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Köln

TANZVERBOTE, HAPPENINGS UND UTOPIEN

Die Ausstellung „Das Echo der Utopien – Tanz und Politik“ im Tanzmuseum Köln



„Spuren und Spielarten des Politischen in der Tanzkunst“ dokumentiert das Deutsche Tanzarchiv Köln in seiner Jahresausstellung bis zum 14. August 2016.


  • Fotomontage S. Enkelmann, 1946 Foto © VG Bild-Kunst Bonn, 2015
  • „Das Goldene Kalb“, Objekt aus Papier der Künstlerin Traudel Stahl in der Ausstellung „Das Echo der Utopien. Tanz und Politik“ im Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs Köln Foto © Susanne Fern
  • Die Tänzerin Oda Schottmüller (1905–1943); Foto und Montage von Siegfried Enkelmann, 1947 Foto © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
  • Blick in die Ausstellung "Das Echo der Utopien. Tanz und Politik" im Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs Köln Foto © Susanne Fern
  • Ehrung einer Tänzerin aus besonderem Anlass: Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost anlässlich des 100. Geburtstages von Mary Wigman im Jahr 1986. Die Briefmarke erschien am 13. November in einer Auflage von 19.100.000 Stück. Foto © Deutsches Tanzarchiv Köln

Den Rahmen geben die eigenen Bestände vor. Insofern ist die Schau mit 100 Exponaten weitestgehend auf Beispiele aus Deutschland und deutsch(sprachig)e Künstler begrenzt. Kurzfilme im Miniformat, zusammengestellt von Christiane Hartter, zeigen immerhin Proteste mit Tanz- und Kunstaktionen, Folklore und Urbane Kunst aus aller Welt. Die bewusste, mutige Einmischung in politisch-gesellschaftliche Belange beobachtete man hierzulande in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zuerst bei Tanztheaterchoreografen wie Johann Kresnik und Pina Bausch, wie eine kleine Auswahl von Zitaten dokumentiert – darunter Pina Bauschs Ausspruch „Tänze sind auch aus Nöten entstanden, nicht nur aus Freude.“ Dass heute die großen aktuellen gesellschaftlichen Themen – wie etwa Inklusion, Fluch und Segen der neuen Medien – auf der Tanz- und Performancebühne diskutiert werden, kommt etwas zu kurz.

Den Ausstellungstitel „Das Echo der Utopien – Tanz und Politik“ erklärt Thomas Thorausch, Kurator gemeinsam mit Klaus-Jürgen Sembach, so: „En passant stellt (die Ausstellung) die Frage nach den Chancen und Orten von künstlerischen, sozialen und politischen Utopien in unserer Zeit.“

Seit biblischen Zeiten sprechen kirchliche und politische Instanzen immer wieder Tanzverbote aus – sei’s, weil der körperliche Ausdruck als obszön oder gar teuflisch (Büchlein „Tanzteuffel“ von 1567) angesehen wird, sei’s, weil öffentlicher Tanz im Karneval bis hin zu Flashmobs an ernsten religiösen Feier- oder Ruhetagen als Störfaktor oder gar gefährliche Massenansammlung gilt. Andererseits vereinnahmt die Politik den Tanz immer wieder, und Künstler lassen sich mitreißen von Ideologien – etwa bei Militärparaden oder Choreografien zur Eröffnung Olympischer Spiele und anderen Wettbewerben wie im Dritten Reich bei den großen Shows von Mary Wigman in Berlin und Rudolf von Laban in Hamburg als Miteinander von Kunst und Gesellschaft oder Leni Riefenstahl mit ihren Filmen „Triumph des Willens“, der den Reichsparteitag von 1934 dokumentiert, sowie der zweiteilige Olympia-Streifen „Fest der Völker“/„Fest der Schönheit“. Harald Kreutzbergs Auszeichnung beim Tanzwettbewerb der Olympischen Spiele in Berlin 1936 ist von Laban unterzeichnet.

Im Gegenzug meldeten sich aber auch Künstler kritisch gegenüber den Machthabern zu Wort. Paradebeispiel ist natürlich „Der Grüne Tisch“ von Kurt Jooss. Ganz besonders berührend ist als Beispiel von künstlerischer Unterdrückung im Dritten Reich eine kleine Vitrine mit Memorabilien der im Dritten Reich wegen ihres Widerstands gegen das Regime hingerichteten Tänzerin und Bildhauerin Oda Schottmüller.

Bei Kongressen, politischen Verhandlungen und offiziellen Anlässen müssen Politiker oft tanzen. Die Sicht auf derartige Pflichtübungen ist so unterschiedlich wie die Persönlichkeit etwa von Napoleon und Angela Merkel. Der Feldherr bekundete: „Sechs Stunden auf einem Ball sind angenehmer als sechs Feldzüge, um Rang und Würde zu erwerben.“ Unsere Bundeskanzlerin dagegen bekennt sich freimütig zur Ablehnung derartiger Strategien: „Ich war immer das Mädchen, das nicht tanzt.“ Auf unterhaltsame Weise nachdenklich stimmt auch eine Serie von Zeitungskarikaturen aus den Jahren 1950 bis 2012.

Für das ästhetische Flair einer Kunstausstellung sorgen drei kleine weiße Papierkunstwerke der Kölner Künstlerin Traudel Stahl – darunter „Das Goldene Kalb“ – und eine Installation mit zwei Fotos von Tänzerinnen, Mikrofonen, Megafonen und einem Pult vor der Projektion von Caspar David Friedrichs symbolischem Gemälde „Eismeer“ mit der eisblauen Darstellung ineinander verschachtelter Eisschollen. Man könnte es auch „Chaos durch Bewegung“ nennen.

Ein Rahmenprogramm mit Vorträgen, Filmen und Kuratorführungen ergänzt die Exponate. Das Foyer des Museums glänzt im ganz neuen Design – zu Ehren des 100. Geburtstages von Kurt Peters, dem Gründer des Tanzarchivs.

Das Echo der Utopien – Tanz und Politik. Eine Ausstellung des Deutschen Tanzarchivs Köln im Tanzmuseum, Im Mediapark 7 (3. OG), 50670 Köln. Noch bis 14. August 2016.

Veröffentlicht am 20.05.2016, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Tanzjahr 2016, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Tanzverbote, Happenings und Utopien"



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