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Berlin

GEMEINSAM SCHRITTE WAGEN

Jubiläumsfestival „TanzZeit feiert!“ - 10 Jahre „Zeit für Tanz in Schulen“



Vom 01. bis 5. Juni feierte das Projekt „TanzZeit – Zeit für Tanz in Schulen“ sein zehnjähriges Bestehen mit einem Festakt und den 10. TanzZeit-Werkstattpräsentationen.


  • 10 Jahre TanzZeit in Berlin Foto © Marion Borriss

Zehn Jubilare stehen beim Festakt der zehnten Ausgabe der TanzZeit-Werkstattpräsentationen auf der Grips-Theater-Bühne im Berliner Podewil, um in jeweils neunzig Sekunden von persönlichen Erinnerungen an das Projekt zu erzählen. Darunter auch Felix Schulze, Tänzer der TanzZeit-Jugendcompany EVOKE aus erster Stunde und mittlerweile Lehramtsstudent sowie unterrichtender Künstler des Projekts. Der Mitte 20-Jährige erklärt kurz ein paar Spielregeln und legt los: Mit geschlossenen Augen geht er in zügigem Tempo rückwärts über die Bühne. Die Zuschauer klatschen, wenn er Gefahr läuft, jemanden umzurennen oder hinzufallen. Was Felix Schulze hier durch Bewegungen beschreibt, sind Werte, die man in der tänzerischen Interaktion mit anderen unmittelbar lernen kann: den Mut, sich ungewohnten Situationen auszusetzen, das Vertrauen in andere und die Fähigkeit, auch unabhängig von diesen – im Vertrauen auf sich selbst – Entscheidungen zu treffen.

Verantwortungsbewusstes Handeln wird auch in den Projekten groß geschrieben, die TanzZeit Grund- und weiterführenden Schulen für die Dauer eines halben oder ganzen Schuljahres anbietet. Auf eine eher spielerisch ausgerichtete Kennenlern - und Prozessphase folgt dabei in Absprache mit den zuständigen LehrerInnen eine anspruchsvolle Produktionsphase. Hierbei seien alle beteiligten Pädagogen und Künstler bewusst darauf bedacht, dass die Schülerinnen schon soweit seien, so Livia Patrizi, die künstlerische Leiterin von TanzZeit. Denn die harte Arbeit, der ganze Feinschliff und das ständige Wiederholen einzelner Bewegungssequenzen sei schon für Profis anstrengend und herausfordernd. Fällt die Entscheidung zugunsten der Werkstattpräsentation aus, dann gibt es für das Publikum einiges zu erleben: Insgesamt dreizehn Aufführungen von SchülerInnen verschiedenen Alters, Nationalität und Geschlecht sind bei der Jubiläumsausgabe von „TanzZeit
präsentiert!“ zu sehen. Die Stücke – darunter auch choreografische Highlights der vergangenen Jahre – handeln von Integrationsproblemen und -erfolgen innerhalb einer Gruppe; kleineren und größeren Lebenswünschen; dem konstruktiven Umgang mit Ängsten. Andere sind inspiriert von Naturphänomenen, Zahlensymbolik, Rechenaufgaben oder Film- und Musiktechniken des Vor- und Zurückspulens.
Auch das Publikum – Eltern, Kinder, Lehrer, Freunde und Verwandte – kommt während der vier Festivaltage auf seine Bewegungskosten. Auf jedes Klassenstück folgt ein kurzer Blick „hinter die Kulissen“: die Kinder- und Jugendlichen bringen Freiwilligen eine Phrase aus dem Stück oder eine Übung aus dem Unterricht bei. Mit Stolz und Freude wird so ein Teil des in den letzten Monaten praktisch erlernten Tanzwissens weitergegeben. So lernen die ZuschauerInnen beispielsweise, den Grundbeat zu einer energiegeladenen Tanzbattle zu klatschen oder probieren spontan Improvisationstechniken aus.

Zur Auflockerung des umfangreichen Programms tragen auch ein Dutzend choreografischer Kleinode bei – humorvolle bis zu drei Minuten dauernde Solos, Duos und Trios, die in diesem Jahr hauptsächlich durch Mitglieder der Jugendcompany EVOKE bestritten werden. Fünf der im Durchschnitt 15- bis 22-jährigen NachwuchstänzerInnen präsentieren am dritten Festivaltag das neue Company-Stück. In Zusammenarbeit mit der Choreografin Louise Wagner haben sie eine minimalistische Choreografie zum Thema Gehen erarbeitet. „Ligetilaufenlassen“ wirkt wie ein spielerischer Querverweis auf Arbeiten von Vertretern des amerikanischen Postmodern Dance: Steve Paxton, Trisha Brown und Yvonne Rainer entwickelten in den 60er- und 70er-Jahren sogenannte „walking performances“, bei denen der einfache Akt des Gehens im Zentrum stand.

Mit scheinbar emotionslosem Gesichtsausdruck schreiten die fünf TänzerInnen der Jugendcompany in gleichbleibendem Rhythmus über die Bühne – eine einfache Melodie aus Schritten, die ihre musikalische Entsprechung in einer kontinuierlich dahinfließenden Komposition von György Ligeti findet. Mal gruppieren sich die TänzerInnen zu einem Schwarm mit wechselnder Spitze, mal zu einer Linie, die sie kaum merklich im Raum verschieben. Dabei entsteht eine einfache wie komplexe Choreografie, die Körper- und Raumwahrnehmung schult und auf die postmodernen Prinzipien der Wiederholung und Abweichung setzt. Abweichen bedeutet hier auch, als Einzelner vorübergehend aus der Stabilität der Gruppe auszubrechen und sich so bewusst Platz, Raum und Aufmerksamkeit für den eigenen tänzerischen Ausdruck zu schaffen. Am Ende der Aufführung finden alle Tänzer gemeinsam zu der für die Company typischen Expressivität zurück – eine explosive Mischung aus
zeitgenössischem Tanz, Tanztheater, Hip Hop und Kung Fu.

Was man beim Gespräch mit Livia Patrizi immer wieder heraushören kann und was auch auf dem gesamten Festival sicht- und spürbar wird, ist das leidenschaftliche Engagement, die Kinder und Jugendlichen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Das heißt auch, zu lernen, dass Scheitern zum Leben dazugehört. Schließlich, so Patrizi, sei Erfolg auch bei den Profis tagesformabhängig.

Veröffentlicht am 10.06.2015, von Christine Matschke in Homepage, Tanz und Bildung

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