HOMEPAGE



Cottbus

DIE DUNKLE SEITE DER SCHÖNHEIT

„Das Bildnis des Dorian Gray“ als Ballett von Lode Devos am Staatstheater Cottbus



Aufstieg und Fall eines einsamen Menschen. In spannenden tänzerischen Korrespondenzen erzählt das Ensemble von Lode Devos berührend von Eitelkeit, Versuchung und dem tragischen Ende des Dorian Gray.


  • "Das Bildnis des Dorian Gray", im Vordergrund: Inmaculada Marín López (Mitglied der Londoner High Society) Foto © Marlies Kross
  • "Das Bildnis des Dorian Gray", Jason Sabrou (Dorian Gray) Foto © Marlies Kross
  • "Das Bildnis des Dorian Gray", im Vordergrund: Inmaculada Marín López (Mitglied der Londoner High Society) Foto © Marlies Kross
  • "Das Bildnis des Dorian Grey", v.v.n.h.: Niko König (Basil) und Jason Sabrou (Dorian Gray) Foto © Marlies Kross
  • "Das Bildnis des Dorian Gray", v.l.n.r.: Stefan Kulhawec (Lord Henry), Jason Sabrou (Dorian Gray) und Niko König (Basil) Foto © Marlies Kross

Es wie ein Pakt mit dem Teufel, wenn der junge Dorian Gray sich darauf einlässt, dass künftig sein Porträt altern werde und er sich auf unbegrenzte Zeit seiner Jugend und Schönheit sicher sei. Das faustische Motiv ist prägend in Oscar Wildes vor 125 Jahren in der Erstfassung erschienenem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ und dieses Motiv wird auch zur Grundlage der Uraufführung des gleichnamigen Balletts am Staatstheater Cottbus in der Choreografie von Lode Devos.
Die Ausstattung von Anne-Frederique Hoingne knüpft bei den Kostümen in der Entstehungszeit des Romans an, führt aber dann mit optisch reizvollen Zitaten ausgefallener Designermoden gegenwärtiger Oberschichten aus historisierender Bildhaftigkeit in assoziative Bezüge zur Gegenwart.

Den Part des Teufels übernimmt Stefan Kulhawec als aristokratischer Dandy Lord Henry nicht ohne Eigeninteresse, denn der schöne junge Typ hat es ihm angetan. Machtlos hingegen ist Niko König als Maler Basil, der mit ansehen muss, wie sein Kunstwerk missbraucht, sein Modell den Versuchungen erliegt und sich auf einen am Ende tödlichen Weg der Verantwortungslosigkeit begibt. Jason Sabrou ist Dorian Gray, schön und fies und regungslos, Greta Dato als junge, zerbrechliche und unerfahrene Schauspielerin Sibyl wird an seiner Missachtung ihrer Gefühle zugrunde gehen, den Maler Basil wird er angesichts der furchterregenden Veränderung des inzwischen geheim gehaltenen Porträts ermorden. So kommt es zu tänzerisch spannenden Korrespondenzen zwischen dem Maler, dem Verführer und dem schuldlos, schuldigen Gray als Trio infernale, die von Beginn an wesentliche Akzente dieser Choreografie setzen.

Eine Steigerung erfährt das Ballett im Pas de deux der Schauspielerin mit Dorian Gray. In ihren solistischen Variationen blitzt etwas auf von der Tragik der jungen Frau, die das Leben mit dem Theater verwechselt, in seinen immer kühleren und abweisenderen Reaktionen verbreitet sich die Kälte der puren Selbstgenügsamkeit. Dass sich dabei aber doch hinter der Maske des schönen Erfolgstypen ein Mensch verbirgt, wird immer wieder deutlich, wenn der Tänzer in kraftvollen und vor allem expressiven solistischen Passagen der verzweifelten Einsamkeit zu entkommen sucht, oder stärker noch, wenn er der bildgewordenen Wahrheit seines Irrweges beim Ansehen des Porträts gegenübersteht. Keine Umkehr, kein Entrinnen, auch das hoffnungsvolle Flackern in der kurzen Begegnung mit der von Denise Ruddock getanzten sympathischen Hetty bleibt ohne Folgen.

So vollzieht sich in dieser Cottbusser Uraufführung von Lode Devos, dramaturgisch beraten von Volkmar Draeger, der Aufstieg und der Fall eines einsamen Menschen. Willig aufsteigen lässt ihn eine vergnügungssüchtige und skandalgeile Schickeria, die ihn auch fallen lässt und wegwirft wie ein langweilig gewordenes Spielzeug, um dann wie eine Horde Furien über ihn herzufallen, ihn lediglich erhebt, um ihm genussvoll die Kleider vom Leib zu reißen, und dann wie gehäutet für immer fallen zu lassen. Dorian Gray krepiert einsam vor seinem Bildnis, dieses - wieder im Urzustand - ist ein Bild, nichts sonst, ein Kunstwerk. Der Mensch Dorian Gray aber ist daran zerbrochen, das Leben um jeden Preis mit der Kälte der Kunst zu verwechseln: „Du sollst Dir kein Bildnis machen.“

So choreografiert und inszeniert Lode Devos mit der gut aufgestellten achtköpfigen Cottbusser Ballettkompanie, zu der noch Emily Downs, Inmaculada Marín López und René Klötzer gehören, im sachlichen Ambiente der Kammerbühne zur immer dunkler und emotionaler aufsteigenden Musik des Kronos Quartetts, Franz Schuberts, Sergej Rachmaninows und Arnold Schönbergs Tondichtung „Verklärte Nacht“ einen Totentanz der ganz eigenen Art.
Der Rest ist Stille, der Rest ist Schweigen, Einsamkeit und Tod, so wie es aus Rachmaninows Tondichtung „Die Toteninsel“ am Ende des so spannenden wie berührenden Balletts herüberklingt, womit auch noch einmal die den Roman von Oscar Wilde durchziehende Morbidität, wie sie sich nicht selten hinter dem geistreichen Ästhetizismus seiner Personen verbirgt, anklingt.

Weitere Aufführungen: 13., 27.02.; 24.03.; 22.04.
www.staatstheater-cottbus.de

Veröffentlicht am 24.01.2016, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 1099 mal angesehen.



Kommentare zu "Die dunkle Seite der Schönheit "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    "EINE GROßE EHRE"

    Tarek Assam zum Sprecher der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz gewählt
    Veröffentlicht am 05.05.2017, von Dagmar Klein


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


    EINE JUNGE KOMPANIE FÜR BERLIN

    Marion Heinrich im Gespräch mit den Intendanten des „Landesjugendballetts Berlin“
    Veröffentlicht am 31.03.2017, von Gastautor



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    STAATSBALLETT BERLIN: PROGRAMM DER SAISON 2017/2018

    Das Staatsballett Berlin veröffentlicht seine vollständigen Pläne für die Spielzeit 2017/2018

    Drei Premieren, ein Gastspiel der Ballets de Monte-Carlo, die Gala „Polina & Friends“ sowie eine Ballettwoche mit geballtem Programm stellen die Höhepunkte der Saison dar

    Veröffentlicht am 29.06.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    REQUIEM FÜR EINE JUNGE GENERATION

    Jeroen Verbruggen und Jirí Bubenicek kreieren fürs Staatstheater Nürnberg

    Veröffentlicht am 26.06.2017, von Alexandra Karabelas


    ANDERE ORTE, ANDERER TANZ

    In der Reihe „Intershop“ choreografieren Tänzerinnen und Tänzer vom Leipziger Ballett an besonderen Orten der Stadt

    Veröffentlicht am 03.07.2017, von Boris Michael Gruhl


    MARCO GOECKE WIRD NICHT VERLÄNGERT

    Der Vertrag des Hauschoreografen des Stuttgarter Ballett läuft zum Ende der Spielzeit 2017/2018 aus

    Veröffentlicht am 11.07.2017, von Pressetext


    WEH DEM, DER ZEICHEN SIEHT!

    Europapremiere von Ohad Naharins „Venezuela“ in Hellerau

    Veröffentlicht am 24.06.2017, von Rico Stehfest


    MIT GROßEN SPRÜNGEN IN DIE ZUKUNFT

    Ballett-Matinee der Stuttgarter John Cranko Schule

    Veröffentlicht am 14.07.2017, von Boris Michael Gruhl



    BEI UNS IM SHOP