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Hamburg

DOCUMENTA - LET US IN. WE ARE THE GREAT ONES!

„Athentat“ von Helen Schröder und Ekaterina Statkus in Hamburg



Die Lecture-Performance „Athentat“ von Helen Schröder und Ekaterina Statkus im Hamburger Klub „Golem“ lässt im grauen November Gemeinschaftsgefühle entstehen und kratzt an der eigenen Handlungsfähigkeit.


  • "Athentat" Foto © Anja Winterhalter
  • "Athentat" Foto © Anja Winterhalter
  • "Athentat" Foto © Anja Winterhalter

Das Performanceduo Schröder & Statkus macht sich für die größte internationale Kunstausstellung, die documenta, 2017 bereit. Mit viel ironischem Spiel und klugen Ideen versuchen die charmanten Performerinnen das raue Gelände des Kunstmarktes zu erklimmen.

Bereits in früheren Zusammenschlüssen der beiden Performerinnen („Embody Mess“; „The Winning Team Competition“) arbeiteten sie mit Reenactments bekannter Highlights aus der Performanceszene. Und auch der Mailwechsel im Zwischenraum von Fakt und Fiktion mit den Idolen des Kunstmarkts ist zur wiedererkennbaren Praxis der beiden geworden. Bei „The Winning Team Competition“ etwa, das im Rahmen des „Hauptsache frei“ Festivals 2014 den Jurypreis ergatterte, konnten sie herausragende Empfehlungsschreiben vorweisen.
In „Athentat“ tauschen sich die beiden Performerinnen nun mit Yanis Varoufakis und Adam Szymczyk, dem Artistic Director der documenta, über deren 14. Ausgabe aus. Diese soll 2017 erstmalig mit doppeltem Standort in Kassel und Athen stattfinden, unter dem Motto „Learning from Athens“. „Warum“, so fragen sich Schröder, Statkus und auch Varoufakis berechtigterweise, „diese doppelte Agenda? Wieso findet die documenta dann nicht gleich in Athen statt?“

„Wir brauchen die Kunst wie die Religion und die Philosophie, um tiefer in die Dinge hineinzukommen und in uns selber zu entdecken und Lust zu haben, mit dieser Welt in Beziehung zu treten. Also, die Kunst kann uns aufwecken“, diese Worte aus der Eröffnungsrede von Joachim Gauck zur letzten documenta, stellen Schröder & Statkus an den Beginn ihrer Performance. Wie um sich selbst nun ebenfalls aufzuwecken, folgen diesem Eingangszitat einige Ohrfeigen, wieder ein Zitat von Marina Abramović und Ulays „Light/Dark“.

Von nun an wird der Gebrauchswert der Kunst getestet, sie wird ausprobiert und umgetauscht. Helen Schröder wird in ihrer Drehung der berühmten Eispirouette von Katharina Witt, eingewickelt in Klopapier und mit einem Dollar-Zeichen-Luftballon im Mund zu einer mahnenden Statue der Kapitalismuskrise. Das Publikum wird zum Spenden aufgerufen. Alles Geld in eine Box und direkt hat man das befreiende Gefühl etwas Gutes getan zu haben – schließlich spendet man für die Kunst. Schmerzhaft wird es dann, wenn das Geld aus dem Fenster fliegt.

Dieser Spendenaufruf bleibt nicht die einzige Aktion, die den Zuschauer aufwecken soll, die an seine Teilnahme und Gefühle appelliert. Durch Produktion von negativer Energie soll zum Beispiel ein Papierschiff zum Sinken gebracht werden. Um die negativen Energien ausreichend produzieren zu können, gibt es Anweisungen wie folgende: „Stell’ dir vor der Satz ‚Tanzt, Tanzt sonst sind wir verloren’ stammt gar nicht von Pina Bausch, sondern von Adolf Hitler.“

Umgetauscht und eingetauscht werden auch Artefakte von Krisen. Die Performerinnen erzählen Anekdoten ihrer persönlichen Krisen und laden das Publikum ein deren Artefakte gegen die anderer Krisen zu tauschen. Das Publikum geht auf das Angebot ein, ein gezeichnetes Bild, Artefakt einer identitären Krise wird ebenso beigesteuert wie der vergessene Abholschein einer Wäscherei als Zeichen für Ignoranz. Auch die Krisenartefakte mancher ‚Größen’ der Kunstwelt werden vorgestellt. Maria Callas verkaufte etwa in Zeiten der Armut Klopapierrollen in Eulengestalt und auch Yann Tiersen’s „Fabelhafte Welt der Amelie“, die gleichzeitig erklingt, wird zum Zeichen künstlerischer und finanzieller Krisen.
Diese persönlichen Krisen werden als Inspirationsquellen gebraucht und ebenso schamlos ausgenutzt wie die Griechenlandkrise zur Vermarktung der documenta 2017. Die Krise wird zum Zweck der politischen Kunst ausgeraubt und als wirtschaftlicher und ästhetischer Profit gehandelt.

Via Videobotschaften werden unterschiedliche Aktionen der Lecture-Performance dem documenta-Team übermittelt. Auch das Publikum ist wieder Teil des Geschehens, wenn es dabei gefilmt wird, wie es den Performerinnen beim Essen ganzer Zwiebeln zusieht, um dann an die Mauern des Frissiras Museums in Athen projiziert zu werden. Denn am Ende will man eben doch Teil der documenta sein, mitspielen in einem Spiel, das doch eigentlich kritisiert wurde - als Künstler genauso wie als Publikum.

Letzteres wird am Ende der Performance selbst zum alleinigen Akteur, zum ‚emanzipierten Zuschauer’ und wählt eigenhändig die Nummer des documenta Büros. Und doch wird auch hier nur einem Skript gefolgt, denn im Publikum werden Textbücher verteilt, die nun, da sich auf der Bühne nichts mehr abspielt, in verteilten Rollen abgelesen werden.
Dabei verweist dieses Skript fortwährend auf seinen eigenen präskriptiven Charakter. Besonders deutlich wenn es am Ende den Lesenden vorschreibt sich aus ihrer passiven Rolle zu befreien, die Bar aufzusuchen und den Abend zu beenden. Wie aktiv und mitbestimmend ist unsere Rolle tatsächlich – im Theater wie im Leben? Wann ist eine Krise auch die unsere?

„Athentat“ ist ein permanentes Spiel mit (den eigenen Erwartungen) an Emanzipation und Partizipation. Die paradoxe Situation des Aktivismus hinterfragt Möglichkeiten und Handlungsfreiräume des Zuschauers sowie des selbstbestimmten Menschen. Und im Endeffekt ist man eben doch nicht aktiv, ist gleichzeitig involviert und doch nicht dabei, affektiert ist man aber auf alle Fälle.

Bleibt nur noch die Frage der Schuld!

Veröffentlicht am 19.11.2015, von Elisabeth Leopold in Homepage, Kritiken 2015/2016

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