HOMEPAGE



Bielefeld

LEBENSFREUDE PUR

Simone Sandronis fröhlicher Einstand in Bielefeld



So fröhlich kommt Tanz selten daher. Zwischen Bühne und Parkett springt der Funke sofort über. Es ist Liebe auf den ersten Blick.


  • "Geschichten, die ich nie erzählte" von Simone Sandroni Foto © Lioba Schöneck
  • "Geschichten, die ich nie erzählte" von Simone Sandroni Foto © Lioba Schöneck
  • "Geschichten, die ich nie erzählte" von Simone Sandroni Foto © Lioba Schöneck
  • "Geschichten, die ich nie erzählte" von Simone Sandroni Foto © Lioba Schöneck

"Wir sind viele" ist das diesjährige Motto des Theater Bielefeld. In der Sparte Tanz sind besonders viele neu. Denn Simone Sandronis "TANZ Bielefeld" folgt auf Gregor Zölligs in Ostwestfalen überaus populäres "TanzTheaterBielefeld". Anlässlich der ersten Tanzpremiere lädt Intendant Michael Heicks das Publikum ein, die Theater-Community zu vermehren. Auf der "Beitrittskarte" ist der Satz zu vervollständigen "Tanz ist für mich ...". Dutzende Bekenntnisse sind bereits an Pinnwänden im Foyer ausgestellt. Da wird Tanz definiert als "Balsam für die Seele" oder "Faszination bewegter Bilder", "Harmonie und Dynamik" und "dank der heutigen Vielfalt von Techniken und Themen die spannendste, schönste der Künste". All das findet sich auf der Bühne wieder, wenn die fünf Tänzerinnen und fünf Tänzer sich mit Sandronis "Geschichten, die ich nie erzählte" vorstellen.

Die Schwedin Johanna Wernmo betritt die Bühne als Erste - barfuß, in Top und Hotpants -, gibt sich schüchtern und verrät dann aber doch aus ihren Lebensgeschichten, dass sie nicht aufhören könne zu tanzen. Sie wirbelt durch den Raum, dass man ihr das Geständnis glatt abnimmt. Andere erzählen von weniger schönen ersten Tanzerfahrungen - Saori Ando etwa vom Ritus des traditionellen japanischen Tanzes, Joris Bergmans vom Einpeitschen klassischer Posen. Tommaso Balbo ‚profiliert’ sich als Teenager bei der Tarantella, darf aber 'nur' als Pinocchio auf der Bühne debütieren.

Tempo und Bewegungsvielfalt der kleinen Truppe sind atemberaubend - zumal wenn Kenan Dinkelmann die Ballettstange auf Schwung bringt und in rasantem Tempo auf der Spielfläche kreiseln lässt. Blitzschnell und behände schlüpfen, kullern und rollen die anderen in letzter Sekunde darunter durch. Später hauchen alle - manche schwer zu verstehen - geplatzte Lebensträume ins Mikrofon. Noriko Nishidate wurde keine Prinzessin, die Costa Ricanerin Elvira Zuñiga Porras nicht Tierärztin, der elegante Japaner Sho Takayama nicht Verkäufer, die schöne Italienerin Chiara Montalbani nicht Psychologin. Ihr Landsmann Gianni Cuccaro "wäre nie Tänzer geworden, wenn es keine Duette gäbe".

Da darf er sich in diesen 75 Minuten weidlich austoben. Denn alle vier großen Szenen der lockeren Choreografie haben auch reizvolle Zweierformationen - diagonal über die Bühne gehüpft, skurril miteinander verschlungen, Annäherungsversuche von ihm an sie - und vor allem einen herrlich langen Tango für eng umschlungene Paare. Mitten hinein senkt sich ein Mikrofon vom Schnürboden, aber als Noriko Nishidate es greifen will, entpuppt es sich als Schlauch, der die Bühne unter Wasser setzt und alle kladdernaß macht. Es folgt die köstlichste, raffinierteste Wasserrutschpartie in Badehosen, die wohl je auf einer deutschen Bühne zu sehen war. Wie sagte doch ein Zuschauer so recht über Tanz? "Lebensfreude pur!" Im langen gesprochenen Epilog verrieten die Tänzer aus sechs Nationen noch, die Bühne sei ihre "Heimat". Das klang reichlich plakativ.

In Bielefeld hat sich, so scheint's, mit diesem launigen Auftakt, ein Paradigmenwechsel vom eher kopflastigen zum bewegungsbetonten Tanz vollzogen. Aber Sandroni, Mitgründer der belgischen Kompanie Ultima Vez, hat natürlich viel mehr im Gepäck als diese temperamentvoll heitere Begrüßungsshow. Mit "Coincidance" im Januar sind Kurzchoreografien von seiner vormaligen belgischen Kompanie "Déjà Donné", Richard Siegal und Wim Vandekeybus zu sehen. Zwei eigene Uraufführungen stehen mit "Zwischen Himmel und Hölle" im April auf dem Programm.

Veröffentlicht am 08.11.2015, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 2256 mal angesehen.



Kommentare zu "Lebensfreude pur"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    SPRECHENDE SCHULTERN, SCHREIENDE ELLBOGEN UND FLÜSTERNDE KNIE

    Interview mit Wayne McGregor: Neuer Ballettabend am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 15.04.2018, von Vesna Mlakar


    STAKEHOLDER IN STRUMPFHOSE ODER BETRIEBSJUBILÄUM AUF DER BÜHNE

    Jason Reilly – ein Interviewportrait von Alexandra Karabelas
    Veröffentlicht am 13.03.2018, von Alexandra Karabelas


    „WIR GEHEN NIE OHNE ZIEL UND ZWECK AUF DIE BÜHNE“

    Ballet BC: Deutschlanddebüt bei Movimentos, dem Festival der Autostadt Wolfsburg
    Veröffentlicht am 13.03.2018, von Volkmar Draeger



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    GALAABEND MIT DEM BALLETT TN LOS!

    Ein Galaabend mit dem Ballett TN LOS! und Gästen am 21. April am Theater Nordhausen.

    Nachdem die junge Nordhäuser Ballettcompagnie im Sommer 2017 eine Gala mit den beiden anderen professionellen Ballettensembles Thüringens getanzt hat, ist sie nun Gastgeber für Tänzer aus ganz Deutschland.

    Veröffentlicht am 12.04.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    "CROSSING THE LINES"

    Ein Fotoblog von Dieter Hartwig

    Veröffentlicht am 26.03.2018, von tanznetz.de Redaktion


    JOHN NEUMEIER BIS 2023 INTENDANT DES HAMBURG BALLETT

    Erfolgsgeschichte des Hamburg Ballett soll weiter ausgebaut werden

    Veröffentlicht am 26.03.2018, von Pressetext


    DAS GOODBYE DER CHOREOGRAFEN

    Zum Abschied von Reid Anderson: Ballettabend „Die fantastischen Fünf“

    Veröffentlicht am 03.04.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    TANZ ALS KUNST FÜR UNSERE GEGENWART

    Danza&Danza vergibt die Premi Danza&Danza für das Jahr 2017

    Veröffentlicht am 16.04.2018, von tanznetz.de Redaktion


    DU SOLLST DIR KEIN BILDNIS MACHEN

    „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Tomasz Kajdański in Dessau

    Veröffentlicht am 28.03.2018, von Boris Michael Gruhl



    BEI UNS IM SHOP