HOMEPAGE



Linz

TÄNZER SIND WIE ZUTATEN FÜR KULINARISCHE DELIKATESSEN

Mei Hong Lin verlängert in Linz



„Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich je die europäischen Klassiker choreografieren würde.“


  • Mei Hong Lin Foto © Peter Philipp

Kein Wunder, dass Mei Hong Lin mit Glucks Tanzoper „Orfeo ed Euridike“ eine ihrer bislang besten Choreografien und Inszenierungen gelungen ist. „Singen, spielen und tanzen gehören in Taiwan zusammen“, erklärt die Linzer Ballettdirektorin und fügt hinzu, im neuen Linzer Musiktheater „greift alles in einander.“ Alle Gewerke und die fünf Sparten kommunizieren und kooperieren. So kam durch die Zusammenarbeit von Musiktheater und Ballett ein Gesamtkunstwerk von vorzüglicher musikalischer und tänzerischer Qualität in einer technisch ausgeklügelten, raffinierten Bühneninstallation zustande.

Damit wurde diese letzte Ballettpremiere in der Intendanz von Rainer Mennicken zu einem Musterbeispiel in der internationalen Karriere der Taiwanesin, die in ihrer Heimat in dem sehr statischen traditionellen chinesischen Tanz ausgebildet wurde, aber damit wenig anfangen konnte. In Rom studierte sie deshalb danach die europäische Dance d‘école an der Accademia Nazionale di Danza und schloss Lehrgänge in zeitgenössischem Tanz und Choreografie an Folkwang an. Mit der Rückkehr nach Taiwan profilierte sie sich in Fernost und USA als Tänzerin und Choreografin. Kurz nach der deutschen Wende kam sie aber wieder nach Deutschland, um das Ballett am Theater Plauen zu leiten, später die Sparte in Bielefeld und Dortmund zu übernehmen. Von 2004 bis 2014 schließlich reüssierte Lin, choreografisch gereift, als Ballettdirektorin am Staatstheater Darmstadt.

Nach dem unerwarteten Tod von Jochen Ulrich trat sie seine Nachfolge am Landestheater Linz an und verlängerte nun ihren Vertrag mit dem neuen Intendanten Hermann Schneider, den sie durch ihre zahlreichen Gastengagements an vielen europäischen Theatern bereits kennt. Mit dem vormaligen Essener Solotänzer Viacheslav Tyutyukin konnte sie einen Kompanie-Manager engagieren. Die langjährige Darmstädter Ballettmeisterin und Choreografin Christina Comtesse ist mit einem neuen Tanzstück erste Gastchoreografin in der Black Box, deren Variabilität und Intimität mit bis zu 270 Plätzen Lin besonders schätzt. Im Großen Saal dagegen wird Lin „Die kleine Meerjungfrau“ präsentieren und eine Neueinstudierung ihrer „Brautschminkerin“ – in Darmstadt 2011 uraufgeführt und für den Deutschen Theaterpreis FAUST nominiert – nach einer taiwanesischen Erzählung mit fernöstlichen Musikzitaten. Selbst könne sie wenig einschätzen, welche Spuren aus dem traditionellen Tanz ihrer Heimat sich in ihrer choreografischen Handschrift zeigen, meint Lin. Aber immer öfter geben ja glücklicherweise Künstler aus aller Welt in ihren Werken Einblick in die Kultur ihrer Heimat. Am Theater spüre man auch kein Fremdsein, sagt Lin, weil die internationale Community die Liebe zum Theater verbinde. Und das Publikum wird immer neugieriger auf Welttanz.
Mei Hong Lin denkt und arbeitet ungewöhnlich „flexibel“ mit feinem künstlerischen Gespür. Ob zeitgenössische Tanzkomposition oder aktualisiertes Handlungsballett, Tanzeinlage für Operetten und Musicals („The Beautiful Game“ von Lloyd Webber als Deutsche Erstaufführung) oder Musiktheater-Inszenierungen (Uraufführung von Phil Glass‘ „La Belle et la Bête“) - Lin arbeitet mit fundierter, menschlich überhöhter Kreativität. „Das Theatralische interessiert mich generell“, sagt sie unpathetisch. Die passionierte Köchin zieht für ihren choreografischen Ansatz einen Vergleich aus der Kochkunst heran: „Die Tänzer sind meine Zutaten. Jeder und jede verströmt ein eigenes Aroma und hat einen eigenen Geschmack. Den dürfen sie keinesfalls verlieren“. Austausch mit Künstlern anderer Sparten und Häuser ist ihr wichtig. Die enge Vernetzung in Deutschland vermisst sie in Österreich noch. Aber auch hier spüre man diese „hohe Wertschätzung der Kultur“.

Hatte Mei Hong Lin in Darmstadt mit anspruchsvollen zeitgenössischen Kreationen und eigenwilligen Interpretationen von Literaturballetten mit wenigen Personen wie etwa „Macbeth,“ „Bernarda Albas Haus“ oder „The Juliet Letters“ beeindruckt, sah sie sich in der oberösterreichischen Landeshauptstadt plötzlich einer ganz anderen Herausforderung gegenüber. Das neue Musiktheater Linz – 2013 eröffnet gegen das Votum der Bevölkerung nach drei Jahrzehnten hitziger Diskussionen um das Ob und Wo – musste seine Existenzberechtigung mit ausverkauften Vorstellungen unter Beweis stellen. Zugnummern waren verlangt, um die 1200 Plätze zu füllen. Schrillbunte „Carmina burana“, ein fetzig sportiver „Nußknacker“ und ein hinreißender „Schwanensee“ als hochsensible Lebensgeschichte Tschaikowskys (siehe auch die Kritik) waren da genau richtig. „Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich je die europäischen Klassiker choreografieren würde“, sagt Lin noch immer kopfschüttelnd. Aber ein Engagement an ein neues Haus ist ja immer wie ein Sprung ins kalte Wasser. Künstler wie Mei Hong Lin, die durch ihre charmante Gelassenheit einnimmt, sind nicht wasserscheu.

Veröffentlicht am 27.05.2016, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Leute

Dieser Artikel wurde 1969 mal angesehen.



Kommentare zu "Tänzer sind wie Zutaten für kulinarische Deli ..."



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    WINZIGE BALLETTRATTEN IN "SCHWANENSEE"?

    Ein Blog-Beitrag zur Aufführung von „Schwanensee“ am Landestheater Linz

    Bildungsbeflissene Eltern sollten sich gut überlegen, wann sie ihre kleinen Kinder mit ins Theater nehmen - zumindest aus Respekt vor den Bühnenkünstlern.

    Veröffentlicht am 07.11.2015, von Marieluise Jeitschko


    SEHNSUCHT NACH EINEM ANDEREN LEBEN

    "Schwanensee" im neuen Linzer Musiktheater

    Mei Hong Lin reiht sich mit ihrem sensiblen, konsequenten Entwurf für die zeitgemäße Sicht auf einen romantischen Ballettklassiker würdig in die Reihe der Vorreiter.

    Veröffentlicht am 04.11.2015, von Marieluise Jeitschko


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    GALA WIEDER EIN RAUSCHENDES TANZFEST

    TanzArt ostwest in Gießen
    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Dagmar Klein


    SOMMERNACHTSTRÄUME IN DER KIRCHE?

    Mit dem Ballett der Theater Plauen-Zwickau geht das wunderbar.
    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Boris Michael Gruhl


    TAKT, TEMPO UND VIELE RÄTSEL

    Der neue Tanzabend „Venus“ am Gerhart-Hauptmann Theater in Görlitz
    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Boris Michael Gruhl



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    FAUST-SYMPHONIE

    Im Rahmen des Faust-Festivals erleben Sie am 13. Juni die »Faust-Symphonie für Orgel & Tanz nach Franz Liszt«

    Mit Tänzern des Gärtnerplatztheaters und der Iwanson International School of Contemporary Dance in der Philharmonie im Gasteig.

    Veröffentlicht am 21.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DAS LEBEN ALS DAUERLAUF

    Die Tanzkompanie des Staatstheaters Braunschweig zeigt Guilherme Botelhos atemberaubendes Tanzstück „Sideways Rain“

    Veröffentlicht am 10.05.2018, von Andreas Berger


    WUNDERVOLLES JETZT

    "After Trio A" von Andrea Božić und “The Dry Piece” von Keren Levi

    Veröffentlicht am 17.05.2018, von Natalie Broschat


    ZIRZENSISCHE HOMMAGE AN PINA BAUSCH

    Adolphe Binder beweist in Wuppertal mit Dimitris Papaioannou einen guten Griff

    Veröffentlicht am 13.05.2018, von Marieluise Jeitschko


    IVÁN PÉREZ KOMMT NACH HEIDELBERG

    Der Choreograf Iván Pérez übernimmt ab der Spielzeit 2018/19 das Dance Theatre Heidelberg

    Veröffentlicht am 16.05.2018, von tanznetz.de Redaktion


    SEHNSUCHTSVOLLER HERZSCHMERZ

    "True Romance" von Hans Henning Paar und Daniel Soulié am Theater Münster

    Veröffentlicht am 19.05.2018, von Marieluise Jeitschko



    BEI UNS IM SHOP