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Oldenburg

MAGISCHE FARBSPIELE

BallettCompagnie Oldenburg zeigt „Imago Suite/4 Seasons”



Die erste Ballett-Premiere der neuen Spielzeit bringt einen Doppelabend: Eine Rekonstruktion der bemerkenswerten Choreografie von Alwin Nikolais überzeugt in einer grandiosen Einstudierung von Alberto del Saz. Dagegen bleibt „4 Seasons“ von Antoine Jully unausgereift.


  • "Imago Suite/4 Seasons" der BallettCompagnie Oldenburg Foto © Stefan Walzl
  • "Imago Suite/4 Seasons" der BallettCompagnie Oldenburg Foto © Stefan Walzl

Von Martina Burandt

Die erste Ballett-Premiere der neuen Spielzeit bringt wieder einen Doppelabend auf die Bühne: „Imago Suite“ (The City Curious), eine Rekonstruktion der bemerkenswerten Choreografie von Alwin Nikolais (1910-1993), überzeugt in einer grandiosen Einstudierung von Alberto del Saz. Dagegen bleibt „4 Seasons“ von Compagnieleiter Antoine Jully, zu den vom Opernchor a capella gesungenen unterschiedlichen Chorwerken, unausgereift und wohlwollend ausgesprochen, missverständlich.

Synthesizerklänge, Geräusche wie Pfeifen, Schwirren, ein Gong. Der Bühnenhintergrund wechselt von einem wunderschönen Indigoblau zu psychedelischer Farbenpracht. Davor stehen schwarze Gestalten mit merkwürdigen kleinen Kopfbedeckungen, die an winzige Zylinder oder Blumentöpfe erinnern. Im Lichtwechsel werden die Kostüme weiß, dann kunterbunt. Die Farbenpracht erinnert an die 70er Jahre, an Pop Art, die Geräusche imaginieren Großstadthektik und die Figuren scheinen einer anderen Welt entsprungen. Sie bewegen sich wie Spielfiguren auf einem Feld oder wie Teilchen einer größeren Ordnung, seien es Maschinen, Moleküle oder seltsame organische Gebilde, wie durch ein Mikroskop betrachtet.

In immer neuer Abfolge, mit immer neuen phantasievollen Ideen und Kostümen (allesamt Originale ihres Erschaffers) vor wechselnden effektvollen Bühnenbildern, die mit Licht, Schatten und Farbeffekten spielen, passiert dies in allen sechs Bildern der großartigen Choreografie von Alwin Nikolais. Die Bewegungssprache in „Imago Suite“ ist gleichermaßen synchron wie asynchron aufeinander abgestellt. Das Bewegungsrepertoire richtet sich an geometrischen Formen und an Räumen aus.

„Imago Suite (The City Curious)“ von 1963 zählt zu Nikolais' bekanntesten Werken. Neben der Choreografie kreierte er auch Bühnenbild, Kostüme, Lichteffekte und die Musik. Mit diesem Stück gastierte er in der ganzen Welt und schrieb Ballettgeschichte. Alwin Nikolais gilt als Vater des modernen abstrakten Balletts und als Pionier der amerikanischen Tanzgeschichte. Seine Ausbildungseinflüsse von europäischen Tanzgrößen wie Mary Wigman und Rudolf von Laban stellt Nikolais in einen transatlantischen Kontext des zeitgenössischen Tanzes.

In seiner Vorstellung vom „totalen Tanztheater“ definiert sich Nikolais' Bewegungskonzept erst im Zusammenspiel der unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen. Sein interdisziplinärer Ansatz ist in „Imago Suite“ gut veranschaulicht. Auch hier laufen die ästhetischen Grenzen des abstrakten Expressionismus, der Pop Art, der Malerei und der Video- und Lichtkunst ineinander. Vielfach vergrößerte Schatten der tanzenden Figuren sind auf vielfarbige Kulissen geworfen - ein beeindruckendes Spiel mit Groß und Klein. Wie in seinen anderen Arbeiten dominiert der Raum und die Bewegungen folgen den Erfordernissen der Raumebenen wie den visuellen und akustischen Effekten, was den Tänzerinnen und Tänzern ein Höchstmaß an Körperkontrolle abfordert.

Die BallettCompagnie Oldenburg ist die erste europäische Kompanie, mit der Alberto del Saz dieses Werk einstudiert hat. Del Saz, heute Co-Direktor der Nikolais/Louis Foundation for Dance Inc. in New York und früher Tänzer bei Alwin Nikolais, hat mit der Rekonstruktion in Oldenburg – zusammen mit dem äußerst präzise tanzendem jungen Ensemble - ein anregendes, ungewöhnliches und beschwingt-humorvolles Theatererlebnis geschaffen, das bei der Premiere mit vielen begeisterten Bravorufen aus dem Publikum honoriert wurde. Ein magisches Sinnenspiel, ein bunter Traum!

Antoine Jullys Idee, sein Ensemble in „4 Seasons“, dem zweiten Teil dieses Tanzabends, zu Chorwerken tanzen zu lassen, ist eine interessante und schöne Idee. Dazu entwickelte der Chefchoreograf mit den transparent-weißen Papierbahnen, die lang von der Bühnendecke hängen, auch ein ästhetisch ansprechendes Bühnenbild, das mit seiner Leichtigkeit, mit seinen grafischen und floralen Mustern genug Assoziationsraum bietet. Die vom Opernchor, unter der musikalischen Leitung von Thomas Bönisch meisterlich gesungenen Chorwerke von Paul Hindemith, Eric Whitacre, Pēteris Vasks und Max Reger geben die jeweilige akustische Jahreszeiten-Stimmung.

Doch Jully findet dazu keine entsprechende choreografische Bildervielfalt. Die Jahreszeiten sind in „4 Seasons“ kaum auseinander zu halten. Es fängt – wie bereits von anderen Werken Jullys gewohnt – verspielt und mit vielen klassischen Ballettformen an. Zusammen mit „Six Chansons“ von Hindemith entfalten einige der Duos und Trios, die gleichzeitig auf der Bühne getanzt werden, zunächst eine gewisse frühlingshafte Leichtigkeit und ausgelassene Turtelei.

Jully versucht, Objekte einzubauen, wie beispielsweise kunstrasenbezogene Rollbretter, Fähnchen, Äpfel, in die „sündige“ Frauen beißen, doch erweisen sich diese in ihrer plakativen Nutzung eher als überflüssig oder störend. Allein der Einsatz von Handglocken, welche die TänzerInnen zu Whitacres „Cloudburst“ schwingen, sind ein wunderschöner poetischer Zugewinn. Ärgerlich ist, dass, wenn aus der harmlosen Frühlings-Turtelei immer mehr Anspielungen auf heterosexuelle Paarungen erwachsen und diese eindeutig sexualisierten Anspielungen Geschlechterstereotype manifestieren, welche Frauen zu reinen Objekten reduzieren. Dabei ist das tänzerischen Bewegungsrepertoire so gewählt, dass die Tänzerinnen außergewöhnlich oft ihre Beine zu spreizen haben. Beispielsweise werden sie mit weit geöffneten Beinen von den Männern von hinten umfasst getragen, ihre weibliche Scham in kurzen Slips frontal dem Publikum präsentiert.

Und wenn dann im Weiteren martialisch auftretende Tänzer mit freien Oberkörpern, die Rücken zum Publikum, jeweils eine Tänzerin fest umfassen und das Publikum sieht nur die heftig zappelnden, gespreizten Beine und Arme der Tänzerinnen, die schließlich fallen gelassen werden, um zusammengesunken am Boden zu liegen, dann muss man sich fragen, was Jully sagen möchte. Sicherlich haben nicht wenige in diesem Bild sexualisierte Gewalt gesehen. Und was hat das mit den vier Jahreszeiten zu tun? In dieser ständigen schwarz-weißen Einseitigkeit der Geschlechterdarstellung erscheint dies einfach nur sexistisch. Dabei bietet „4 Seasons“ sicherlich mehr Themen, wie es schließlich auch das Programmheft verspricht. Der Applaus des Oldenburger Premierenpublikum war größtenteils begeistert. Doch vielleicht galt er einfach vielmehr den jungen Tänzerinnen und Tänzern und der großartigen „Imago Suite“.

Veröffentlicht am 03.10.2016, von Gastautor in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

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