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Basel

VOM MYSTISCHEN ERNST ZUM REINEN NONSENSE

„Jeanne d’Arc“ von Joëlle Bouvier und „Cacti“ von Alexander Ekmann



In bewundernswerter Weise interpretiert das Ballett des Theaters Basel die unterschiedlichen Stile auswärtiger Choreografinnen und Choreografen. Unter dem Sammeltitel „B/E“ zeigt es zwei Tanzstücke, die gegensätzlicher nicht sein könnten.


  • Der Ballettabend "B/E" am Theater Basel: Alexander Ekmans "Cacti" Foto © Ismael Lorenzo / Theater Basel
  • Der Ballettabend "B/E" am Theater Basel: Alexander Ekmans "Cacti" Foto © Ismael Lorenzo / Theater Basel
  • Der Ballettabend "B/E" am Theater Basel: Joelle Bouviers "Jeanne d'Arc" Foto © Ismael Lorenzo / Theater Basel
  • Der Ballettabend "B/E" am Theater Basel: Joelle Bouviers "Jeanne d'Arc" Foto © Ismael Lorenzo / Theater Basel

Unter dem Sammeltitel „B/E“ zeigt das Ballett Theater Basel zwei Tanzstücke, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Zwar bringen sowohl „Jeanne d’Arc“ als auch „Cacti“ zeitgenössischen (Barfuss-)Tanz, aber die Atmosphäre ist grundverschieden: Mystisch gibt sich die eine Choreografie, schräg und lustig die andere. Dabei beweist die Basler Truppe von Richard Wherlock einmal mehr, wie erstaunlich anpassungsfähig und flexibel sie ist bei der Interpretation auswärtiger Stile.

Die Choreografin und frühere Tänzerin Joëlle Bouvier (geb.1959) ist gebürtige Westschweizerin, zog aber schon früh nach Frankreich. Dort leitete sie zusammen mit Régis Obadia die Compagnie „L’Esquisse“ und anschließend mehrere der berühmten Centres Chorégraphiques Nationaux. Ihr Stück „Jeanne d’Arc“ wurde 2003 in Nancy uraufgeführt. Stimmungsmäßig möchte man es früher einordnen. Mit seinem archaisch wirkenden Expressionismus erinnert es an Filme von Robert Bresson, der ja seinerseits einen Jeanne-d’Arc-Film gedreht hat.

Bouvier hat das eindrückliche Tanzwerk fast im Alleingang kreiert. Nicht nur die Choreografie, sondern auch die Musikcollage (ab Tonträger) stammt von ihr, mit Klängen von Pergolesi bis zu rumänischen Chorgesängen, gemischt mit Naturgeräuschen. Das Bühnenbild ist ebenfalls ihrer Einbildungskraft entsprungen: Lange Holzlatten dienen als Wegweiser und Waffen. Später fügen sie sich zum Gefängnis, zum Kreuz, zum Scheiterhaufen zusammen - wo die blutjunge Heeresführerin und dann zur Hexe erklärte Jeanne 1431 verbrannt wurde.

Dieser Tod wird im Tanzstück dann aber nicht gezeigt. Überhaupt deutet die Choreografie die Handlung nur spärlich an – der Rest ist Atmosphäre. Zwei Tänzerinnen (Tana Rosàs Suné und Ster Slijkhuis) schlüpften bei der Basler Premiere in die Rolle der Jeanne: Die eine mimt Aufbruch und Sieg, die andere das spätere Opfer von Politik und Intrige. Beide tanzen überzeugend und mit grossem Ernst.

Um sie herum dreizehn Männer, in langen Hosen und mit nacktem Oberkörper, manchmal in rot gefütterten Mänteln. Sie verkörpern Kriegsgesellen und Klerus, die Hofgesellschaft und den feigen späteren König Karl VII., der seine Retterin verleugnet. Hier zeigt sich nun aber doch eine Schwäche des Stücks: Wer wen darstellt, bleibt oft unklar, weil Aussehen und Schrittmaterial sich zu wenig unterscheiden.

Nach der Pause folgt auf mystisches Dunkel der reine Nonsense. „Cacti“ (uraufgeführt 2010 in Den Haag) besteht aus einer Aneinanderreihung frech-heiterer Szenen – wunderbar zum Anschauen und Mitfiebern.

Der 1984 geborene Schwede Alexander Ekmann hat letzten Frühling in Dresden mit „Cow“ heftige Kontroversen ausgelöst – klassisch orientierte Fans konnten dem Stück keinerlei Freude abgewinnen. Basel ist da aufgeschlossener. Mit sichtbarer Begeisterung tobt das Ballett in Kniehosen und später im Nude-Look auf zwölf Podesten herum, in einer Mischung von Modern Dance, HipHop, arabischer Kampfkunst, Akrobatik und vielem mehr. Bald erheben sich die Podeste zu Stellwänden, und noch später fügen sie sich zu einer kunstvollen Plastik zusammen (Bühne/ Kostüme: Ekman und Tom Visser).

Zwischendurch tanzten bei der Premiere Andrea Tortosa Vidal und Javier Rodriguez ein bald inniges, bald streitendes Paar – man dachte fast automatisch an Brad Pitt und Angelina Jolie! In der Mitte des Stücks werden Töpfe mit grasgrünen Kakteen herein getragen und in den Tanzablauf integriert. Sie haben dem Werk den Namen gegeben – der Plural von Cactus heisst „Cacti“.

Schabernack betreibt Ekman auch mit der haarsträubend unpassenden Musik. Oder was haben Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ oder die Sonate Nr.5 aus Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ mit Kakteen zu tun? Die Musik strömt teilweise aus dem Lautsprecher, teils wird sie live gespielt (und gelegentlich verhackstückt): Das Pacific Quartet Vienna mit Yuta Takase, Eszter Major, Chin-Ting Huang und Sarah Weilenmann ist offensichtlich mit Lust dabei.

Das Quartett sitzt übrigens nicht im trautem Halbkreis da, sondern wandert herum. Dabei muss Sarah Weilenmann ihr Cello auch mal über dem Bauch tragen und in dieser Haltung spielen. Das gehört zu den vielen verqueren, aber meist höchst vergnüglichen Scherzen des Stücks.

Einmal fällt in „Cacti“ eine tote Katze von der Decke. Ein rascher Blick durch das Opernglas beruhigt mich: Sie ist nicht echt. Dem Premieren-Publikum haben die so verschiedenen Stücke, beide etwa 40 Minuten lang, sehr gut gefallen.

Veröffentlicht am 25.09.2016, von Marlies Strech in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

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