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Dresden

… DENN ER WEIß, WAS ER TUT

Tomer Heymanns Film „Mr. Gaga“ über Ohad Naharin ist jetzt im Kino



„Mr. Gaga“ ist keine Dokumentation über das Schaffen des isrealischen Choreografen Ohad Naharin.


  • "Mr. Gaga" - ein Film von Tomer Heymann Foto © Gadi Dagon
  • "Mr. Gaga" - ein Film von Tomer Heymann
  • "Mr. Gaga" - ein Film von Tomer Heymann Foto © Gadi Dagon
  • "Mr. Gaga" - ein Film von Tomer Heymann Foto © Gadi Dagon
  • "Mr. Gaga" - ein Film von Tomer Heymann Foto © Heymann Brothers Films
  • "Mr. Gaga" - ein Film von Tomer Heymann Foto © Gadi Dagon

Er ist der Leiter der Batsheva Dance Company und als solcher einer der weltweit gefeierten Choreografen des 20. wie auch 21. Jahrhunderts. Und Ohad Naharin ist „Mr. Gaga“, der mit der von ihm entwickelten Trainingsmethode alles und jeden zum Tanzen bekommt. Die gleichnamige Dokumentation beleuchtet aber nicht seine Schaffensprozesse, sondern ist ein Film, der künstlerisch den Künstler inszeniert.

Wenn sich eine Dokumentation ausschließlich auf eine Person fokussiert, zudem noch eine Künstlerpersönlichkeit, kann es schwierig werden. Wo liegt die Grenze zur Huldigung, wo beginnt der Nimbus des Bewunderten, Unantastbaren? Hinzu kommt auch immer die Frage, wie weit der Eingriff des dokumentierten Künstlers geht. Ist es legitim, wenn eine Dokumentation den Beigeschmack einer Selbstdarstellung des jeweiligen Künstlers hat? Vielleicht ist die Antwort darauf auch von der Persönlichkeit des Porträtierten abhängig.

Vorangestellt sind dem Film Zitate, die das herausragende Können Naharins preisen, zuvorderst Baryshnikov. Auch die erste Szene zeigt den Choreografen Naharin als absolut präzise Arbeitenden. Entscheidend ist dabei allerdings weniger die Tatsache, dass er eine Tänzerin seiner Kompanie sich immer wieder zu Boden fallen lässt. Im Vordergrund steht vielmehr der Versuch, die choreografische Idee für die Tänzerin verständlich, also umsetzbar zu vermitteln.

Das ist der Kern dieses Films. Die Vermittlungsversuche einer Vision, die als solche nicht konkret greifbar ist. Der Film orientiert sich lose an einzelnen Phasen und richtungsweisenden Einflüssen und bleibt dabei chronologisch, aber deutlich ohne eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Vielleicht kann man tatsächlich so weit gehen zu behaupten, dieser Film wiese eine Gemeinsamkeit mit Naharins Arbeiten auf: Man sollte nicht für bare Münze nehmen, was man sieht oder hört. Oder anders formuliert: Es ist nicht sicher, was genau man sieht oder hört. Was ist schon Wahrheit? Naharin interessiert sich einfach nicht dafür.

Auf eine kurze Sequenz aus dem kanonisch gewordenen „Minus 16“ mit der unverwechselbaren Musik „Echad Mi Yodea“ folgen Super8-Aufnahmen, die einen noch fast jungenhaften Naharin artistisch über einen Rasen tollend zeigen. 1969 steht darunter. Wenn man später ähnliche Aufnahmen sieht, die einen Jungen zeigen, in dessen Gesichtszügen man Naharin noch nicht erkennt, ist man dennoch dazu geneigt, ‚historische Aufnahmen’ zu sehen. Das Verwackelte, das Unperfekte ist das Authentische. Können diese Bilder lügen? Dem ‚Dokumentarischen’ wird wenig später aber durchaus der Boden unter den Füßen entzogen. In Nahaufnahme und sichtlich nachdenklich erzählt Naharin von seinem wohl autistischen Zwillingsbruder, für den Tanz die einzige Kommunikationsform darstellte und der der Auslöser für Naharin war, Tänzer zu werden. Ein bewegender Moment, der allerdings später von Naharin selbst als Lüge entlarvt wird.

Wieviel Authentizität stiften jene alten Videoaufnahmen überhaupt? Was ist tatsächliche Vergangenheit? Diese Fragen sollte man hier nicht stellen, sondern stattdessen einfach der Vision Naharins folgen. Es ist ganz so wie mit seinen Arbeiten: Auch, wenn Bewegungen in Zeitlupe ablaufen oder man sich ein Stück ein zweites Mal anschaut, bis auf den Grund wird man als Zuschauer nie kommen. Auch in diesem Film nicht. Gleichzeitig zeigt diese Dokumentation die Falschheit des Ansatzes, über individuelle biografische Eckdaten irgendein künstlerisches Werk erhellen zu wollen.

Das zeigt auch eine Szene, in der eine ehemalige Tanzlehrerin Naharin mit der Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“ vergleicht. Die Parallelen sind ziemlich deutlich. Bei aller Beredsamkeit ist es nicht das Ziel sich zu erklären. Die Grinsekatze ist nur schwer zu greifen.

Veröffentlicht am 13.05.2016, von Rico Stehfest in Homepage, Tanzmedien

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Kommentare zu "… denn er weiß, was er tut"



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