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POLITKOMMENTARE UND ZWILLINGSRITUALE

Ungarns zeitgenössische Tanzszene gastiert im Dock 11



Veranstaltet wird es vom Bakelit Multi Art Center Budapest, dem größten unabhängigen Produktionsort Ungarns. Hatte im Vorjahr Pál Frenák mit einer Produktion Maßstäbe gesetzt, ging es beim diesjährigen Eröffnungsstück entschieden knalliger zu.


  • Hodworks Conditions Foto © Daniel Domolky
  • Das große Heft Foto © Dusa Gabor

Die Erstausgabe war erstaunlich. Kaum hätte man geglaubt, über wieviele kreative Talente für zeitgenössischen Tanz das kleine Ungarn verfügt. Zwar arbeitet Pál Frenák schon seit längerem in Paris, steht aber dennoch für seine magyarische Heimat und war 2014 die große Überraschung im Dock 11. Auch 2015 ist im Weihnachtsmonat die Spielstätte an der Kastanienallee wieder Standort der Zweitausgabe des Festivals für zeitgenössischen Tanz aus Ungarn. Veranstaltet wird es erneut vom Bakelit Multi Art Center Budapest, dem größten unabhängigen Produktionsort des Landes. Hatte im Vorjahr Pál Frenák mit einer Produktion, die Struktur und Form besaß, Maßstäbe gesetzt, ging es beim diesjährigen Eröffnungsstück entschieden knalliger zu.

Adrienn Hód lässt ihre zwei Tänzerinnen, zwei Tänzer sich auf offener Szene umdrapieren: Was anfangs noch wie Trainingsdress wirkt, wird durch Hochkrempeln, Zerreißen, Zusammenzurren und Entblößen Vorspiel eines wilden Spektakels, das sinfonische Musik von Franz Liszt pompös-dramatisch untermalt. Die Tänzer reagieren darauf schreiend mit tobendem Taumel, Schleudern und selbst beim Zusehen schmerzenden Stürzen. Lawrence von Arabien trifft dabei auf Comicfiguren, die sich gegenseitig den Tanga vom Leibe ziehen. Je lauter das Blech in der Musik schmettert, umso greller der röchelnde, gurgelnde Tumult als Gegenwarts-Dada im Theater. Bis zur Erschöpfung knäulen sich die Leiber, küsst man Lippen, Anus, Genital. Im zweiten Teil streifen sich alle Spitzenschuhe über, zelebrieren Soli mit klassischen oder folkloristischen Elementen, überdreht, zerhackt, durch all die Nacktheit genitalisiert. Zu dumpfen Paukenschlägen im Finale geht auch der Exzess der Tänzer in Sitzruhe über, als staunten sie nun selbst über ihren verstummten Veitstanz.

Diesen befremdlichen, dabei hochvirtuosen Tanzanfall, der zwar Stuktur hat, nicht jedoch genügend Form, nur abzulehnen, wäre sicher zu einfach. Was aber könnte dahinterstecken? In einem Land mit konservativer Regierung und den von ihr proklamierten Idealen mag „Conditions of being a mortal“ lautstarker Protest sein: gegen weihevolle Hinwendung zur Tradition, wofür Liszts Musik stehen mag - eine heilige Kuh, die hier eine Stunde lang gründlich geschlachtet wird. Wohl auch gegen das, was Orbán und seine Gesinnungsfreunde von einem Tanzabend zu klassischer Musik erwarten dürften. Träfe das zu, wäre der Gruppe Hodworks mit ihrer Explosion von vier ausgeflippten Ballerinen auch ein politisch motivierter Aufschrei gelungen.

Dass zwei geplante Gastspiele kurzfristig abgesagt wurden, so auch eine Produktion von Ádám Fejes über die politische Lage im Ungarn der normierten Meinungen und der „Überbevölkerung“, ist bedauerlich. Dafür erhalten mit Virág Arany und Júlia Hadi zwei unter bodylotion co-dance firmierende Choreografinnen der jungen Generation zweimal die Chance, ihr Duo „StepinTime“ zu zeigen. Um die Wahrnehmung in einem Prozess konstanten Wandels geht es über mehrere Kurzgeschichten, die von der Fashionshow zum Ball, von der Spartakiade zur Parade führen. In Richtung Performance tendiert Vadas-Vass mit dem Duett „Eins für dich, eins für mich“. Tamara Zsófia Vadas und Imre Vass untersuchen darin Verhaltensmuster aus der Kindheit und die Beziehungen zwischen Geschwistern. „Das große Heft“ des Tanztheaters Forte Company sei berührend, hört man im Vorfeld. Mittelpunkt dieser preisgekrönten Romanadaption sind Zwillinge, die während des Krieges bei einer gefühlskalten Großmutter aufwachsen, eigene Moralvorstellungen entwickeln, durch starke Körper und stumpfe Herzen überleben. Ihre Eindrücke notieren sie in einem großen Heft. Csaba Horváth ist Regisseur der seit 2005 bestehenden Gruppe. „Tao Te“ von Ferenc Fehér schließlich bezieht sich auf die chinesische Schriftensammlung Tao Te Ching, die fordert, tugendsam zu leben. Mit seinem Duettpartner Ákos Dózsa forscht Fehér nach, ob sich Kampfkunst, Breakdance, zeitgenössischer Tanz eignen, die gewünschte Harmonie zu erreichen. Tanzfilme sowie ein Urban Dance Workshop ergänzen das Festivalangebot.

Bis 12.12., Dock 11, Kastanienallee 79, Prenzlauer Berg, Telefon 351 203 12, www.dock11-berlin.de

Veröffentlicht am 09.12.2015, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2015/2016

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