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Toula Limnaios findet poetische Bilder für „the rest of me“



„the rest of me“ nennt Toula Limnaios das Solo, das sie 2012 für sich kreiert hatte und nun, zum 20-jährigen Bestehen ihrer Kompanie, in der frisch restaurierten HALLE Tanzbühne noch einmal zeigt.


  • „the rest of me“ von und mit Toula Limnaios Foto © Dieter Hartwig
  • „the rest of me“ von und mit Toula Limnaios Foto © Dieter Hartwig
  • „the rest of me“ von und mit Toula Limnaios Foto © Dieter Hartwig
  • „the rest of me“ von und mit Toula Limnaios Foto © Dieter Hartwig
  • „the rest of me“ von und mit Toula Limnaios Foto © Dieter Hartwig
  • „the rest of me“ von und mit Toula Limnaios Foto © Dieter Hartwig
  • „the rest of me“ von und mit Toula Limnaios Foto © Dieter Hartwig

Schon das Eingangsbild beeindruckt. Auf dick und weich weiß ausgeschlagener Szene sitzt vorn an der Seite eine archaische Gestalt im weißen Langkleid, ihren Kopf rotwollen umwunden, den Faden, der sie gesichtslos gemacht hat, noch zwischen den Fingern, das Knäuel der Hand schon entfallen. Eine der Moiren, der griechischen Schicksalsgöttinnen, die sich hier im eigenen Lebensfaden verfangen hat? Die Rückwand füllt als Bruch jener Unbewegtheit ein Video, auf dem die Tänzerin im lachsfarbenen Kleid einen Waldpfad vorwärts schreitet, ohne jedoch wirklich vorwärts zu kommen. Gleichnis auf den Weg durchs Leben? Erst als die Laufende schließlich doch größer wird und die gesamte Leinwand füllt, aus ihr herauszutreten scheint, kommt Aktion auch in die Gestalt auf der Bühne. Sie beginnt ihr Gesicht zu ent-wickeln, juchzt, weil ihr Gefangensein endet. Wie eine Blutlache liegt der Fadenberg vor ihr, als sie, teilverhüllt noch, zu jener Tür aus Licht aufbricht, die auf der Rückwand erscheint. Den roten Faden zieht sie diagonal hinter sich her wie Ariadne auf dem Gang durchs kretische Labyrinth, das der Sage nach mit ihrer Hilfe Theseus einst betrat.

„the rest of me“ nennt Toula Limnaios das Solo, das sie 2012 für sich kreiert hatte und nun, zum 20-jährigen Bestehen ihrer Kompanie, in der frisch restaurierten HALLE Tanzbühne noch einmal zeigt. Eine Art persönlicher Lebensbilanz, die über die Jahre womöglich noch dichter, noch zwingender geworden ist. In der Folge stellt sich der Bezug zur Gegenwart her: Im kurzen Schwarzen kehrt die Tänzerin auf die Szene zurück, durch jene Tür ins Jetzt, beladen mit einem scheinbar schweren Tornister, der sie dirigiert, abkippen, stolpern, dann stürzen lässt. Im Video eilt sie in einem roten Kleid durch den schier endlosen Mittelgang einer U-Bahn, menschenleer erst, dann von lauter Blicklosen besetzt. Eine Collage aus Streicherklang, Geräusch des Alltags, dann Fetzen von Klagechören, stützt die taumelnde Wegsuche auf der Bühne. Aus dem Rucksack fördert die Tänzerin Kissen, weiße, schwarze, ein rotes, als symbolische Steine zutage und High Heels, in denen sie zu Herzschlag mühsam stakelt wie durch zähes Gewässer. Fäuste ballen sich zur Kraftpose, Fallen gehört zum Weg, Kopfstand, Lächeln, später auch Angst – eben das Leben. Vogelschwärme ziehen dazu über kahlem Geäst tanzend ihre Bahn, eine Videovision aufs Ende.

In einem neuen Video irrt sie im rosafarbenen Kleid durch ein Birkenwäldchen, auf der Szene drückt sie das rote Kissen an sich, legt es und die Pumps in den Tornister, rüttelt am Faden von der Decke herunter. Beide Figuren werfen, Facetten ein und derselben Person, ihr Haar, vereinen sich im Duett. Mehrfach erschießt sie sich symbolisch, Möglichkeit eines Lebensendes. Schließlich schreit sie ihren Schmerz heraus, pudert sich in wildem Kreislauf das Haar weiß, wird zur Greisin. Den Faden holt sie ein, die Kissen formiert sie zur Gegendiagonale und legt ihr Kleid ab. Ein Mensch bereitet sich zur Abreise ins Jenseits vor. Auch dafür findet Toula Limaios, dies eine ihrer großen Stärken, eine unvergessliche Metapher. Vor orangefarben leuchtender Rückwand lädt sie sich gewaltige schwarze Flügel auf den Kopf, schreitet unpathetisch traumwandlerisch durch einen zunehmend fahlen Raum und wird Teil eines in Zeitlupe auffliegenden Schwarms dunkler Vögel. Nach oben streben sie, diagonal vorwärts geht zu Knacksen, als sei eine Schallplatte festgehakt, die Tänzerin, im Spiel auch der Seitschatten, bis das Licht sie gütig schluckt.

Was nun „the rest of me“ meint, die rückbleibende Nachwirkung eines Lebens oder das Häuflein Asche der physischen Existenz, ist letztlich zweitrangig. In jedem Fall hat Toula Limnaios auf sehr persönliche Weise einen Lebensweg nachgezeichnet, wie er sich ihr darstellt. Mit Brüchen und Bewegungen, die auf die Frage nach einer Semantik nicht immer reagieren. Was wie stets in ihren Choreografien überwältigt, sind Bilder von einprägsam stiller Poesie, ist ein Gesamtkunstwerk aus Tanz, der Musik von Ralf R. Ollertz und, in diesem Fall, den Videos der Gruppe cyan. Das Männerduo „isson“, die Gruppenstücke „short stories“ und „wut“ beschließen die Aufführungsserie zum 20. Geburtstag der cie. Toula Limnaios.

Bis 14.8., 20:30 Uhr, HALLE Tanzbühne, Eberswalder Str. 10, Prenzlauer Berg, Tickettelefon 440 442 92, www.halle-tanz-berlin.de

Veröffentlicht am 16.07.2016, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2015/2016

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