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Hamburg

DIE PERSONALISIERTE LIEBE ZUR KUNST

Silvia Azzoni als Eleonora Duse in Hamburg



Es erschließt sich dank Azzoni noch zwingender, was John Neumeier mit "Duse" wohl beabsichtigt hat: eine Huldigung an die reine, die unverstellte, aus tiefstem Herzen empfundene Kunst, und an die Künstlerin, die sie ausübt.


  • Silvia Azzoni als Eleonora Duse Foto © Kiran West
  • Silvia Azzoni, Jacopo Belussi, Dario Franconi, Sasha Riva, Alexandre Riabko in "Duse" von John Neumeier Foto © Kiran West
  • Silvia Azzoni, Jacopo Belussi in "Duse" von John Neumeier Foto © Kiran West
  • Carolina Aguero in "Duse" von John Neumeier Foto © Kiran West

In sieben Vorstellungen im Dezember und Januar tanzte Alessandra Ferri die Hauptrolle in John Neumeiers jüngstem Ballett "Duse" (wir berichteten), Ende Januar kam dann für zwei Aufführungen noch die zweite Besetzung zum Zug: mit Silvia Azzoni als Duse. Auf diesen zweiten Blick erschließt sich dank Azzoni noch zwingender, was John Neumeier mit diesem Werk wohl beabsichtigt hat: eine Huldigung an die reine, die unverstellte, aus tiefstem Herzen empfundene Kunst, und an die Künstlerin, die sie ausübt. Durch ihre mittlerweile fast 23 Jahre währende Zugehörigkeit zum Hamburg Ballett und zahlreiche eigene Kreationen mit John Neumeier weiß Silvia Azzoni natürlich genau, wie sie das tanzen muss: ganz von innen heraus, aus dem eigenen Erfahrungsfundus und ihrer Persönlichkeit schöpfend. Und es ist eben gerade dies, was Neumeiers Ballette so einzigartig macht, vorausgesetzt, eine Künstlerin ist zu dieser Selbstentäußerung wirklich fähig. Die Ferri ist das, und Silvia Azzoni ist das auch, auf ihre sehr eigene Art und Weise.

Die Duse ist bei ihr noch mehr ein Mensch aus Fleisch und Blut als bei Ferri, die bei der doch sehr Diva ist, sehr unnahbar. Azzoni lotet ihre menschlichen Zwischentöne noch stärker aus und macht sie sichtbar. „Eleonora Duse hat für mich etwas durch und durch Melancholisches“, sagt Silvia Azzoni im Gespräch über ihre Rolle. „Man sieht sie kaum lächeln, sie hat immer etwas Trauriges um sich. Sie hatte Schwierigkeiten, eine erfüllte Liebesbeziehung zu leben, obwohl sie viele Männer geliebt hat. Ich habe auch das Gefühl, dass das Verhältnis zu ihrer Tochter eher distanziert war. Sie muss sehr einsam gewesen sein. Das ist bei mir anders.“ Für sie sei es deshalb nicht einfach gewesen, diese Distanziertheit in sich zu finden, sagt Silvia Azzoni, seit Jahren glücklich verheiratet mit Alexandre Riabko (Erster Solist beim Hamburg Ballett), und Mutter einer fünfjährigen Tochter.

Gemeinsam ist ihnen die Liebe zur Kunst – bei Duse zur Schauspielkunst, bei ihr zum Tanz. Aber auch hier sieht Silvia Azzoni Unterschiede: „Die Duse war besessen vom Theater – das bin ich auch. Der Tanz ist mein Leben, und ich kann 300 und 500 Prozent für den Tanz geben, aber es muss noch etwas übrig sein für mein privates Leben. Für die Duse war die Arbeit, das Schauspiel, ihr einziger Lebensinhalt.“ Vielleicht ist es dieses Wissen um das Andere, das im Leben noch eine Rolle spielen kann, die ihre Interpretation so schlüssig macht. Vor allem auch im zweiten Teil, den Silvia Azzoni wie ein Heiligtum zelebriert, mit ganz großer innerer Kraft und Hingabe. Und der gerade dadurch eine einzigartige, fast meditative Konzentration atmet.

Auch die meisten anderen Rollen wurden in dieser zweiten Besetzung hervorragend ausgefüllt: Carolina Aguero brillierte als wunderbar exaltierte Sarah Bernhardt; Alexandre Riabko war ein großartiger Arrigo Boito; die Faszination, die der Schriftsteller auf die Duse ausgeübt haben muss, wurde hier noch nachvollziehbarer als mit Carsten Jung. Jacopo Belussi als Soldat Luciano Nicastro war ein hingebungsvoller junger Verehrer, und Sasha Riva ein würdiger Vertreter des Publikums.

Der große Wermutstropfen in dieser Besetzung ist Dario Franconi als Gabriele d’Annunzio. Der schnelle und deshalb so überraschende Hechtsprung bei seinem ersten Auftritt beispielsweise, mit dem er sich der Duse zu Füßen wirft, wird bei ihm zu einem recht seltsamen Bauchrutscher; und nicht nur einmal bangt man, ob er Silvia Azzoni bei den Hebungen wirklich gut genug hält. Springen ist generell nicht seine Stärke, und zum Abschluss des zweiten Teils bringt er als einziger von den vier Männern nicht die entsprechende Körperspannung auf, die für die schnellen Laufschritte mit gestreckten Armen nötig ist. Das ist schade. Denn gute Tänzer, die diese Rolle wirklich ausfüllen könnten, gäbe es genug im Hamburg Ballett.

Veröffentlicht am 16.02.2016, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2015/2016

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