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Linz

SEHNSUCHT NACH EINEM ANDEREN LEBEN

"Schwanensee" im neuen Linzer Musiktheater



Mei Hong Lin reiht sich mit ihrem sensiblen, konsequenten Entwurf für die zeitgemäße Sicht auf einen romantischen Ballettklassiker würdig in die Reihe der Vorreiter.


  • "Schwanensee" von Mei Hong Lin Foto © Tom Mesic
  • "Schwanensee" von Mei Hong Lin Foto © Tom Mesic

„Er ist ein schöner und ein guter Mensch, aber ein unglückseliger – fast bis zum Wahnsinn melancholisch“, urteilte Edvard Grieg über seinen Freund Peter Tschaikowsky, der ebenso qualvoll unter Schüchternheit und Selbstzweifeln wie unter seiner Homosexualität litt. In ein faszinierend stimmiges Psychogramm des genialen romantischen Russen deutet Mei Hong Lin dessen populärstes Ballett, „Schwanensee“, im fabelhaften neuen Linzer Musiktheater um. Kompanie und Bruckner-Orchester mit vorzüglichen Instrumentalsolisten unter der emphatischen Leitung des balletterfahrenen Ingo Ingensand heben die originelle Interpretation des Klassikers weit über Provinzniveau hinaus.

Prinz Siegfried ist nun Peter Tschaikowsky (in der besuchten Vorstellung glaubhaft präsentiert von dem asketisch feingliedrigen Tänzer-Darsteller Geoffroy Poplawski). Odette kommt als barbrüstiger und -füßiger männlicher Schwan daher (perfekt exotisch anmutender Neuzugang aus Taiwan: Yu-Teng Huang) mit weißer Fransenperücke, bekleidet lediglich mit einem Federröckchen, das sich wie ein wippender Hottentotten-Bastrock über den Lenden plustert. Als Unheil bringende Odile entpuppt sich Tschaikowskys widerwillig geehelichte Bewunderin Antonia Iwanowna Milukowa (in allen Facetten von Naivität, Verliebtheit und Hysterie darstellerisch wie tänzerisch brillant changierend: Andressa Miyazato): unter einem eleganten langen, weißen, vorn aufspringenden Mantel trägt sie nur den schwarzen Federrock. Zauberer Rotbart verbirgt sich unter der Maske von Tschaikowskys erstem Förderer und späteren erbitterten professionellen Rivalen auf den Konzertpodien der Welt, Anton Rubinstein (mit der Aura skrupellosen Selbstbewusstseins: Sakher Almonem).

Der Vorhang öffnet sich bei den ersten Orchesterakkorden und gibt den Blick frei auf die Mutter (Nuria Gimenez Villarroya) mit ihrem kleinen Sohn (Richard Eggers, Eleve der oberösterreichischem Tanzakademie am Landestheater Linz wie zwei weitere, später auftretende „Geschwister“ von Pjotr Iljitsch) in Pietà-Pose, umgeben von hohen Paneelen, die in der Folge rotieren werden und ihre Farben und Oberflächen verändern – mal pechschwarz wie Tschaikowskys Lebenssicht, mal glutrot wie das Liebesverlangen im Zusammensein z. B. mit dem ersten großen Verführer, dem extrovertierten Schriftsteller und bekennenden Homophilen Aleksey Apuchtin (sehr zart: Jonatan Salgado Romero).

Hell leuchtet das Ambiente bei den Familienfesten und schrillen Orgien, später bedrohlich spiegelnd wie die Wasserfläche des Sees. Mal gruppieren die Elemente sich dicht um die Personen, dann wieder weitet sich der Raum. Im Nebel entschwindet die Mutter dem Blick des angstvoll verlorenen Kindes (Tschaikowskys Mutter starb, als Pjotr Iljitsch 14 Jahre alt war). Der weiße Schwan tritt zu ihm und wird ihn schützend begleiten – soweit seine Macht und Möglichkeit reicht. Auch das Heer der weißen Schwäne umgibt ihn immer wieder behütend – bis zum letzten pyramidenförmig arrangierten Tableau mit dem toten Komponisten mittendrin, verführt zuvor von drei schwarzen Schwänen, die ihm aus der Blumen gefüllten Badewanne vergiftetes Wasser reichten, die zum Sarg der Mutter wurde.

Mei Hong Lin gelingen überirdisch schöne Bilder, Posen und Szenen. Makellos und völlig unverkrampft meistert sie die delikate Balance zwischen romantischer Musik und psychologischer Auflösung der märchenhaften Chiffren.

Exaltiert bis zur schrillen Groteske gebärden sich die Menschen. Eher tierische denn menschliche Wesen suggerieren die barfüßig tapsenden Schwäne. Genderunterscheidungen sind selbstverständlich aufgehoben. Wie zu Tode verschreckt geistert die schwarze Gestalt Tschaikowskys durch diese Fantasmagorie aus real gelebtem Leben und Alptraum. Bizarr und skurril ist die Körpersprache. Hinreißend die Tänze der großen Schwäne – und erst recht der Auftritt der vier Kleinen! Zum respektvollen Geniestreich gelingt das Ende, in dem sich die Vier zum vertrauten Ensemble mit über Kreuz gehaltenen Händen finden. Die Musik – vor allem in den beiden ersten Akten in der Abfolge erheblich verändert – gewinnt zu diesen Tanzbildern eine völlig neue Dramatik und sensible Theatralik.

Mei Hong Lin reiht sich mit ihrem sensiblen, konsequenten Entwurf für die zeitgemäße Sicht auf einen romantischen Ballettklassiker würdig in die Reihe der Vorreiter ein – wie John Neumeier („Illusionen wie Schwanensee“ von 1972) oder Youri Vámos' Mutter-Sohn-Tragödie (1986) und Matthew Bourne mit seinem provozierend lasziv zweideutigen, witzigen, reinen Männerballett (1995).

Veröffentlicht am 04.11.2015, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2015/2016

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