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Basel

MYSTERIÖSE TANZWELT IN KATAKOMBEN

„Danc3“ ist eine Tanzinstallation, die tief in Erinnerung bleibt: In dunkel-feuchten Katakomben zaubern Tänzerinnen und Tänzer des Ballett Basel einen dreiteiligen Tanzabend.



Die Wasserkammern, die früher einen Großteil der Haushalte in Basel mit Trinkwasser versorgten, werden zu einer mysteriösen Tanzunterwelt verwandelt.


  • "Sweet Dreams" Foto © Alex Kern
  • "Sweet Dreams" Foto © Alex Kern
  • "Sweet Dreams" Foto © Alex Kern
  • "Can I say" Foto © Alex Kern
  • "Can I say" Foto © Alex Kern
  • "Can I say" Foto © Alex Kern
  • "UnFILTEred" Foto © Alex Kern
  • "UnFILTEred" Foto © Alex Kern
  • "UnFILTEred" Foto © Alex Kern

„We think too much and feel too little“ – erklingt die Rede von Charlie Chaplins „Der Große Diktator“ aus den Lautsprechern. In den ehemaligen Wasserkammern, zwischen Säulen und Bögen, imitiert eine Tänzerin die berühmten Worte von Chaplin aus dem Jahre 1940. Worte, die uns heute, über 70 Jahre später, noch immer im Ohr sind.

In „Can I Say?“ hinterfragt Choreografin Debora Maiques Marín den Sinn von Worten. Es sind nicht die puren Worte, sondern die Art wie wir diese verwenden, die unser Leben beeinflusst. In kantigen bis feinsten Bewegungen übersetzt Debora Maiques Marín die Rede aus dem „Großen Diktator“ von Wort in Tanz. In der Dunkelheit der Katakomben kreieren die beiden Tänzerinnen (Luna Mertens und Raquel Rey Ramos) eine Atmosphäre von Angst und Unterdrückung, aber auch von Ruhe und Zuversicht.

Dann verstummt Chaplins Stimme – und damit auch die gesprochene Sprache. Die Tänzerinnen sprechen nur noch durch ihre Bewegungen. „Can I Say?“ ist eine Choreografie, die Körpersignale entdeckt – und mit diesen auch Gedanken und Emotionen. Eine Suche nach der Essenz des Lebens. „In this world there is room for everyone“ – die Worte Chaplins hallen noch lange in der Erinnerung des Publikums nach.

Szenenwechsel. Das zweite Stück des Abends spielt in anderen Gewölben der ehemaligen Wasseranlage. Der Sand wirbelt – und mit ihm fünf Tänzer (Javier Rodríguez Cobos, Diego Benito Gutierrez, Florent Mollet, Frank Fannar und Gaetano Vestris Terrano). Schatten flattern an Wänden und Torbogen. Lichter flimmern in die Dunkelheit. Das Publikum sitzt oder steht – die Füße im Sand. Vom ersten Moment an sind wir zu einem Teil dieser magischen Welt geworden.

Mit „Sweet Dreams“ erzählt und tanzt Javier Rodríguez Cobos die Geschichte eines Mannes, der sich selbst begegnet. Einsam sammelt der Tänzer Stücke seiner Erinnerung ein – Versatzstücke seines Lebens. Eine Reise ins eigene Ich, deren Facetten sich in einer Vielzahl im Tanz widerspiegeln. Die Schatten der fünf Performer tanzen am Katakombengemäuer, spiegeln sich in der Wasseroberfläche eines kleinen Sees und schenken dem Stück eine zweite Erzählebene. Das Schattenspiel bringt unheimliche Figuren zum Staunen und Fürchten hervor.

Nicht nur wegen der feuchten Kälte, die durch dieses alte Gemäuer zieht, läuft es dem Publikum kalt den Rücken herunter. Die Körpersprache der Tänzer ist packend und unheimlich zugleich. „Sweet Dreams“ erzählt von durch den Sand kriechenden Bewegungen, von kampfartigen Begegnungen, von spektakulären Hebefiguren und sanften erotischen Berührungen. Zum Schluss scheinen die Tänzer verletzlich und erschöpft. Übrig bleiben die eigenen Erinnerungen und Träume.

Fakten sind Fakten, denn auf der Welt haben alle Dinge eine bestimmte Ordnung –
zumindest auf den ersten Blick. Zurück am Ausgangsort des Wasserfilters widmet Choreograf Jorge García Pérez der scheinbaren Weltordnung sein Stück „unFILTERed“. Eine Widmung voller Schönheit, Eleganz und Ausdruckskraft.

Vier Tänzerinnen und Tänzer (Jorge García Pérez, Tana Rosas Suñé, Cintia Decastelli und Anthony Ramiandrisoa) bewegen sich in der Dunkelheit durch Lichtkegel – zu den Klängen von Max Richters rekomponierten „Die Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi. Musikalische Motivabschnitte aus altbekanntem, maßgeschneidert zu neuem: Die Jahreszeiten in neuem Kleid.

Begleitet wird diese neue musikalische Ordnung von einer kraftvollen Tanzsprache. Diese wird wiederum immer wieder durch feingliedrige Bewegungen unterbrochen. Eine Körpersprache voller Ausdruckskraft und Reife, die beeindruckt. Jorge García Pérez ist nicht nur Choreograf, er ist auch einer der Tänzer. Ein Höhepunkt ist sein Solo in der Dunkelheit. Sein nackter Oberkörper wiegt geschmeidig in alle Richtungen, explosiv und lyrisch zugleich.

Die tänzerische Kunstinstallation bespielt auch die Säulen: im Schattenspiel und im mystischem Echoklang der Katakomben. Das Stück spielt nicht nur mit dem Raum und den Jahreszeiten, auch mit der Begegnung von Mann und Frau. Ein Spiel, das mit der Erkenntnis endet, dass Ordnung um der Ordnung willen nur ein Zerrbild des Lebens sein kann.

Der dreiteilige Abend entführt das Publikum in eine wundersame verborgene Unterwelt. Die drei Solistinnen und Solisten des Ballett Basel haben in jeder Minute ihrer Freizeit an diesem Werk gearbeitet. Sie haben ihre Komfortzone des Tanzes verlassen und ihre eigene Ideen und Erfahrungen in dieses moderne Tanzkonzept investiert. Entstanden sind drei ganz unterschiedliche Choreografien, deren Gesamtwerk beeindruckend ist. Der Tanz verschmilzt mit dieser Unterwelt zu einer vollendeten Tanzinstallation. Es ist ein Abend voller Emotionen, der keinen unberührt lässt. Das Publikum – fröstelnd in Wolldecken gehüllt – erlebt einen Tanzmoment, der einem das Herz erwärmt.


Premiere von Filter 4 danc3 in Basel
18. September 2015, weitere Vorstellungen: 19.9. / 24.9. / 25.9.2015
Filter4, Reservoirstrasse, 4059 Basel

Weitere Informationen:
www.jorgegarciaperez.com/GMRdance
www.filter4.ch
www.facebook.com/filter4danc3

Veröffentlicht am 21.09.2015, von Sulamith Ehrensperger in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Mysteriöse Tanzwelt in Katakomben"



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