HOMEPAGE



Bielefeld

DER LETZTE TANZ

Gregor Zöllig wechselt von Bielefeld nach Braunschweig



Das Publikum fühlt sich angesprochen und feiert Gregor Zölligs sympathische Truppe in jeder Vorstellung lange und laut. "Alter Falter" wird der letzte "Zeitsprung" der Ära Zöllig am 5. Juni heißen. Er knüpft an Zölligs "Methusalem" an.


  • Gregor Zölligs "Methusalem" am Theater Bielefeld Foto © Ursula Kaufmann
  • Gregor Zölligs "Methusalem" am Theater Bielefeld Foto © Ursula Kaufmann
  • Gregor Zölligs "Methusalem" am Theater Bielefeld Foto © Ursula Kaufmann
  • Gregor Zölligs "Methusalem" am Theater Bielefeld Foto © Ursula Kaufmann
  • Gregor Zölligs "Methusalem" am Theater Bielefeld Foto © Ursula Kaufmann

Zehn Jahre Tanztheater Bielefeld. Da passt "Vertrauen" als Spielzeit-Motto des ostwestfälischen Stadttheaters perfekt. Denn erfolgreicher Tanz basiert nicht nur auf Vertrauen der Tänzer untereinander und zum Choreografen, sondern auch zwischen der Truppe und ihrem Publikum. In Bielefeld war es sozusagen Liebe auf den ersten Blick, als Gregor Zöllig sein frisches, ehrliches Tanztheater vom Westen zum Osten des Teutoburger Waldes verlegte, wo jahrzehntelang eher traditionelles Ballett dominiert hatte. Seit dem ersten "Aha!"-Erlebnis bei der Eröffnung des 5. Internationalen Theaterfestivals OWL (Ostwestfalen-Lippe) mit dem Dreiteiler "Gestern werde ich das Morgen für heute bestimmen" vertrauen die Bielefelder Zöllig geradezu blind. Sein Credo "künstlerische Auseinandersetzung mit den Widersprüchen und Konflikten unserer modernen Gesellschaft" trifft Lebenswirklichkeiten bis hinein in den ganz banalen Alltag. Da finden die Leute sich wieder in vielem, was auf der Bühne passiert. Da wird oft zustimmend genickt, gemurmelt, gekichert - und leidenschaftlich applaudiert nach jeder Vorstellung.

Aber plötzlich liest sich das Vorwort, das Zöllig im Spielzeitheft für die nun zu Ende gehende Saison verfasste, wie ein Abschiedsbrief an seine Bielefelder "Tanzfreundinnen und Tanzfreunde". Denn er wechselt nach Braunschweig, was er erst vor wenigen Wochen öffentlich bekannt gab. "Sie haben unsere Arbeit von Anfang an mit viel Interesse und Aufmerksamkeit verfolgt, so dass es für mich und mein Ensemble ein Leichtes war, in Bielefeld eine künstlerische Heimat zu finden", schreibt er. "Dafür und auch für Ihre kritische Begleitung sind mein Ensemble und ich Ihnen sehr dankbar!"

Die große Fairwell-Party ging schon als "Fest mit Freunden" im März über die Bühne. Diese Jubiläums-Gala dokumentierte die Vielseitigkeit des Repertoires und den Fleiß: 40 Tänzerinnen und Tänzer tanzten in den zehn Jahren 44 Tanzstücke von Zöllig und 16 Gastchoreografen. Zu elf Gastspielen war die Kompanie geladen - darunter zum "Tanzolymp" nach München. Bundesweit positive Aufmerksamkeit erregte insbesondere die Reihe "Zeitsprung" mit 19 Folgen und über 2000 Laientänzern, angeschoben durch die Mitarbeit von Royston Maldoom, unverwechselbar geprägt durch die Anbindung der einzelnen Folgen an eine jeweilige neue Produktion des Tanztheaters - in dieser Saison gleich dreimal.

"Alter Falter" wird der letzte "Zeitsprung" der Ära Zöllig am 5. Juni heißen. Er knüpft an Zölligs letzte Bielefelder Choreografie, "Methusalem", an. Darin greift der Schweizer das vieldiskutierte Thema des Alterns auf. Unaufhörlich dreht sich, fast eineinhalb Stunden lang, die Drehbühne. Enervierend wummern motorische Rhythmen. Immer wieder marschieren die Tänzer forsch nach vorn, stolpern mitunter oder einer versucht, gegen den Lauf zu kraxeln.

Kindheitserinnerungen werden nostalgisch wiederbelebt und das aktuelle Lebensgefühl ausgelotet. So stellt die unermüdliche Brigitte Uray, die schon in Osnabrück zu Zölligs Truppe gehörte, zerknirscht fest: "Als ich kam, war ich die Jüngste. Jetzt bin ich mit 38 Jahren die Älteste." ...um sich gleich ihre Situation schön zu reden: körperlich sei sie doch noch voll in Saft und Kraft - also ganz in der Mitte. Und im Kopf fühle sich's sogar an, als gehöre sie zu den ganz Jungen... Über "geschenkte" Lebensjahre berichtet Tiago Manquino: mit 19 Jahren habe man ihn verloren gegeben, aber mit 21 sei dann doch noch ein bisschen was drin gewesen - und immer wieder, auch jetzt noch, mit 36 Jahren. Schwarze Stofflamellen fallen von oben und bilden einen Vorhang zwischen gestern und heute. Später werden sie weiß und wirken viel freundlicher - gar nicht alt wie Leute mit grauen Haaren, obwohl nun immer mehr Großvatersessel und Lehnstühle von anno dazumal über die Bühne rollen, immer öfter immer verkrümmtere, ergraute Gestalten drin sitzen.
Es gibt wenig Neues in diesem Stück. Die üblichen Referenzen an das Tanztheater der großen Ikone aus Zölligs Essener Ausbildungszeit wirken fast peinlich plump. Aber das Publikum fühlt sich angesprochen und feiert Zölligs sympathische Truppe am Ende jeder Vorstellung lange und laut.

Veröffentlicht am 22.05.2015, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1879 mal angesehen.



Kommentare zu "Der letzte Tanz"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    VON DER MANIPULIERBARKEIT DES KÖRPERS

    „Am Puls des Lebens“, zweiteiliges Tanztheater von Gregor Zöllig in Bielefeld

    Veröffentlicht am 02.05.2010, von Marieluise Jeitschko


    ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

    Tanztheater zwischen Tradition und Innovation

    Veröffentlicht am 29.10.2012, von Marieluise Jeitschko


    GEFANGEN IM NETZ

    Gregor Zölligs „Identity 2.0“ in Bielefeld

    Veröffentlicht am 26.03.2012, von Marieluise Jeitschko


    DAS „SCHWANENSEE“-FINALE COOL AUS DER HÜFTE GETANZT

    „Schwanengesang“ von Gregor Zöllig

    Veröffentlicht am 30.10.2011, von Marieluise Jeitschko


    MARY WIGMAN'S "FRÜHLINGSWEIHE" IN BIELEFELD

    Hsuan Cheng tanzt befreienden Opfertanz

    Die Koproduktion von Osnabrück und Bielefeld heißt "Sacre". Aber die Rekonstruktion von Mary Wigmans "Frühlingsweihe" zeigt deutlich: es gibt kein Opfer, sondern eine Auserwählte, die neues Leben zaubern soll. Bei der Bielefelder Premiere verzauberte Hsuan Cheng das Publikum.

    Veröffentlicht am 19.11.2013, von Marieluise Jeitschko


    SCHÖN GESCHEITERT

    "Peer Gynt" von Gregor Zöllig und Gavin Bryars in Bielefeld

    Wie Fantasten wie Peer Gynt in unserer Zeit wohl aussähen, erfährt man leider nicht. Schade. Zurück bleibt der schale Nachgeschmack eines mutlosen Versuchs, das Scheitern eines abenteuerlich kreativen Zeitgenossen ganz cool unromantisch zu skizzieren.

    Veröffentlicht am 25.10.2014, von Marieluise Jeitschko


    NACHFOLGE FÜR JAN PUSCH IN BRAUNSCHWEIG

    Gregor Zöllig wird neuer Leiter des Tanztheaters und Chefchoreograf am Staatstheater Braunschweig

    Mit seinem Wechsel wird Zöllig das Theater Bielefeld nach 10 Jahren verlassen.

    Veröffentlicht am 02.12.2014, von Pressetext


    DIESE WOCHE: GREGOR ZÖLLIG

    Meine Choreografen

    Gert Weigelt stellt in wöchentlicher Abfolge "seine" Choreografen in Bild und Wort vor.

    Veröffentlicht am 08.12.2014, von gert weigelt


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien

    "Ich sehe mich als Botschafter des zeitgenössischen Tanzes und möchte beim Publikum die Leidenschaft für den Tanz entfachen."

    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    FREESTYLE HAPPENINGS

    Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar


    GLEICHNISHAFTE BILDER VOM MISSBEHAGEN AN DIESER WELT

    Das Cullbergbaletten zeigt Jefta van Dinthers „Protagonist“ im HAU Berlin
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Volkmar Draeger


    HERZENSANGELEGENHEIT

    Mit dem Abend „Dancing Souls“ stellt sich Alfonso Palencia als Ballettdirektor in Hagen vor
    Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marieluise Jeitschko



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    CINDERELLA

    Die Choreographie von Jean-Christophe Maillot mit Musik von Serge Prokofieff feiert am 31.01.18 an der Deutschen Oper Berlin Premiere.

    Auf Einladung des Staatsballetts Berlin sind die Ballets de Monte-Carlo zu Gast in Berlin und präsentieren „Cinderella“ als ein modernes Ballettmärchen.

    Veröffentlicht am 06.01.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    GLEICHNISHAFTE BILDER VOM MISSBEHAGEN AN DIESER WELT

    Das Cullbergbaletten zeigt Jefta van Dinthers „Protagonist“ im HAU Berlin
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Volkmar Draeger

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    HERZENSANGELEGENHEIT

    Mit dem Abend „Dancing Souls“ stellt sich Alfonso Palencia als Ballettdirektor in Hagen vor

    Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marieluise Jeitschko


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    PETER MARTINS TRITT ZURÜCK

    Der langjährige Leiter des New York City Ballets verlässt im Zuge der Vorwürfe sexuellen Missbrauchs die Kompanie

    Veröffentlicht am 02.01.2018, von tanznetz.de Redaktion


    POSTERINO’S NEUESTE WERKE ALS URAUFFÜHRUNGEN IN MÜNCHEN AUF DER BÜHNE

    20. Januar 2018: Ballett-Gala im Theater KUBIZ zeigt hochkarätiges Programm mit nationalen und internationalen Gästen

    Veröffentlicht am 20.12.2017, von Anzeige


    VON DER VERGÄNGLICHKEIT ALLEN LEBENS

    Eine Uraufführung von Adriana Hölszky und Martin Schläpfer: „Roses of Shadow“ in Düsseldorf

    Veröffentlicht am 17.12.2017, von Marieluise Jeitschko



    BEI UNS IM SHOP