HOMEPAGE



Osnabrück

SPANNENDER DREIKLANG

Thoss, Goecke und de Candia in Osnabrück



Dreiteilige Ballettabende gibt es an deutschen Theatern zuhauf. So oft stehen sie landauf, landab auf dem Programm, dass man manchmal fast gar keine Lust mehr darauf hat. Nach der Osnabrücker Premiere von „Tri_Angle“ wird man schamrot angesichts derartiger heimlicher Maulerei.


  • "Sweet Shadow" von Stephan Thoss Foto © Jörg Landsberg
  • "Sweet Shadow" von Stephan Thoss Foto © Jörg Landsberg
  • "Blushing" von Marco Goecke Foto © Jörg Landsberg
  • "Blushing" von Marco Goecke Foto © Jörg Landsberg
  • "Prélude" von Mauro de Candia Foto © Jörg Landsberg
  • "Prélude" von Mauro de Candia Foto © Jörg Landsberg

„Blushing“ (rot anlaufen vor Scham oder Verlegenheit) nannte Marco Goecke seine erste Choreografie für die Stuttgarter Noverre-Gesellschaft. Dabei brauchte sich der gebürtige Wuppertaler und Hagener Ex-Tänzer durchaus nicht zu schämen für sein Erstlingswerk auf dem roten Teppich der deutschen Choreografen-Förderung: er gewann für die kurze Gruppenchoreografie den Hamburger Prix Pérignon und schrieb fortan Tanzgeschichte mit seiner unverwechselbaren Körperkunst runder Rücken, Muskelspielen und flatternder Hände. Für seine „surreal vibrierenden Wunderwerke der Zeit, des Raums, des Körpers“ kürte ihn die internationale Tanzkritik zum Choreografen des Jahres 2015. Nun ist Goecke, ebenso wie Stephan Thoss, bei Mauro de Candias Dance Company Osnabrück zu Gast, und das Staunen ist groß, was diese kleine Truppe technisch inzwischen zu bieten hat.

„Blushing“ beginnt mit einem Kapuzenmann in Lauerstellung mitten auf der leeren Bühne. Bedrohlich und gleichzeitig verängstigt scheint ‚der schwarze Mann’ ins Dunkle zu leuchten, hopst nervös wie ein Kaninchen oder ein animierter Roboter auf der Stelle auf und nieder, wird schließlich nach und nach von einer anderen Welt aufgesogen - von einer Gemeinschaft freier Menschen, die unbekümmert jedweden Voyeuren abgewandt, in schwarzen Hosen und mit nacktem Oberkörper ihr eigenes Leben leben, das eindrucksvolle Spiel ihrer Rückenmuskeln wie auf einer Klaviatur zelebrieren, die Arme gleich majestätischen Zugvögeln ausbreiten oder gerade wie Verkehrspolizisten zur Seite strecken, aus den Fingerspitzen und Handgelenken flattern - und ab und an mit Witz überraschen, zum Beispiel, wenn sie die (widerwillig?) übergestreiften Jacken am unteren Saum so packen und rütteln, dass es knattert und platscht wie ein Platzregen, der auf die Straße klatscht. Oder großes Erschrecken, wenn einer die Hand, eine Pistole imitierend, an die Schläfe hält, dann aber im vermeintlichen Schmauchstaub nicht etwa zusammenbricht, sondern sein makabres Spielchen wiederholt. Mit gespreizten oder tänzelnden Beinen halten sie die Balance, feiern fröhlich und laut Straßenfeste zu Hard Rock und Pop, formieren sich zu Paraden, sondern sich zu Gebeten und anderen Ritualen ab. Schwarze Kunst und schwarzer Humor - Goecke erweist sich schon in diesem Kabinettstückchen von 2003 als kafkaesker Tanzmagier. Blass vor Neid könnte der einsame, düstere Tagedieb angesichts des grandiosen, lebensbejahenden Nocturnos werden.

Sozusagen im Vorfeld schon bot Stephan Thoss' „Sweet Shadow“ dem Einsamen Trost. „Der unglückliche Single ist out“ proklamierte er in seinem Tanzstück 2001, fügt allerdings an, nur in einer Beziehung zu einem Mitmenschen vollende das Leben sich. Süßer Schatten also ist ein Partner - oder doch die große Freiheit, die das Alleinsein ermöglicht? Jeder für sich, selten in kleiner Gruppe, kaum einmal angedeutet in inniger Zweisamkeit gruppiert Thoss die vier Tänzerinnen und vier Tänzer. Die kurzen Soli inmitten der Schar reihen sich wie zum Ensemble eines schwebenden Perpetuum Mobile aneinander. Ganz in weiß gekleidet tanzen sie unter gleißenden Scheinwerfern. Eine rote Robe wird zum Sehnsuchtspartner. Beredt, geradezu redselig zuweilen, perlen die Bewegungen aus den geschmeidigen Körpern. Viel Armarbeit wird vom ganzen Körper unterstützt. Alles fließt ineinander mit unglaublicher Eleganz und Präzision von den Zehenspitzen bis in die Fingerkuppen auf Tempi zwischen Zeitlupe und Zeitraffer. So ganz eigen - so ganz anders als der asketische Zeitgenosse Hans van Manen - hat Thoss über ein Leben allein oder zu Zweit reflektiert in diesem ästhetischen Meisterwerk.

Als Dritter im Bunde dieser Kostproben zeitgenössischer Tanzkunst bittet der Hausherr zum „Prélude“, das natürlich - nähme man den Titel wörtlich - an den Beginn des zweistündigen, kurzweiligen Abends gehörte. Aber, auf Chopins populäre 24 „Préludes“ choreografiert, dauert es fast so lange wie die beiden Gastgeschenke zusammen und eignet sich deshalb am besten für den zweiten Teil. So viele stilistische Parallelen sowohl zu Thoss als auch zu Goecke sich ausmachen lassen, so anders ist de Candias neue Choreografie doch vor allem durch das viel wärmere Ambiente, die offensichtlichere Bodenhaftung. Kaum auszumachen ist, was da zu Beginn und am Schluss glitzernd vom Schnürboden rieselt. Die runde Fläche jedenfalls ist mit erdigen Schnipseln bestreut. Bunt ist das Licht, meist in warmem Kobaltblau leuchtend. Bunt auch die heutigen Alltagsklamotten der neun Tanzenden. Endlich finden sich Paare zusammen, schreiten in enger Umarmung, verschlingen sich ineinander. Erst in der zweiten Hälfte des Zyklus' kostbarer musikalischer Miniaturen (leider, wie alle Musik an diesem Abend, nur konserviert geboten) tritt ein Einsamer auf - ein Lockenkopf in grünem Polohemd (Lennart Huysentruyt), bemüht, zu den anderen zu gehören. Wenn es ihm schließlich gelingt, stemmt einer den Neuling in die Höhe - hebt ihn doch wieder heraus aus der Gruppe.... Warum? - das bleibt eine der nachdenkenswerten Fragen über diesen wohltuend harmonischen Tanzabend.

Veröffentlicht am 21.02.2016, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 1789 mal angesehen.



Kommentare zu "Spannender Dreiklang"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    DIE WERKSTATT DEINES VERTRAUENS

    Die zweite Hälfte der diesjährigen Tanzwerkstatt Europa glänzt mit internationalen Gastspielen und einer erfolgreichen Münchner Produktion
    Veröffentlicht am 16.08.2017, von Natalie Broschat


    STARKE EMOTIONEN UND PARISER FLAIR

    Das Ballett des Salzburger Landestheaters gastierte mit Peter Breuers „Mythos Coco“ am 9. und 10. August im Deutschen Theater München
    Veröffentlicht am 12.08.2017, von Vesna Mlakar


    GEOMETRISCHER TANZ, WILDE MUSIK

    Die Michael Clark Company eröffnete das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel
    Veröffentlicht am 11.08.2017, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    STAATSBALLETT BERLIN: PROGRAMM DER SAISON 2017/2018

    Das Staatsballett Berlin veröffentlicht seine vollständigen Pläne für die Spielzeit 2017/2018

    Drei Premieren, ein Gastspiel der Ballets de Monte-Carlo, die Gala „Polina & Friends“ sowie eine Ballettwoche mit geballtem Programm stellen die Höhepunkte der Saison dar

    Veröffentlicht am 29.06.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    BALLETT MACHT SCHÖN!

    Der Zauber des späten Anfangs

    Veröffentlicht am 27.07.2017, von Gastautor


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    DIE PREMIEREN DER KOMMENDEN SAISON!

    Wir haben den tanznetz.de-Premierenkalender angelegt

    Veröffentlicht am 08.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    VIEL STYROPOR

    Dancesoap „Minutemade“ mit „Act Three“ in München

    Veröffentlicht am 20.07.2017, von Vesna Mlakar


    CAMPUS



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP