Frau, ganz in schwarz-weiß mit Pumps, Sonnenbrille und kleinem Täschchen, die Tanzfläche. Zum Samba-Rhythmus beginnen die Körper dem eigenen Gefühl folgend zu vibrieren.


  • cie. toula limnaios mit "la salle" in der HALLE Berlin Foto © Dieter Hartwig
  • cie. toula limnaios mit "la salle" in der HALLE Berlin Foto © Dieter Hartwig
  • cie. toula limnaios mit "la salle" in der HALLE Berlin Foto © Dieter Hartwig
  • cie. toula limnaios mit "la salle" in der HALLE Berlin Foto © Dieter Hartwig

Die Atmosphäre könnte entspannter nicht sein: die Zuschauer sitzen im Rechteck, die HALLE Tanzbühne offenbart ihr herrliches Parkett von fünf Kristall-Lüstern erhellt, Akkordeonmusik begleitet das Defilee der sieben Akteure, die anfangs zum Zuschauer gewandt wie vor Spiegeln posieren und ihre Nervosität kaschieren. Daniel Afonso in grün mit Weste, Giacomo Corvaia elegant in schwarzer Hose mit weißem Rüschenhemd, Karolina Wyrwal im kurzen Goldkleid, Katja Scholz im hellen Kleid, Inhee Yu in türkisblau und Hironori Sugata in beige. Lächelnd betritt eine kleine Frau (Toula Limnaios), ganz in schwarz-weiß mit Pumps, Sonnenbrille und kleinem Täschchen, die Tanzfläche. Zum Samba-Rhythmus beginnen die Körper dem eigenen Gefühl folgend zu vibrieren. Adilso Machado, ein Barde mit Hosenträgern und mit einem entwaffnenden Lächeln, wird geheimnisvoll zum Kontrapunkt im vielstimmigen Tanzreigen. Er rennt, wenn alle gehen, er behauptet seinen eigenen Takt gegen den mehrfach anwachsenden Marschrhythmus. Als eine Art 'maitre de plaisir' trägt, kippt, hebt er Frauen und Männer zu immer neuen Paarungen, deren Hände sich kaum oder ganz vorsichtig berühren. Zärtlichkeit. Umarmungen misslingen, der Marsch schwillt an, Tänzer klinken sich kurzzeitig aus, setzen sich zu den Zuschauern.

Gemeinsam schauen wir im Valse de Paris auf unisono tanzende Paare während Hironori Sugata hingebungsvoll versucht, die Langhaarige (Katja Scholz) mit ihrer Jacke zu wärmen, bis sie sich die falschen Haare abreißt. Vier Männer wirbeln, kriechen, hechten am Boden in zwei Paarungen, dann wild wie Kinder an und übereinander drehend. Plötzliche Ruhe. Die Akteure stehen in einladender Tanzpose, den Partner imaginär umfangend. Sehnsucht! Sie erfüllt sich dreifach: für das Paar im Kuss, für das Paar kopfüber in großer Pose. Toula Limnaios und Giacomo Corvaia streben zielsicher zueinander, legen eine kesse Sohle aufs Parkett, kleben musikselig am Anderen. So fest, dass die vielen Wasserflaschen, die Hironori Sugata zur emotionalen Abkühlung zwischen ihre langsam wiegenden Körpern schiebt, mittanzen.

Der launige Musikmix von Ralf Ollertz mischt Ballroom-Tänze mit verzerrten Ansagen von Turniertanz-Trainern. Im Cha-Cha flutscht der Bewegungsfluss mit großen Hebungen im Rund des Parketts, bis der Hosenträgermann eine Frau (Enhee Yu) wie eine lila Puppe über den Parkettfußboden schiebt, ein Paar tanzt Kopf an Kopf, Brust an Brust. Perspektivwechsel. Ballons zwischen den Paaren versperren den Sichtkontakt oder lassen Mann und Frau getrennte Wege gehen.

Choreografin Toula Limnaios kreiert Momente des Glücks, vielfach gespiegelt, überlagert und doch groß gegen alle destruktiven Kräfte behauptet. Selbstvergessen lässt ein Mann den grünen Ballon tanzen, bis ein anderer wuselnd das Glück zerstört; aus einem suizidalem Tiefpunkt findet sich ein Paar tanzend im Tüten-Duett. Zwei Männer beginnen einen Tango. Alle gehen, ein paar Schritte gemeinsam, werden getragen, schmiegen sich an, gehen auseinander. Während das Sextett eifrig bemüht ist, alle Schritte nach Vorschrift zu machen, behauptet der Mann in Hosenträgern lächelnd seinem eigenen Rhythmus.

„la salle“ von und mit (!) Toula Limnaios entfaltet im Berliner Frühling einen melancholischen Zauber des Begehrens mit komisch-traurigen Interludien. Ein Mann mit einem iPad im Mund führt seine Tanzpartnerin am Arm. Erstaunen über das Zittern im eigenen Körper. Sprachlosigkeit. Jede Geste, jeder Schritt atmet zwischen tastender Unsicherheit und grenzenloser Hingabe die Sehnsucht nach Leben. Zur Cello-Sonate von Beethoven entledigt sich Karolina Wyrwal furios ihrer künstlichen Hände.

Die sieben Protagonisten können in „la salle“ ihr charismatisches Potenzial voll ausleben. Vielleicht steht über dieser leisen sinnlichen Ballnacht der zeichenhafte Imperativ des nimmermüden, wandlungsfähigen Mannes mit den Hosenträgern: Lass den Tiger in dir brüllen!

Als Zuschauer fühlt man sich in „la salle“ als partnerschaftlicher Komplize der Tanzenden. Die eigenen Träume mischen sich mit getanzten Sehnsüchten, die in kleinen Gesten und wilden Schwüngen vom ewigen Begehren, der Angst vor dem Scheitern und den echten Momenten von Glück künden.

Veröffentlicht am 19.05.2015, von Karin Schmidt-Feister in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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