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Görlitz

SPRACHLOS IN DER FREMDE

„Die kleine Meerjungfrau“ als zirzensisches Tanztheater in Görlitz



Mit dem fröhlichen Leben am Meeresgrund beginnt ein Märchen, das am Ende dem Leben näher ist, als man zunächst glauben mag.


  • "Die kleine Meerjungfrau" von Dan Pelleg und Marko E. Weigert Foto © Pawel Sosnowski
  • "Die kleine Meerjungfrau" von Dan Pelleg und Marko E. Weigert Foto © Pawel Sosnowski
  • "Die kleine Meerjungfrau" von Dan Pelleg und Marko E. Weigert Foto © Pawel Sosnowski

„Schuster bleib bei deinen Leisten“, so der Volksmund. Abgewandelt, im Hinblick auf die kleine Meerjungfrau, die sich aus der Tiefe des Meeres an die Oberfläche der Menschenwelt sehnt, den Fischschwanz gegen Beine tauscht, dafür die Stimme hergibt, um fortan sprachlos als Fremde unter Fremden zu existieren und an der Einsamkeit zerbricht, möchte man sagen: „Mädchen bleib bei deinen Flossen“. Nach Motiven des Kunstmärchens „Die kleine Meerjungfrau“ von Hans Christian Andersen, aus dem Jahre 1837, gibt es jetzt ein Tanzstück von Dan Pelleg und Marko E. Weigert mit der Tancompany des Gerhart-Hauptmann-Theaters in Görlitz.

Immer wieder versuchen Pelleg und Weigert die traditionellen Bühnenvorgaben im Tanz zu durchbrechen, vor allem die Dimensionen der Darstellung ihrer aus der Konkretion in die Ästhetik des Fantastischen gesteigerten Ideen bildhaft werden zu lassen.
Um eine Unterwasserwelt auf die Bühne zu bringen, bedürfen sie keines Aquariums. Mit dem Künstler Till Kuhnert haben sie einen Partner, der ein stilisiertes und doch mit vielen Raffinessen der Fantasie ausgestattetes Korallenriff auf die Bühne stellt. Und nicht nur das, dreht man die beweglichen Massen des Gesteins am Meeresgrund, so geben sie drei massige Dreiecke, in denen sich genau jene weißen Segel hissen lassen, die einer mächtigen Fregatte Antrieb geben, bis sie der Sturm zerfetzt, das Schiff zerfällt und die gerade noch so lustig tanzenden Matrosen am Meeresgrunde, wo die Meerwesen so fröhlich leben, einsam ertrinken. Mit dem fröhlichen Leben am Meeresgrund beginnt ein Märchen, das am Ende dem Leben näher ist, als man zunächst glauben mag.

Halsbrecherisch bewegen sich die Protagonisten in den fantastischen Kostümen von Tanja Liebermann am massiven Riff als gelte es skurrilste Verrenkung an einer Kletterwand zu kreieren. Dann wieder, an Seilen gehalten, sausen flinke Meerwesen durch die Lüfte, Pardon, durch die Fluten, sie steigen auf und schießen herab, eine mächtige Qualle wabert durch die Unterwasserwelt und aus der Tiefe des ins Bild mit einbezogenen Orchestergrabens steigen Luftballons als Luftblasen auf. Der zirzensische Charakter dieser Szenen ist präsent, und wenn die Meereswesen gar als Gruppe an den Seilen durch die trockenen Fluten preschen, dann kann man auch gerne an die Verzauberung für Groß und Klein denken, wie man sie vom kanadischen Cirque du Soleil kennt.

Auch wenn diese Szenen, die nach verhaltenem, vorsichtigem Beginn, an Kraft und Präsenz gewinnen, sich ob ihrer Bildkraft einprägen, es ist dann doch die Intensität des Kammerspiels in der Begegnung der Meerjungfrau mit ihrem Prinzen und ihr Leiden als Fremde in der Menschenwelt bis hin zum Abschied in den Tod um des Glückes der anderen willen, die diesen Abend wieder zu einem besonderen des Tanztheaters, eben nach Görlitzer Art, werden lassen. Da ist zunächst die Neugier, wenn die Tänzerin Amit Preisman beim Anblick ihres Märchenprinzen, dem kraftvoll agierenden Seth Buckley, in eine heftige Verwirrung ihrer Gefühle gerät. Da ist die eindrucksvolle Szene, wenn sie den Ertrinkenden rettet, beide an Seilen im Kampf gegen die herabziehende Kraft der Meerestiefe, und da ist ihr erster Schmerz, wenn sie mit ansehen muss, mit welcher Leichtigkeit Nora Hageneier sich dem Tanz hingibt, was ihr auf immer verwehrt, oder wenn, dann nur unter unsäglichen Schmerzen möglich ist. Dann kommt uns das Märchen näher als uns vielleicht lieb sein möchte, denn allzu schnell erlischt das Interesse der Menschengesellschaft an jenem fremden Wesen, dem die Sprache fehlt und auch die Kenntnis angesagter Vergnügungs- und Verhaltensrituale. Es ist nicht weit her mit der Willkommenskultur, die sich hier darauf beschränkt der Fremden einen abgelegten Mantel umzuhängen, um sich dann in angesagten Tanzvorgaben wie seelenlose Automaten zu bewegen.

Kein Happy End in diesem Märchen, der schöne Prinz liegt in den Armen seiner Tänzerin, die hat er erwählt, nicht jene Meerjungfrau, der er sein Leben verdankt, er wird es nie erfahren. Ihr Ausweg aus diesem Missverständnis, bei den Seelenlosen, die Seele zu erlangen, ist der Tod, und eben nicht die Rache. Doch eine Vision? Auf jeden Fall ein märchenhafter Abend, in mehrfacher Hinsicht, für Große und Kleine, und eine Chance für die Großen, auf dem Heimweg genau hinzuhören, was die Kleinen gesehen haben.

Weitere Aufführungen: 29., 30.01.; 02.02., 07.02.; 25.03.; 16.04.
www.g-h-t.de

Veröffentlicht am 24.01.2016, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Sprachlos in der Fremde "



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