HOMEPAGE



Heidelberg

FLACKERN UND FLIMMERN IM OFFENEN KUNSTRAUM

Eine Performance im Augenblick ihrer selbst und im Dialog mit den Anwesenden



Jai Gonzales hat in Heidelberg ein neues Tanzformat eröffnet. "openSTAGE" nennt die Choreografin ihre Performance-Reihe. Darin sucht die künstlerische Leiterin vom UnterwegsTheater den offenen Dialog.


  • "Open Stage" von Jai Gonzales Foto © Günter Krämmer
  • "Open Stage" von Jai Gonzales Foto © Günter Krämmer

Jai Gonzales hat in Heidelberg ein neues Tanzformat eröffnet. "openSTAGE" nennt die Choreografin ihre Performance-Reihe. Darin sucht die künstlerische Leiterin vom UnterwegsTheater den offenen Dialog. Gemeinsam mit ihrem Team aus Tänzern, Musikern, Sängern und Videokünstlern sowie weiteren Gästen aller Kunstrichtungen, zettelt sie Dialoge an. Jeder, das Publikum inbegriffen, kann sich in diesen offenen Dialog einschalten.

Mitten in der Performance "openSTAGE II" öffnet einer der Akteure die Tür für den Notausgang. Draußen ist es hell, der Himmel und das Grün von Bäumen ist zu sehen. Für Sekunden ist die Tür der Rahmen dieses Bilds, bis die Geräusche der Außenwelt einfallen: Vogelgezwitscher, Abendstille und fernes Motorenrauschen. Erst dann haben sich die Augen von dem Schock erholt, haben den mehr oder weniger abgedunkelten Raum der voran gegangenen Performance vergessen und erblicken im hellen Lichtfleck der Tür die Außenwelt. Aber nur für einen kurzen Moment. Dann wird die Tür geschlossen und die Bühne tritt wieder als Ereignisraum in den Vordergrund. Jetzt, nach dieser abrupten Szene, wird den ZuhörerInnen und Betrachterinnen auf ihren Plätzen erst bewusst, dass sie ein verletzbarer Raum ist, deren geschlossene Funktion, aufgebrochen oder unterbrochen werden kann.

Für Jai Gonzales ist der Titel der Performance-Reihe "openSTAGE" Idee, Konzept und Programm zugleich. Auf der offenen Bühne wird die gängige Theatersituation und die strikte Trennung von Zuschauerraum und Bühne aufgehoben. Auf der offenen Bühne treten unvorhersehbare Ereignisse ein und die Akteure lassen sich von ihnen überraschen. Auf der offenen Bühne wird der Dialog gesucht. Dabei läuft für Jai Gonzales Kommunikation in alle Richtungen: Zwischen den Akteuren auf der Bühne - Tänzer, Musikerinnen, Videokünstler, Sängerinnen und allen weiteren Kunstschaffenden, die als zukünftige Gäste die laufende Performance-Reihe erweitern. Zwischen Publikum und Künstlern - jede kann sich mit eigenen Ideen, jeder mit eigenen Assoziationen in das laufende Geschehen einklinken. Zwischen dem Publikum, das sich auch selber die Bälle zuspielen kann. "openSTAGE" heißt, dass alle Seiten offen sind und von jedem Standort aus ein Dialog angezettelt oder weitergeführt werden kann. Es heißt jedoch nicht, dass sich aus Allem ein Dialog ergibt. Darüber hinaus sieht das Prinzip der "openSTAGE" vor, keinen Dialog ins Uferlose treiben zu lassen oder alles dem Zufall zu überantworten. Um dieser Balance gerecht zu werden - ein nach allen Seiten offener Dialog im Augenblick und ohne seine Festschreibung - übernimmt Jai Gonzales in ihrer choreografischen Konzeption die Rolle der Dirigentin. Abseits des Bühnengeschehens mischt sie am Pult Licht und Ton. Sie entscheidet unmittelbar während der Performance über die Dauer und Intensität der Mittel. Begibt sich als eine Art Korrektiv auch selbst auf die Bühne, um die Akteure aus ihrer Handlung zu lotsen, zeigt ihnen das Ende eines Dialogs an und lässt dadurch einen neuen entstehen.

Allem Möglichen lässt sich im Dialog nachgehen, Anhaltspunkte ergeben sich aber dennoch durch die künstlerischen Mittel. In "openSTAGE II" wirft der Videokünstler Nils Herbstrieth grafische Linien, die er während der Vorstellung am Computer erzeugt, erst auf ein weißes Rechteck im Bühnenhintergrund. Später lässt er die Gitterstrukturen durch den Raum wandern, vergrößert oder verkleinert sie und löst die Bewegungen der Tänzer in ihnen auf. Im zugeschalteten Licht wiederum schwinden die grafischen Elemente und lassen andere Medien, den Gesang von Inga Bachman etwa, hervortreten. Sie singt über gestern, heute und morgen, ihr paradoxes Verhältnis zueinander: "Gestern kann nur heute sein und heute ist schon vorbei." Das Lied, das die Chansonsängerin auf ihrer Gitarre begleitet, trifft auch ins Schwarze der Performance-Zeit. Sie kennt ihr "Jetzt", ist bestrebt immer im Augenblick zu sein und hängt dem Gewesenen nicht nach. Darin liegt ihr Reiz, denn von der Zukunft weiß sie noch nichts. Vielmehr öffnet sie sich der Überraschung immer wieder aufs Neue.

"You have to have a certain kind of temperament to talk to a door", lässt die Tänzerin Catherine Guerin verlauten. Ihre Textschnipsel flickern und flackern wie die grellen Linien von Herbstrieth durch den Raum, sind akustische Ohrenmomente. Ebenso paradox wie zutreffend, vermitteln die Sätze auch immer das, was die Performance als Kunstereignis und den offenen Dialog als Strukturprinzip ausmachen: Sich der Einübung von vorgefertigtem Material zu entziehen, den Ereignissen freien Lauf zu lassen, sie nicht festzulegen oder einzufrieren. Greift die Dirigentin ein oder verändert sie den Modus des Augenblicks, bewahrt sie das Geschehen vor der Überreizung. Der Reiz liegt nicht im überstrapazierten Moment, sondern im wachen Austausch. "Welcome to the show that never ends", kommentiert die Künstlerin Guerin den Verlauf. Was hier passiert, verdankt sich der Konzentration aller Teilnehmer. Immer aufmerksam und in der Verfassung, jederzeit reagieren zu können. So setzen die Akteure einen Baustein nach dem anderen ins performative Setting und halten den Dialog offen. An diesem Abend wird die Show nur angehalten, um an einem anderen Abend fortgesetzt zu werden.

"openSTAGE" geht am 8. Mai 2016 um 19.30 Uhr weiter. Am 12. Juni 2016 trifft die Performance-Reihe auf Heidelberg als UNESCO City of Literature. In dieser Kooperation geht es um Ossip und Nadeschda Mandelstam.

www.unterwegstheater.de

Veröffentlicht am 07.05.2016, von Nora Abdel Rahman in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 1302 mal angesehen.



Kommentare zu "Flackern und Flimmern im offenen Kunstraum"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    AUFTRITT DER STARGÄSTE

    Die BallettFestwoche in München glänzt weiter
    Veröffentlicht am 21.04.2018, von Karl-Peter Fürst


    ABGEWANDT VON DER GEGENWART

    Marcia Haydées Choreografie von „Don Quijote“ im Ludwigshafener Pfalzbau-Theater
    Veröffentlicht am 19.04.2018, von Alexandra Karabelas


    GLANZVOLLE ROLLENDEBUTS

    Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett
    Veröffentlicht am 19.04.2018, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    EIN LETZTER TANGO

    Ab 9. März 2018 als DVD und VoD

    Eine berührende und visuell beeindruckende Liebeserklärung an den Tango, die Leidenschaft und das Leben. Mit einem atemberaubenden Soundtrack von Luis Borda und Gerd Baumann

    Veröffentlicht am 06.03.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    TANZ ALS KUNST FÜR UNSERE GEGENWART

    Danza&Danza vergibt die Premi Danza&Danza für das Jahr 2017

    Veröffentlicht am 16.04.2018, von tanznetz.de Redaktion


    VERITABLER TANZ-ENTERTAINER

    Alfonso Palencias "Cinderella" am Theater Hagen

    Veröffentlicht am 16.04.2018, von Marieluise Jeitschko


    BODY TALK UND AUTOPSIE

    Gert Weigelts Fotokunst im Museum des Deutschen Tanzarchivs Köln

    Veröffentlicht am 19.04.2018, von Marieluise Jeitschko


    EINE APOTHEOSE DES TANZES

    „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 17.04.2018, von Karl-Peter Fürst


    GUT GELUNGENER „TOD IN VENEDIG“

    Richard Wherlock choreografiert Thomas Manns berühmte Novelle fürs Basler Ballett

    Veröffentlicht am 16.04.2018, von Marlies Strech



    BEI UNS IM SHOP