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München

NAH AM LEBEN

Wiederaufnahme von "Romeo und Julia" in München



Die schönste Version des Balletts, wagen wir zu behaupten, ist die von John Cranko, die 1968 in München übernommen wurde, und frisch ist wie am ersten Tag – wenn sie so zügig und lebendig getanzt wird wie jetzt vom Bayerischen Staatsballett.


  • "Romeo und Julia" am Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl
  • "Romeo und Julia" am Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl

Zwei junge Menschen, die sich lieben und an der Feindschaft ihrer Familien zugrunde gehen: Shakespeare konnte nicht ahnen, dass sein „Romeo und Julia“ auch auf der Ballettbühne Karriere machen würde. Legendär ist die Zahl der „Romeo“-Versionen. Die schönste, wagen wir zu behaupten, ist die von John Cranko zu Prokofjews Ballett-Komposition in Jürgen Roses subtil schwelgerischer Ausstattung. Die Mailänder Fassung von 1958 wurde 1962 für Stuttgart überarbeitet, 1968 dann in München übernommen. Und ist frisch wie am ersten Tag – wenn so zügig, so lebendig getanzt wie jetzt vom Bayerischen Staatsballett. Der neue Chef Igor Zelensky setzt streng auf Vorstellungsqualität.

Früher musste man ja schon mal, spätestens im schauspiel-intensiven 3. Akt in Julias Schlafgemach und in der Capulet-Gruft, gegen ein Nickerchen ankämpfen. Hier rauscht das Ballett regelrecht über die Nationaltheater-Bühne: diese üppigen Bälle und Faschingsfeste, diese Veroneser Jeunesse dorée, jetzt flirtend und gleich darauf hitzig den Degen ziehend. Und dass das Ensemble sich Haut und Haar in diese Geschichte hineinstürzt, dass sich das alles – so wollte es Cranko – sinnlich anfühlt, ganz ohne Kunsthaftigkeit, nah am Leben, das verdankt sich zum großen Teil auch Robertas Servenikas. Bei dem nicht umsonst vielfach ausgezeichneten litauischen Dirigenten wird der hochschwierige Prokofjew in all seinen Farben, Nuancen und Geschichten selbst bei geschlossenen Augen erfahrbar: das höfische Gepränge, die Spannung des Familienzwists, das lyrisch Sanfte dieser jungen tragischen Liebe. Und immer fein die Übergänge. Das Staatsorchester kann also auch Ballett!

Und können die neuen Solisten auch Cranko? Das vom St. Petersburger Mariinsky kommende Ehepaar Vladimir Shklyarov und Maria Shirinkina in den Hauptrollen ist technisch-tänzerisch souverän. Noch nicht gesehen hat man bei den beiden die unvermittelt erwachende junge Liebe, dieses ganz neue atemlose Glückserlebnis. Cranko, das sind eben nicht nur extrem knifflige und hier ja auch blendend bewältigte Hebungen und anmutige Ports de bras. Es ist eine Neoklassik, die sich in jedem Atemzug, jeder Geste hinverwandelt zu einem echt durchlebten Gefühl. Ganz ohne Frage braucht es viele Proben, viele Vorstellungen, bis Cranko-Neulinge sich in seinem Stil heimisch fühlen. Auch Crankos eigene Tänzer in Stuttgart in den 60er/70er Jahren mussten hart und lange an ihren Rollen arbeiten. Und vielleicht, kleiner Nebengedanke, sind sich die Eheleute auch zu sehr vertraut - und sollten gerade dieses Ballett mit jeweils fremdem Partner tanzen.

In den Nebenrollen überzeugten Matej Urban als verhalten dominanter Tybalt und Dmitry Vyskubenko und Jonah Cook, beide hochgewachsen und technisch schnittig, als Romeos Freunde Benvolio und Mercutio. Cook, diesmal schon darstellerisch gefordert, kann man in Bälde erstmals als Romeo erleben. Insgesamt staunt man, wie Zelenskys Ensemble – die Hälfte davon ja neu in München – es schafft, drei bis vier Ballette (seit Anfang September: „Giselle“, „Bayadère“, „Romeo und Julia“ und „Spartacus“) parallel zu lernen – und dabei so gut auszusehen.

Veröffentlicht am 09.11.2016, von Malve Gradinger in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

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