HOMEPAGE



Braunschweig

LICHTWÄRTS AUF DER LEBENSSTRAßE

Gregor Zölligs Tanzstück zum Brahms-Requiem am Staatstheater Braunschweig zeigt Urszenen von Trauer, Trost und Rebellion



Leben und Tod, Tanztheater und Romantik – Gregor Zöllig stellt sich den großen Fragen des Lebens, verbindet scheinbar Gegensätzliches und begeistert damit das Publikum.


  • "Ein Deutsches Requiem" von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann
  • "Ein Deutsches Requiem" von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann
  • "Ein Deutsches Requiem" von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann
  • "Ein Deutsches Requiem" von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann
  • "Ein Deutsches Requiem" von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann
  • "Ein Deutsches Requiem" von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann

Crash. Das Auto flog über die Leitplanke. An den zerbeulten Karosserien blinken noch die Warnleuchten. Auf dem Boden liegen die Opfer. Zu den sanften Anfangstönen von Brahms' „Deutschem Requiem“ erheben sie sich langsam, als stiegen sie in die nächste Welt. „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“, singt der Chor mit Bibelworten. Mit dem letzten Aufblitzen eines Unfalls katapultiert uns Braunschweigs Tanzdirektor Gregor Zöllig in die Trauerarbeit danach, für die Brahms mit seinem trostreichen Sinnieren über die Vergänglichkeit das Fundament liefert.

Beherrscht wird die Bühne von einer zur Halfpipe gebogenen Straße, die aber nicht nur konkrete Verkehrsader sein kann, überblendet vom pulsenden, stauenden, stressenden Autoverkehr einer Großstadt. Unter wechselnder Beleuchtung ist sie auch schlicht die Lebensbahn, die man heute nur noch etwas schneller durcheilen muss als früher.

Die starke Krümmung lässt sie zur Wand werden, an der die Tänzer später waghalsig hinaufzurennen versuchen, Strebende á la Sisyphos, die unermüdlich ihrem Tagwerk folgen trotz aller Rückschläge und Abstürze. Schließlich unter hellem Licht von oben glänzt die Rampe wie eine Himmelsleiter, auf der man dem verheißenen Jenseits entgegensteigen könnte. Ausstatter Hank Irwin Kittel hat da eine stückprägende Installation von mystischer Assoziationskraft erfunden.

Und Gregor Zöllig schafft dazu eine Choreografie, die bestimmt ist vom Wogen, Anrennen, Trotzen der Musik. Selten kann man Tänzer so harmonisch in den Rhythmen und Schwunglinien einer Komposition aufgehen sehen. Die Kompanie ist glänzend aufgelegt. Schön sind viele feine Bildfindungen der Stille, etwa wenn die Tänzer ihre zusammengelegten Hände betrachten. Dann wieder pumpen die Hände vor der Brust voller Herzensenergie. Und stets wiederkehren Gesten des Aufhelfens, die am langen Arm herbeigezogenen Gefallenen, ruhige Umarmungen einzelner Paare im Getümmel der Gruppe.

Die vom Chor im Hintergrund über die Bühne gegossenen Worte der Anteilnahme und des Trostes realisieren sich eben oft nur im Kleinen, während das große Getriebe in je eigenen Bewegungen gefangen bleibt. Und darüber vergisst, was der Bariton Orhan Yildiz mit warmem, kraftvollem Ton wie ein Fels in der Brandung von der Endlichkeit singt. Umarmungen sind hier aber oft ganz einfach ausgestreckte Hände, zwischen denen sich der Nächste an der Brust des Partners bergen kann, ohne dass sie ihn einengend umschließen. Ein schönes Bild für die von Brahms bewusst allgemeinmenschlich zitierte biblische Botschaft, die eben Angebot sein will, nicht Korsett und Moral.

„Wie lieblich sind deine Wohnungen“ tönt der Chor über eine neue friedliche Gemeinschaft (im Jenseits?), da darf sich Nao Tokuhashi immer wieder in eine Gruppe von Hände fallen lassen, wird schließlich erhoben und scheint zu schweben auf dem Mitgefühl der Partner, weich, wiegend, dem Tod als umgekehrter Geburt zu.

Doch Gesellschaft ist nicht immer Paradies. Tiago Manquinho stemmt sich der Gruppe entgegen, überwindet sie, bis Ekatarina Kudryavtseva aus höchsten Sopranhöhen den mütterlich bergenden Trost verspricht. Da umfassen die Hände des Partners die Tänzerin wie Engelsflügel. Denn Brahms' auf Luther basierendes „Deutsches Requiem“ droht nicht wie der lateinische Ritus mit dem Jüngsten Gericht, sondern verkündet das Fortleben in neuer Seinsstufe: „Wir werden aber alle verwandelt werden“. Und so wird in mächtigem Aufbäumen von Orchester und Chor der Tod regelrecht verspottet: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ Die Tänzer trotzen das hier mit Boxbewegungen heraus, von einem Bein aufs andere springend, zugleich Rebellion gegen das Schicksal und Befreiungsschlag.

Zum Preis Gottes scheinen sie euphorisiert die himmlische Rampe stürmen zu wollen. Und während sich der von Johanna Motter gut einstudierte Chor stimmlich aufschichtet, überflutet projiziertes Wasser die Bühne, und die Tänzer treten still als Gruppe zusammen. Demut ist wieder angezeigt, auch der Tod als Übergang ist zunächst ein Abschiednehmen. Einer nach dem anderen sinkt nieder, gespenstisch tönt nun der Chor von der letzten Ruhe. Und die Tänzer zeigen auf Laken Projektionen aus ihrem Leben: „Selig sind die Toten“, in der Erinnerung bleiben sie auch hier.

Die Lichteffekte verlöschen, Tiago Manquinho läuft im Schatten auf die nüchterne Rampe, den Weg erspart uns keiner. Gut, wenn wir Bibel, Brahms und dieses anregend-nachdenkliche und gefühlvolle Stück nun in uns tragen.

Exemplarisch führt Zöllig hier das moderne Tanztheater mit der großen orchestralen Romantik zusammen, der Georg Menskes am Pult des Staatsorchesters sicher und effektvoll waltend vorsteht. Begeisterung und Bravos im stark besuchten Großen Haus. Ein Stück zum Öftergucken.

Wieder am 9., 31. März. Karten: (0531) 1 23 45 67.

Mit freundlicher Genehmigung des Braunschweiger Zeitungsverlages

Veröffentlicht am 01.03.2016, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 1074 mal angesehen.



Kommentare zu "Lichtwärts auf der Lebensstraße"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    DIE KUNST, DER RAUM UND DER TANZ

    DANCE 2017 mit VA Wölfl, Trajal Harrell und Frédérick Gravel
    Veröffentlicht am 25.05.2017, von Miriam Althammer


    SCHWANENSEE RELOADED

    „Laura oder Immer Ärger mit dem schwarzen Schwan“ von Olaf Schmidt in Lüneburg
    Veröffentlicht am 25.05.2017, von Annette Bopp


    DREIMAL RAVEL

    Choreographien von Balanchine, Robbins und Cherkaoui/Jalet an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 24.05.2017, von Julia Bührle



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ROH LIVE KINOSAISON 2016/17

    ROH Live Kino bringt Weltklasse-Opern und -Ballette in die Kinos, live und in High-Definition direkt von der Bühne des Royal Opera Houses in Covent Garden in London.

    Sie werden in mehr als 1.500 Kinos rund um die Welt, einschließlich den USA, Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland, Österreich, Japan und Australien gezeigt.

    Veröffentlicht am 31.08.2016, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    TIEFE BERÜHRUNG

    Balanchine, Kylián und Forsythe im Ballettabend „Vergessenes Land“ beim Semperoper Ballett in Dresden

    Veröffentlicht am 22.05.2017, von Boris Michael Gruhl


    STIL UND IDENTITÄT

    DANCE 2017 in München

    Veröffentlicht am 17.05.2017, von Miriam Althammer


    BEWEGENDE SEE

    Das Cullberg Ballett gastierte Anfang Mai mit „Figure a Sea“ von Deborah Hay und Laurie Anderson in der Hamburger Kampnagelfabrik

    Veröffentlicht am 20.05.2017, von Annette Bopp


    WIE DIE ZEIT VERRINNT

    Regensburg-Mannheimer Mix beim neuen Tanzabend „Hello Surprise“ am Nationaltheater Mannheim

    Veröffentlicht am 19.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    DEMIS VOLPI GEHT NEUE WEGE

    Zum Ende der Spielzeit endet das Engagement des derzeitigen Hauschoreografen am Stuttgarter Ballett

    Veröffentlicht am 17.05.2017, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP