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Kaiserslautern

BITTERZARTE PARABEL VOM FRÜHLINGSERWACHEN

Pfalztheater Kaiserslautern feiert James Sutherlands „Romeo und Julia“



Enthusiastisch feiert das Premierenpublikum den Gastchoreografen. Zu Recht, denn die Inszenierung ist eine beeindruckende Gesamtleistung.


  • "Romeo und Julia"; Ermanno Sbezzo, Risa Yamamoto Foto © Marco Piecuch
  • "Romeo und Julia"; Risa Yamamoto, Sayoko Hirano Foto © Marco Piecuch
  • "Romeo und Julia", Ensemble Foto © Marco Piecuch
  • "Romeo und Julia"; Risa Yamamoto Foto © Marco Piecuch
  • "Romeo und Julia"; Ermanno Sbezzo, Goh Shibata Foto © Marco Piecuch
  • "Romeo und Julia"; Risa Yamamoto, Ermanno Sbezzo Foto © Marco Piecuch

Bleischwer hängt der Fluch der Fehde über den Häusern Capulet und Montague. Wie ein Hoffnungsschimmer keimt in der Verliebtheit von „Romeo und Julia“ für einen Moment die Chance der Versöhnung auf. Alles könnte gut werden zwischen den verfeindeten Familien. Doch selbst das Gutgemeinte, in Person des Pater Lorenzo, treibt die Tragödie voran. James Sutherland, ‚choreographer in residence’ am Pfalztheater Kaiserslautern, inszeniert das Drama des berühmtesten Liebespaares der Weltliteratur nicht als historisierendes Frühlingserwachen, sondern als bitterzarte Parabel einer Gesellschaft, die auf Macht, Status und Gewalt setzt.

Enthusiastisch feiert das Premierenpublikum den Gastchoreografen, die Solisten, das Ensemble sowie das Orchester des Pfalztheaters unter Leitung von Rodrigo Tomillo. Zu Recht, denn die Inszenierung ist eine überragende Gesamtleistung, zu der nicht zuletzt auch Bühnenbild, Kostüme und Licht beitragen.

Die Grundstimmung ist düster, das Anfangsbild eine Treppe aus mehreren Stufen: Man trifft sich, man unterhält sich, man balgt sich – quasi unbekleidet menschelt es in dieser Gesellschaft, in der Kleider noch nicht Leute machen, Kostüme nicht Stand und Status definieren und die Stufen der Hierarchie noch so flach sind, dass sie überwunden werden können.

Zweieinhalb Stunden, zwei Leichen und eine heimliche Hochzeit später drückt Romeo die scheintote Geliebte an sich, tanzt wie in Trance mit ihrem leblosen Körper, dessen Gliedmaße willenlos schlenkern. Das Grand Pas de deux ist ein Finale im wörtlichen Sinn. Ohne sie will und kann er nicht leben. Er tötet sich, sie erwacht, ein stummer Schrei – nach Romeo gibt sich auch Julia den Todesstoß. Schließlich liegt das Paar, das noch so viel Zukunft hätte haben können, vereint im Tod am Fuße einer Treppe, deren Stufen schier unüberwindbar hoch sind – aus der flachen Hierarchie des Anfangs ist eine steile geworden.

Sutherlands dramaturgische Stärke ist sein Purismus. Er konzentriert die Handlung aufs Wesentliche, zieht alle Register des Tanzes. Licht (Harald Zidek) und Ausstattung (Verena Hemmerlein) – wie das Hoffnungsgrün an einem kleinen Bäumchen, eine halbtransparente Wand, hinter der weiße Wolken den flüchtigen Charakter dieser Liebe andeuten oder das intensive Rot des Kleides – sind sparsam eingesetzte Akzente, deren Symbolik nie die Akteure dominiert. Ungebrochen ist die Ausdruckskraft seiner Tänzer, die emotionale Zustände gänzlich pathosfrei in Körperzeichen übertragen. Für sie und mit ihnen entwickelt Sutherland eine unerschöpfliche Fülle an Tanzidiomen, Bewegungsmotiven und Varianten, die präzise ineinander greifen. Insbesondere das Liebespaar sprüht vor Ideen und erhebt sich schmetterlingsleicht über Konventionen und Zwänge einer modernen Feudalgesellschaft. Wunderschön wie Sutherland den ersten Kuss im Sprung, quasi als Zufall, inszeniert!

Diese Leichtigkeit des Seins steht in schroffem Kontrast zu den Gruppenszenen: Wir alle spielen Theater, wir alle tragen Masken. Unter dem Firnis frostig-formaler Rituale schwelt Unheil. Prokofjews bohrende Rhythmik und wilde Motorik durchbricht festgefahrene Muster. So durchlässig wie sie vom Orchester des Pfalztheaters vorgetragen wird verbinden sich Akkordfolgen, gewagte Harmonik und aufreibende Dissonanzen mit dem Bewegungsvokabular der 14 Tänzerinnen und Tänzer und verdichten sich wie von selbst zu einer ästhetischen Einheit.

Die Stimmung ist explosiv. Kleine Anzüglichkeiten und schon entlädt sich das unterschwellig aggressive Potential in heftigen Kämpfen. Mit der Sprungkraft jugendlicher Raubkatzen mischt das Trio Romeo (Ermanno Sbezzo), Mercutio (Michal Dousa) und Benvolio (Kei Tanaka) den Hofstaat auf. Den (über-)angepassten Graf Paris (Salvatore Nicolosi) lässt das kalt, er wähnt sich auf der richtigen Seite –die Brautwerbung ist für ihn lediglich eine Formsache. Anders Tybalt (Jean-François Gabet), Julias Cousin, er ist ein narzisstischer Hitzkopf und der eigentliche Provokateur.

Der zum Zen-Meister konvertierte Franziskanermönch Lorenzo (Goh Shibata) vergegenwärtigt jene Ruhe, aus der geistige Kraft, klar wie kalligrafische Zeichen strömt. Die Charaktere der Frauen stehen den Männern in nichts nach. Laure Courau als Lady Capulet endet von Machtgier getrieben am Rande des Wahnsinns. Eher Freundin als Amme wird Sayoko Hirano zur Vertrauten, die sich in verspielten Duetten mit Julia austauscht und in ihr Geheimnis eingeweiht wird. Lerche oder Nachtigall? Intensiv, spontan und wandlungsfähig gibt die zierliche Risa Yamamoto (Julia) den Licht- und Schattenseiten der Liebe Gestalt – auch wenn sie darin untergeht.

Veröffentlicht am 17.02.2016, von Leonore Welzin in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Bitterzarte Parabel vom Frühlingserwachen"



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