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Hamburg

ROMANTIK À LA CARTE

Nijinsky-Gala beim Hamburg Ballett mit Verabschiedung von Otto Bubenicek



Die diesjährige Nijinsky-Gala beim Hamburg Ballett hatte den „Geist der Romantik“ zum Thema


  • Abschied von Otto Bubenicek Foto © Holger Badekow
  • Abschied von Otto Bubenicek Foto © Holger Badekow
  • "Clear" mit J. Collado und A. Robison Foto © Holger Badekow
  • "Die Kameliendame" mit S. Zakharova und E. Revazov Foto © Holger Badekow
  • "La Sylphide" mit A. Cojocaru und J. Kobborg Foto © Holger Badekow
  • "La Vivandière", Pas de six Foto © Holger Badekow
  • "Linen Braids", Qiu Yunting und Wu Sicong
  • Schlussapplaus Foto © Holger Badekow

Die Nijinsky-Gala, mit der jede Spielzeit an der Hamburgischen Staatsoper endet, solle „die Essenz der jeweiligen Saison“ spiegeln, so erklärte Ballett-Intendant John Neumeier zu Beginn. Da die Spielzeit 2014/15 im Zeichen der Romantik stand (mit Wiederaufnahmen von Neumeiers „Giselle“, der „Winterreise“ zu Schuberts Liederzyklus und „Peer Gynt“ nach dem spätromantischen Ibsen-Gedicht sowie der Neuinszenierung von Bournonvilles „Napoli“), sei es nur logisch, dass sich auch die Gala mit diesem Thema befasse.

Den Auftakt machte das hochmotivierte Bundesjugendballett mit romantischen französischen Chansons in der spritzig-verschmitzten Choreografie von Masa Kolar, gefolgt von einem Auszug aus Neumeiers „Verklungenen Festen“, einem melancholischen Adieu an goldene Zeiten. Anna Laudere und Edvin Revazov sowie Silvia Azzoni und Alexandre Riabko brachten das wunderbar feinfühlig zum Ausdruck.

In feinster Balanchine-Tradition und doch sehr neu und anders dann „Clear“, ein Pas de Trois von Stanton Welch, dem Künstlerischen Leiter des Houston Ballet (der diesjährigen Gastkompanie), zum 2. Satz aus dem Konzert für Oboe, Violine und Orchester von Johann Sebastian Bach. Selbst diese strenge und klar gegliederte Musik erlaube romantische Assoziationen, „wenn sich der Choreograf gehen lässt“, meinte Neumeier in seiner wie immer sehr charmanten Moderation. Stanton Welch ließ sich wunderbar gehen – Aaron Robison und Chin Wai Chan boten zusammen mit Jessica Collado eine großartige Ode an die Klarheit, mal synchron, mal gegenläufig, sehr gehalten und getragen und auf den Punkt zentriert.

Ebenso großartig das zweite Stück, das die Texaner zeigten: „Sons de l’âme“ („Seelenklänge“) zu Klaviermusik von Frédéric Chopin. Drei atemberaubend schöne Pas de Deux, mit Hingabe getanzt und am Flügel so innig wie ein Gebet gespielt von Michal Bialk. Ein berührendes Erlebnis!

Ein wichtiges Element der Romantik sei die Faszination fremder Länder gewesen, sagte Neumeier. Aufgrund seiner Kontakte zum National Ballet of China habe er wissen wollen, was Romantik im fernen Osten bedeute, sagte Neumeier. Die Choreografin Zhang Disha habe ihm zwei Werke vorgeschlagen und zwei Tänzer geschickt. Das erste Stück, „Linen Braids“, zeigt ein in dunkel- und hellgraue langärmelige Trikots verhülltes Paar, das ohne jede Regung im Gesicht das Gegen- und Miteinander zweier Menschen zeigt. Sie sind ebenso magisch voneinander angezogen wie abgestoßen, sie lieben und sie quälen sich. Qiu Yuntin und Wu Sicong tanzten das mit einer fast schmerzlich zwingenden Konzentration.

Zum Kontrast dann eines der typischsten Divertissements der veritablen Romantik: „La Vivandière“ (Die Marketenderin) aus 1844 in der Bearbeitung von Pierre Lacotte. Romantisch sei dieses Stück „nicht im emotionalen Sinn“, meinte Neumeier, sondern weil „es sauschwer zu tanzen“ ist. Und tatsächlich nötigt es einem alle Hochachtung ab, was die sechs Tänzerinnen und Tänzer des Hamburg Ballett hier in nur einer Woche neben allen sonstigen Belastungen, die diese Ballett-Tage (und auch die zurückliegende Saison) mit sich brachten, einstudiert haben. All diese raffinierten Schrittfolgen und „Sprünge in alle Richtungen“ (Neumeier), die im Schwerpunkt nach vorn verlagerte Romantik-Balance der Ballerinen, die Sprunggewalt des Tänzers – Leslie Heylmann, Mayo Arii, Futaba Ishizaki, Aurore Lissitzky und Lucia Rios zauberten das mit großer Tanzfreude auf die Bühne, und Sascha Trusch entfesselte mit umwerfendem Charme all sein Können. Fulminant!

Nicht minder souverän und bravourös Yaiza Coll mit dem Paradestück der Fanny Elsler: „La Cachucha“ aus 1836, einem feurigen spanischen Tanz, der es in sich hat. Yaiza Coll meisterte das mit großer Anmut und stupender Präzision und spielte auch noch selbst die Kastagnetten – Hut ab!

Zum Abschluss des ersten Teils noch ein Pas de Deux aus „La Sylphide“ in der Choreografie von August Bournonville in der Bearbeitung von Johan Kobborg, dem früheren 1. Solisten des Königlich Dänischen Balletts und heutigen Direktor des National Romanian Ballet in Bukarest. Er übernahm selbst den Part des James, mit einer schwerelosen, ätherischen Alina Cojocaru an seiner Seite als Sylphide.

Nach der Pause dann der Höhepunkt des Abends: Ein Auszug aus „Le Pavillon d’Armide“ – Remineszenz an Vaslaw Nijinsky, aber ebenso ein Geschenk an Otto Bubenicek, mit dem Neumeier dieses Werk kreiert hat und der damit seinen Abschied vom Hamburg Ballett nahm, um sich künftig zusammen mit seinem Bruder Jiri gemeinsamen Projekten zu widmen. Wie schon in den Ballett-Tagen in „Othello“ als Jago oder als Meerhexer in „Die Kleine Meerjungfrau“, so zeigte Otto auch hier noch einmal alles, was in ihm steckt. Diese unglaubliche Bühnenpräsenz, diese Leidenschaft und das tief empfundene Rollenverständnis – es ist ein Jammer, dass er geht. Aber es ist auch der Auftakt zu einem neuen Lebensabschnitt, einem neuen künstlerischen Schaffen, das er schon vor mehreren Jahren begonnen hat – mit dem Entwerfen von Bühnenbildern, Kostümen und mit dem Zusammenstellen und Komponieren von Musik, vorwiegend zu Kreationen seines Zwillingsbruders Jiri. Bleiben wir also gespannt, womit die beiden künftig (und hoffentlich bald!) nach Hamburg zurückkommen werden. Das Publikum dankte Otto Bubenicek mit nicht enden wollenden Standing Ovations, die nicht nur ihn zu Tränen rührten.

Teil 3 des Abends flachte dagegen dann fast etwas ab, obwohl mit Auszügen aus der „Winterreise“ und „Peer Gynt“ Hochkarätiges auf dem Programm stand, das von allen Beteiligten mit großem Engagement gezeigt wurde.

Das Highlight in diesem Teil war jedoch eindeutig das zweite Stück von Zhang Disha: „How Beautiful is Heaven“. Qiu Yunting trägt hier ein Kopftuch zu ihrem wiederum grau gehaltenen Outfit, sie bringt ein Kissen mit, an das sie sich anlehnt, das ihr der Partner hinhält, in das sie sich einkuschelt, und auf das sie sich dann stellt, um darüber hinweg zu schreiten und ins Bühnendunkel zu verschwinden. Der Text der Musik von Jan Kaczmarek und Aaron Zigman bringt ins Wort, was der Tanz schon nahelegt: Es ist der Abschied einer Todkranken: „I don’t mind disease will kill me, I can see heaven“. Sehr berührend, sehr bewegend, und großartig getanzt.

Bevor der Pas de Six und die Tarantella aus „Napoli“ den Abend nach fünf tanzerfüllten Stunden beschloss, hatte Neumeier noch den berühmten schwarzen Pas de Deux aus seiner „Kameliendame“ eingeschoben. Der Stargast des Abends war Svetlana Zakharova vom Bolshoi Ballet, die die Rolle der Marguerite voriges Jahr einstudiert hatte. Aber wie so oft, so gelang es auch dieses Mal nicht, dass dieser chorografisch wie musikalisch (getanzt wird zur G-Moll-Ballade von Frédéric Chopin) großartige Pas de Deux seine Magie entfalten konnte, obwohl Neumeier noch die vorausgehende Szene im Park hat tanzen lassen, wo Marguerite zum ersten Mal nach der Trennung Armand wieder begegnet. Um zu verstehen, welche Urgewalt in diesem Pas de Deux zum Ausdruck kommt, braucht es wohl doch die Dramatik und die Geschichte davor. Weder Edvin Revazov als Armand noch die Zakharova, die sicher eine exzellente russische Ballerina ist, vermochten das aus dem Stand in sich wachzurufen. Auch zelebrierte Zakharova ihren Part ein bisschen sehr manieriert und damit nicht wirklich glaubwürdig in Gestik und Gebärde.

Simon Hewett leitete die Hamburger Philharmoniker sicher durch den auch musikalisch kontrastreichen Abend.
Für das Hamburg Ballett war die Saison damit noch nicht zu Ende: In dieser Woche gastiert es noch mit „Mahlers Dritter Sinfonie“ an drei Abenden in Venedig. Aber dann – dann sind Theaterferien! Mehr als verdient!

Veröffentlicht am 14.07.2015, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2014/2015

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