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München

LUCIA LACARRA ALS TATJANA IN „ONEGIN“

Nur drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter war Münchens Ausnahmetänzerin wieder als überragende Künstlerin zu feiern.



Am 14. Juni tanzte Lucia Lacarra erstmals, nachdem sie ihrem Ehemann Marlon Dino am 8. März die kleine Laia geboren hatte, mit ihm wieder ein großes Handlungsballett.


  • Lucia Lacarra und Marlon Dino in "Onegin" Foto © Charles Tandy
  • Lucia Lacarra und Marlon Dino in "Onegin" Foto © Charles Tandy
  • Lucia Lacarra und Marlon Dino in "Onegin" Foto © Charles Tandy
  • Lucia Lacarra und Marlon Dino in "Onegin" Foto © Charles Tandy
  • Lucia Lacarra und Marlon Dino in "Onegin" Foto © Charles Tandy

Kleinere Partien in „Spiral Pass“ und „Shéhérazade“ hatten schon erkennen lassen, dass Lucia Lacarra nach erstaunlich kurzer Zeit fast wieder in Bestform war. Vielleicht mag sie sich als Tatjana subjektiv noch unsicher gefühlt haben, doch was sie zeigte, schien vollendet. Gerade darin lag nämlich ihre Kunst, dank reifer Erfahrung kleine Unsicherheiten zu überspielen und weit mehr als nur Virtuosität zu bieten. In einem Gipfelwerk choreografischer Kunst, wie es John Cranko mit seinem „Onegin“ zweifellos geschaffen hat, konnte sie sich also voll entfalten.

Einige Beispiele dieses an Höhepunkten reichen Abends: Nach dem harmonischen Tanz des glücklichen Liebespaares Olga und Lenski (Ivy Amista und Javier Amo Gonzalez) trifft Onegins Auftritt direkt in Tatjanas Herz. Deren kaum zu fassendes Glück, wenn er sich ihr zuwendet, und ihre wachsende Verzweiflung, wenn er nur mit sich selbst beschäftigt ist, spielte Lucia Lacarra wie ein Mond die Sonne ihn umkreisend, indem sie souverän kleine Momente der Ruhe setzte, die Tatjanas seelische Verfasstheit spürbar vermittelten. Im zweiten Bild wirkte sie erstaunlich jung, als sie den berühmten Brief schrieb, über dem Tatjana einschläft und in den Traum fällt, durch dessen tänzerische Wiedergabe der Inhalt des Briefes allen sichtbar wird. Ihrer Traumsicht auf Onegin als imposante, jetzt allerdings zur Liebe fähige und somit liebenswerte männliche Erscheinung, entsprach Marlon Dino völlig. Beide realisierten die tänzerisch spektakulären Elemente dieses Pas de deux und ließen in einem nie abreißenden Fluss den Ausdruck bis zu Tatjanas Devotion an Onegin wachsen!

Dann das Geburtstagsfest: Wie Lucia Lacarra die Verlorenheit Tatjanas durch kleine Schiefheiten in ihrem Tanz sichtbar machte, war in der so klug kalkulierten Dosierung unüberbietbar. Auch wie die Verzweiflung sie zur stürmischen Annäherung an ihn treibt und seine Kälte sie zurückschrecken lässt, durchdrang wohl jeden Zuschauer. Onegin aber tanzt mit Olga. Dass sein rücksichtsloses Spielen mit Lenskis Gefühlen dazu führt, dass der Freund ihn zum Duell fordert, wurde in seiner Dramatik durch Tatjanas hilflosen Versuch ihn zu besänftigen toll gesteigert. Nach dem von Jürgen Roses Bühnenbild kongenial unterstützten Szenenwechsel vom heißen Fest zur kalten Einsamkeit waren der Verlauf des Duells und Lenskis Tod erschütternd.

Der dritte Akt zeigt zehn Jahre später den imperialen Ball im Haus des Fürsten Gremin. Ein leicht ergrauter Onegin, der sich dort zunächst in den Raum seiner Erinnerung verliert, erblickt die einst verschmähte Tatjana als blendende Erscheinung, die jetzt ihren Platz an der Seite dieses Fürsten hat. Ihr solides Glück als Herrin des Hauses tanzte Lucia Lacarra mit zauberhafter Anmut, indem sie jeden Gedanken, wie man die Bewegungen eines Ballettdramas optimiert, gelungen umsetzte, während Maxim Chashchegorov ihr als Gremin ein dezenter, immer förderlicher Partner war. Dann begrüßt Onegin sie, jetzt unter umgekehrten Vorzeichen: Sie wendet sich am Arm des Fürsten von ihm ab, er flüchtet von dem Fest. Im letzten Bild liest Tatjana mit nervöser Anspannung einen Brief Onegins. Gremin, zur Pflicht gerufen, nimmt Abschied von ihr. Mit dem Verschwinden des Gatten ist sie der Situation mit Onegin ausgeliefert; und schon dringt er in ihren Salon ein. Es gelingt ihm, dass sie sich ihm öffnet und um die Kontrolle der Leidenschaft ihres Lebens kämpfen muss. Im mitreißenden tänzerischen Fluss beider konnte Lucia Lacarra sichtbar machen, wie es Tatjana im Widerstreit ihrer Emotionen schwindlig wurde. Wie viel seelische Kraft kostete sie diese endgültige Absage an Onegin! Wie harmonierte Marlon Dino im Zusammenspiel mit ihr! Jeder Pas de deux dieser beiden erwies sich als Weltklasse, das Publikum emotional tief berührend. Dessen lang anhaltender Applaus könnte Lucia Lacarra die Sicherheit vermittelt haben, dass Münchens glückliche Zuschauer ihr für eine großartige Vorstellung dankten.

Veröffentlicht am 17.06.2015, von Karl-Peter Fürst in Homepage, Kritiken 2014/2015

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