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Hamburg

REALITÄT UND VIRTUALITÄT

Das Bundesjugendballett und Gäste des „Just Us Dance Theatre“ mit „Infinite Identities“ in der Kampnagelfabrik



Zum ersten Mal als Hamburg-Premiere in der Kampnagelfabrik gezeigt, hat das Bundesjugendballett ein abendfüllendes Stück im Gepäck.


  • Ensemble Foto © Silvano Ballone
  • Minju Kang und Lukas Stepp (Violine) Foto © Silvano Ballone
  • Ensemble Foto © Silvano Ballone

Zum ersten Mal und am 27. Juni 2015 als Hamburg-Premiere in der Kampnagelfabrik gezeigt, hat das Bundesjugendballett ein abendfüllendes Stück im Gepäck – „Infinite Identities“ ist eine fast zweistündige Collage aus neun Teilen, die ineinander übergehen oder sich unmittelbar aufeinander beziehen. Bisher bestand ein Aufführungs-Abend immer aus mehreren Einzelstücken – was durchaus sehr reizvoll war, hier jedoch wächst das Ensemble erkennbar noch mehr zusammen. Und wird bereichert durch die Zusammenarbeit mit drei Gasttänzerinnen vom „Just Us Dance Theatre“ aus London. Dessen Choreograf Joseph Toonga zeichnet auch für drei der Stücke verantwortlich („Errors in Perfection, „Revealance of Privacy“ und „Eternal Finity“), zwei wurden von Wubkje Kuindersma kreiert („Face to Face“ und „Digital Skin“) und jeweils eines von den BJB-Tänzern Hélias Tur-Dorvault („Battling Individuality“) und dem aus Nepal stammenden Pascal Schmidt („Beyond Freedoms’ Borders“). Anfang und Ende gestalteten alle TänzerInnen gemeinsam.

„Infinite Identities“ ist ein Stück über Gegenwart und Zukunft im digitalen Zeitalter. Eine Auseinandersetzung mit den neuen Technologien, die unseren Alltag heute dominieren, und mit dem, was sie bei uns Menschen auslösen und anrichten können. Dass hier mehrere Choreografen am Werk waren, bekommt dem ganzen gut – zumal die Stile nicht allzu sehr voneinander abweichen, sondern diesem Riesenthema spannende Einzelfacetten abgewinnen.

Der Abend beginnt ganz ungezwungen auf offener Bühne, die Tänzer stehen in Alltagskleidung an einer Stange, plaudern, scherzen, dehnen die Glieder. Als Gustav Mahlers Lied „Ging heut’ morgen übers Feld“ erklingt, zerstreut sich das Grüppchen, auf den weißen Hintergrund wird ein Sommerhimmel projiziert – blau mit weißen Wattewolken. Ein Mädchen und ein Junge bringen eine Bank und beginnen, damit tänzerisch zu spielen – mal darauf, mal darunter, daneben, damit. Im Zuge dessen verdüstert sich der Himmel, aus Heiterkeit wird Ernst.

In dieser Art spielt das BJB verschiedene Szenen durch und erörtert auf tänzerische Weise Statements wie „So schön ist diese Welt“ oder „Who am I under this digital skin?“ (wobei die Tänzer Trikots mit aufgedrucktem QR-Code tragen) oder „If you want to keep a secret you must also hide it from yourself“ oder „Ich liebe es, ohne Körper zu sein“. Es geht um Anonymität, Privatheit und Intimität im polaren Gegensatz zu Kontrollverlust, Überwachung, ständiger Erreich- und Verfügbarkeit. Es geht um Du und Ich, Wir und Niemand, Realität und Virtualität.

Mit diesem Stück löst das BJB das Versprechen ein, die aktuellen und drängenden Fragen aufzugreifen, die junge Menschen heute bewegen. Und doch ist das ganze nie nur jugendzentriert – vielmehr werden Themen angesprochen, die uns alle heute etwas angehen – ob Jung oder Alt, Arm oder Reich. Die acht TänzerInnen des BJB und ihre drei Gäste tun das mit einer solchen Intensität und Leidenschaft, mit einer so großen Hingabe und Konzentration, dass einem das Herz aufgeht. Kevin Haigen, der künstlerische und pädagogische Leiter des BJB, und Yohan Stegli (der immer mal wieder als Videokameramann aus der Kulisse kommt!) haben hier sichtbar und spürbar inspirierend gewirkt.

Eine ausgebuffte Musikauswahl vervollkommnet das Ganze: von Mahler über Philip Glass und Maurice Ravel bis zu Dmitri Schostakowitsch, Johannes Brahms, wunderbar live interpretiert von Lukas Stepp (Violine), Elena Rindler (Violine), Lucas Schwengebecher (Viola), Martin Leo Schmidt (Cello), Camille Guénot (Flöte), Markus Krusche (Klarinette) und BJB-Pianistin Aike Errenst, die auch für manche Arrangements verantwortlich zeichnet. Alle Musiker werden auch immer wieder in das tänzerische Geschehen einbezogen – das ist ebenso spannend wie stimmig.

Sven Gareis und Ute Härtling sorgen mit einer Live-Video-Performance für eine zusätzliche, abwechslungsreiche optische Komponente.
„Infinite Identities“ ist ein Stück, dem man viele Aufführungen quer durch die Republik wünscht.

Veröffentlicht am 02.07.2015, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2014/2015

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Kommentare zu "Realität und Virtualität "



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