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Görlitz

„EINE ROSE IST EINE ROSE, IST EINE ROSE...“

Der Name der Rose“ nach Umberto Eco als Tanztheater in Görlitz



Der Kampf des Körpers und seiner Ansprüche im Widerstand zu seiner Verhüllung und der damit verbundenen Unterdrückung des Individuums steht im Mittelpunkt dieses leider nicht ganz gelungenen Tanzabends.


  • "Der Name der Rose" von Dan Pelleg und Marko E. Weigert Foto © Marlies Kross
  • "Der Name der Rose" von Dan Pelleg und Marko E. Weigert Foto © Marlies Kross
  • "Der Name der Rose" von Dan Pelleg und Marko E. Weigert Foto © Marlies Kross

Der Name des italienischen Schriftstellers, Philosophen, Kolumnisten und Medienwissenschaftlers Umberto Eco, der am 19. Februar im Alter von 84 Jahren verstarb, ist für viele Menschen mit dem Titel seines 1980 erschienen Buches „Der Name der Rose“ verbunden. Auf den ersten Blick ein historischer Kriminalroman, der in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in einer italienischen Benediktinerabtei spielt. Das späte Mittelalter, soziale, religiöse, politische Konflikte und, tatsächlich, eine Mordserie. Es geht um eine geheime Handschrift, die am Ende verbrennt. Es ist – welch’ herrliche Ironie - der zweite Teil der Poetik des Aristoteles und handelt von der Komödie! Es geht um Leidenschaften, eine verbotene Liebe, und nicht zuletzt um die befreiende Kraft des Lachens, des Humors. Dass damit die Gegenwart im historischen Gewand ins Spiel kommt, liegt auf der Hand.

Der Roman wurde prominent verfilmt, ein Publikumserfolg, weniger bei der Presse, auch Eco selbst war nicht so begeistert. Es gibt Hörspiele, und jetzt auch ein Tanzstück von Dan Pelleg und Marko E. Weigert mit der Tanzkompanie des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau. Dass hier kein Handlungsballett zu erwarten war, ist klar. Pelleg und Weigert geht es in ihrem Tanzstück um eine Auswahl von Motiven, die in gut 80 Minuten mal direkter, mal stärker assoziativ, in der Ordnung der Vorlage, die sich in sieben Tagen, in Anspielung auf die sieben Posaunen der Apokalypse beim Jüngsten Gericht abspielt, in fließenden Übergängen vollzieht. Die Choreografen suchen den Bezug zur Gegenwart, auch das ist sofort klar. Zeitgenössische Tanzsprache in mittelalterlicher Gewandung, besonders in der Anonymität körperverhüllender Mönchskleidung, dazu eine Auswahl zugespielter Musik des späten Mittelalters, strenge geistliche Gesänge im Kontrast zu weltlicher, tänzerischer Musik, die dann über Bach und Mozart mit Arvo Pärt ins 20. Jahrhundert führt.

Man kann immer wieder Motive erkennen, die den Kampf des Körpers und seiner Ansprüche im Widerstand zu dessen Verhüllung und damit verbundener Unterdrückung des Individuums zeigen sollen. So gibt es ein Duett, in dem zwei Menschen sich ihre Kutten gegenseitig herunterreißen und sich dann in der Schutzlosigkeit der nackten Haut die pure Lust des Körpers ihr Recht verschafft. Mal schwebt ein massives Kreuz bedrohlich über den Menschen, es wird auf die Erde geholt, in den Boden gebohrt, geerdet. In der Premiere will das leider nicht klappen, der Tänzer kann das Kreuz nicht aus der Aufhängung lösen, eigentlich ein toller Zufall nach dem Motto: ‚Das Kreuz mit dem Kreuz’. Dann, in Analogie zum Kreuz als Zeichen religiös motivierter Unfreiheit, eine Szene unterm Pendel einer Münze mit dem Abbild des Kaisers als Motiv weltlich motivierter Unfreiheit. Die Narren treten auf, mit ihren Kappen haben sie etwas Teuflisches. Ein heiliger Stuhl wird besetzt, mehr noch - das ist wohl die stärkste Szene des Abends - das Machtinstrument wird von einem Tänzer regelrecht vergewaltigt und der wird dann doch unter der Last des Symbols von diesem massiven Zeichen erdrückt. Also immer wieder der Gegensatz von Aufbruch und Flucht und Rückzug, Selbstverleugnung, Versuchen der Befreiung, Rückfällen in die Unfreiheit. Dabei spielen die Kostüme von Markus Pysall, einmal die Kutten der Anonymität, die auch das Gesicht verhüllen, und die der Befreiung in ihrer hellen Luftigkeit, eine besondere Rolle.

Dieser neue Görlitzer Tanztheaterabend bringt aber auch Probleme mit sich. Auch wenn man sich darauf einlassen kann, keine durchgehende Handlung zu erwarten, bringt diese Abfolge der Motive eine gewisse Erschöpfung in ihrer Wiederholung und bisweilen auch Austauschbarkeit in den tänzerischen Mitteln und der unterschiedlichen Präsenz der elf Tänzerinnen und Tänzer mit sich. Zudem können sie auch nicht immer den starken Vorgaben der Musik, etwa der Arie „Erbarme dich“ aus Bachs Matthäuspassion oder dem „Et incarnatus est“ aus Mozarts Großer Messe in c-Moll, entsprechen.

Bleibt die Frage nach der Bedeutung der Rose. Die Unergründlichkeit dieses Wunders der Natur in der Korrespondenz zur Unergründlichkeit der menschlichen Existenz wird zu Beginn in einem Text nach Michael Ende angesprochen. Am Ende, in einer Apotheose der befreiten Körper unter einer übergroßen Rose, die in ihrer Bühnenkünstlichkeit auch bedrohliche Wirkung hat, schließt sich der Kreis: „Eine Rose ist eine Rose, ist eine Rose....“, frei nach Gertrude Stein. Es sollte wohl auch ein Abend des Tanzes für die Freiheit der Unergründlichkeit und der damit verbundenen Freiheit des menschlichen Geistes sein, der sich nicht zuletzt in der Freiheit des Körpers durch den zeitgenössischen Tanz ausdrückt. An Ideen mangelt es nicht. Leider finden sie in dieser neuesten Arbeit von Dan Pelleg und Marko E. Weigert mit der Tanzkompanie nicht in dem Maße wie eigentlich gewohnt ihre tänzerische Entsprechung.

Weitere Aufführungen: 21. Mai, 4., 5. und 12. Juni im Theater Görlitz
www.g-h-t.de

Veröffentlicht am 15.05.2016, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "„Eine Rose ist eine Rose, ist eine Rose...“ "



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