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Hamburg

WAS DAS LEBEN ERZÄHLT

Wiederaufnahme von „Peer Gynt“ beim Hamburg Ballett zum Auftakt der 41. Ballett-Tage



26 Jahre nach seiner Uraufführung erscheint John Neumeiers „Peer Gynt“ noch dichter, tiefgründiger und gewaltiger als zuvor.


  • Carsten Jung und Alina Cojocaru Foto © Holger Badekow
  • Carsten Jung, Karen Azatyan und Anna Laudere Foto © Holger Badekow
  • Markus Lehtinen, John Neumeier, Jürgen Rose, Anna Laudere beim Schlussapplaus Foto © Holger Badekow
  • Alina Cojocaru und Carsten Jung Foto © Holger Badekow
  • Carsten Jung und Ensemble Foto © Holger Badekow
  • Männer-Ensemble Foto © Holger Badekow
  • Alexandre Riabko und Carsten Jung Foto © Holger Badekow
  • Alina Cojocaru und Carsten Jung Foto © Holger Badekow
  • Carsten Jung und Alina Cojocaru Foto © Holger Badekow
  • Carolina Agüero als Anitra Foto © Holger Badekow

Es ist die Heimkehr eines lange Entbehrten: „Peer Gynt“, von John Neumeier im Januar 1989 nach langen Geburtswehen zur Welt gebracht, kam jetzt als Neufassung auf die Bühne der Hamburgischen Staatsoper zurück – gereift, weiter ausgearbeitet, und vor allem vor dem Hintergrund dessen, was Neumeier in der Zwischenzeit alles geschaffen hat, erkennbar eines seiner wichtigsten und besten Werke. 26 Jahre nach seiner Uraufführung erscheint „Peer Gynt“ noch dichter, tiefgründiger und gewaltiger als zuvor.

Das liegt nicht nur an der ungemein beredten Choreografie, sondern auch am Volumen der Musik von Alfred Schnittke, die sich ebenso punktgenau zu verdichten vermag, wie sie sich in die Unendlichkeit zu dehnen versteht. Und durch deren Höhen und Tiefen Markus Lehtinen die präzise aufspielenden Philharmoniker wunderbar einfühlsam und souverän zu leiten wusste.

Eine ähnliche Spannbreite und Fülle zeigen das phänomenale Bühnenbild und die Kostüme des Meisters aller Meister dieser Kunst: Jürgen Rose. Auch er hat seine Ausstattung einer Revision unterzogen – und sie ist noch schöner, noch stimmiger und noch überwältigender, als sie es 1989 ohnehin schon war. Da paart sich Schlichtheit (z.B. in den Kleidern von Solveig oder in den engen hellblauen Trikots in der Schlussszene) mit Verspieltheit (die aufgestickten Worte auf Solveigs Kleid, die rote Latzhose von Peer) und vor allem mit der Rose-typischen Opulenz in den Revue-Szenen. Das ist unübertrefflich und einfach genial.

„Peer Gynt“ ist eines dieser raren Werke, in denen weder die Musik noch der Tanz oder das Bühnenbild allein dominieren und sich dick machen, sondern in dem sich alles auf wunderbare Weise zu einem grandiosen Gesamtkunstwerk vereinigt – jede Kunstrichtung für sich dem Ganzen dienend.

Die sieben Aspekte, die Neumeier Peer ursprünglich an die Seite gestellt hatte, um die Facetten seiner Persönlichkeit zu verdeutlichen, reduzierte er radikal auf vier – auf Unschuld, Vision, Aggression und Zweifel. Der Rolle der Solveig gab er erheblich mehr Eigenprofil, Gewicht und Präsenz. Sie sei für ihn, so erläuterte er in einer Ballett-Werkstatt vor zwei Wochen, „eine starke, eigenständige Frau“, kein duckmäuserisches Mädchen, das dem aufschneiderischen Peer erliegt. Diese Solveig erkennt von Anfang an das, was Peer als Menschen ausmacht. Und sie ist es, die es ihm nach seiner Rückkehr 50 Jahre später zurückgibt: Seine einzigartige Individualität, die nur die Liebe zu sehen vermag, wenn sie nichts will, nichts erwartet, nichts verlangt. Solveig ist es, die mit dem Herzen sieht. Weshalb sie auch zu sagen vermag, dass Peer trotz seiner Abwesenheit „aus ihrem Leben ein Lied gemacht“ habe.

Genau so, mit dieser schrankenlosen Innigkeit und selbstbewussten Hingabe, verkörpert Alina Cojocaru diese Rolle – klein und zart von Gestalt, aber zäh und beharrlich, von ungeheurer Präsenz und innerer Kraft. Carsten Jung als Peer ist eine Urgewalt; er verleiht dem Part überbordendes Ungestüm, aber auch eine verborgene Verletzlichkeit, diese durch alle Grobheit durchschimmernde Zärtlichkeit, über die er selbst am meisten staunt, als er sie dann endlich entdeckt. Tänzerisch sind beide ohnehin ein Erlebnis für sich – seit „Liliom“ auf der Bühne aufeinander eingeschworen, bedeuten die Rollen von Solveig und Peer eine konsequente Weiterentwicklung dieser künstlerischen Partnerschaft.

Carolina Agüero verkörpert drei Frauengestalten zugleich: „die Andere“ als Ingrid, „die Grüne“ und Anitra. Ingrid ist das Nachbarmädchen von Peer, die er als Braut entführt, vergewaltigt und dann doch schnöde fallenlässt, weil sie eben nicht die ist, die sein Herz berührt hat – Solveig. „Die Grüne“, das ist die schillernde Verführung, lasziv und lockend, selbstverliebt. Anitra schließlich ist die Diva des amerikanischen Revuetheaters und Films, mit der Peer dreht und tanzt und lebt und liebt, bis er sie an Berühmtheit überflügelt und fallenlässt. Carolina Agüero lässt sich auf jede einzelne Facette dieser „Anderen“ ein. Sie kostet jede Faser, jede Nuance der jeweiligen Person aus, ohne je vulgär zu wirken, ohne zu übertreiben. Das ist sehr überzeugend und sehr gekonnt – eine Paraderolle für diese Erste Solistin. Chapeau!

Anna Laudere hat den schwierigen Part von Aase, Peers Mutter, übernommen,. Sie zeichnet diese Frauenfigur sehr filigran, sehr ätherisch, sehr zerbrechlich. Dabei kommt ihr die Erdverbundenheit abhanden, das Mütterliche, ganz und gar Bodenständige und Archaische, das Aase hat und haben muss. Selbst wenn ihre Füße in den dicken Bergstiefeln stecken, sieht es bei aller Derbheit doch immer noch so aus, als sei Aase just der Bühne des Bolschoi entsprungen und nicht der schroffen Bergwelt Norwegens. Sie trägt ein überraschtes Staunen vor sich her, als sei sie fehl am Platz.

Sehr stimmig dagegen Peers vier Aspekte: Aleix Martinez als Unschuld, Alexandre Riabko als Vision, Karen Azatyan als Aggression und Marc Jubete als Zweifel – tänzerisch überragend alle vier.

Das Corps de Ballet und viele Solisten glänzen in Bestform – vor allem die Männer im dritten Akt, wo sie als „graue Herren“ die Beliebigkeit des „Jedermann“ symbolisieren. Da sind fast alle Tänzer des Hamburg Balletts zugleich auf der Bühne, ein grandioses Bild der Monotonie und Gleichmacherei. Wie ohnehin die Ensembles choreografisch vom Feinsten sind, und die Tänzerinnen und Tänzer kosten das nach Strich und Faden aus!

Unbestrittener Höhepunkt jedoch ist der Schluss, wenn Peer aus der Irrenanstalt, in die er, größenwahnsinnig geworden, eingewiesen wurde, nach 50 Jahren zurück nach Norwegen kommt. Ein gebrochener Mann, der sich selbst verloren hat. Wie die inzwischen blind gewordene Solveig ihn da zu sich selbst zurückführt, indem sie ihn die Liebe erkennen lässt, und wie Neumeier hier alle Tänzerinnen und Tänzer in dieser Erkenntnis nach und nach auf der Bühne vereint und alles Suchen in ein unendliches Atmen münden lässt – das nimmt Tänzer und Zuschauer gleichermaßen in ein von unsichtbarer Hand geführtes und von überirdischer Macht getragenes, sanftes Schwingen mit. Ein so intimes und intensives Miteinander, dass es sage und schreibe zehn Sekunden dauert, bis der Beifall losbricht, nachdem sich der Vorhang langsam, wunderbar langsam, über der Szenerie gesenkt hat. Ein magischer Moment. Ein magisches Stück.

Und ein magisches Jahrbuch – das 36. und womöglich letzte unter der Regie von Holger Badekow. Es sei jedem wärmstens zum Kauf empfohlen, denn es zeigt die Arbeit am kreativen Prozess, vor allem aber die Persönlichkeiten der TänzerInnen, der BallettmeisterInnen und MitarbeiterInnen des Hamburg Balletts auf unnachahmliche Art und Weise, wie es eben nur jemand zu zeigen vermag, der mit Kopf, Herz und Seele und voller Liebe zu diesem Ensemble und der Tanzkunst zu Werke geht.


Weitere Vorstellungen in der nächsten Spielzeit am 30.9., 6., 8. und 11. Oktober 2015 sowie am 6. Juli 2016.

Veröffentlicht am 01.07.2015, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2014/2015

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