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Kaiserslautern

NEUE TANZÄRA AM PFALZTHEATER

James Sutherland erforscht Geschlechterrollen



Weit mehr als eine kluge Gegenüberstellung ist „Same time tomorrow“ ein komplexes Gewebe, das aus der subtilen Versuchsanordnung ästhetischen Mehrwert gewinnt und in puncto Wahrnehmung und Selbstreflexion interessante Fragen aufwirft.


  • "Same Time Tomorrow" von James Sutherland am Pfalztheater Kaiserslautern Foto © Stephan Walzl
  • "Same Time Tomorrow" von James Sutherland am Pfalztheater Kaiserslautern Foto © Stephan Walzl
  • "Same Time Tomorrow" von James Sutherland am Pfalztheater Kaiserslautern Foto © Stephan Walzl
  • "Same Time Tomorrow" von James Sutherland am Pfalztheater Kaiserslautern Foto © Stephan Walzl

Das Publikum der ersten Werkstattproduktion ist komplett begeistert: Stehende Ovationen und eine Viertelstunde Beifall für James Sutherlands „Same time tomorrow“ und sein neu zusammengestelltes Ensemble (Vittoria Carpegna, Laure Coureau, Camilla Marcati, Keiko Okawa, Jura Wanga, Risa Yamamoto, sowie Davide Degano, Chris Kobusch, Salvatore Nicolosi, Duncan C. Schultz, Goh Shibata, Huy Tien Tran).

In seiner neuen Choreografie fragt Sutherland: ‚Was ist männlich und was ist weiblich?’ Hinter dieser scheinbar einfachen Frage toben seit Jahrzehnten wissenschaftliche Auseinandersetzungen: Ist Verhalten angeboren oder sozial vermittelt? Sind Geschlechterrollen biologisch determiniert, gar genetisch festgeschrieben oder dem Milieu geschuldet, gar gesellschaftlich Konstrukte? Dieser Streit reicht bis hin zur Frage, ob Koedukation den Lernerfolg fördert oder behindert.

„Ich glaube an den Unterschied zwischen Mann und Frau. Tatsächlich liebe ich diesen Unterschied.“ Dieses Zitat von Elizabeth Taylor mag in Anbetracht der überhitzten Debatte um Geschlechterdiversität naiv klingen. Im Programmheft an exponierter Stelle ist das Statement der Filmschauspielerin, der es mit sieben Ehemännern an Empirie nicht mangelte, wohltuend einfach und klar. Bar aller theoretischen Einwände (zu Stichworten wie Androgynität, Cross- und Transgender sowie der Frage wie weit und ab welchem Alter Sexualkunde in die Materie eindringen soll) liefert das Zitat Leitplanken zur Wahrnehmung des Stückes, das auf einer zweiten Ebene zwischenmenschliche Beziehungen thematisiert.

„Aus der Tretmühle des Lebens ausbrechen, dadurch von einer Gesellschaft ausgeschlossen werden und sich mit der Einsamkeit abfinden oder die Wiedereingliederung anstreben“ sind, laut Sutherland, die choreografisch-inhaltlichen Aspekte von „Same time tomorrow“.

Es beginnt mit fünf Tänzerinnen. Sie sitzen auf Stühlen. Statisch wie das Publikum, diesem gegenüber, geben sie Gelegenheit jede einzeln zu betrachten. Ein Bild aus fünf Bildern. Die Körperspannung variiert am deutlichsten in den Beinhaltungen: überschlagene Beine, geschlossene Knie, eng nebeneinandergesetzte Füße oder weniger geschlossene Beine mit angedeuteter Standbein-Spielbein-Position. Gesichter wie gemalt, von Degas, Modigliani oder Vermeer.

Während noch die Gedanken wandern, bricht Dunkel herein, gefüllt von einem musikalischen Gewitter. Die Tänzerinnen springen auf, Ausfallschritte und Armschläge in schwungvoll wildem Unisono, abrupter Stillstand, wieder Dunkel und zurück auf den Stuhl. Sitzen, atmen und warten. Der Ablauf wiederholt sich, die Einzelnen stieben mit jedem Mal weiter auseinander, die Bewegungsabläufe werden individueller, die anschließenden Atemgeräusche lauter.

Die Choreografie wächst zu einem spannungsvollen Ganzen aus Klang, Bewegung und Licht, wie es für Sutherland typisch ist. Bei identischer Struktur regt schon das Anfangsbild der fünf Männer zu völlig anderen Assoziationen an: Alle sitzen gleich breitbeinig auf ihrem Stuhl, ein Besitz, den es (mittels Körperspannung und coolem Blick) zu verteidigen gilt. Man denkt nicht an Maler und ihre weiblichen Modelle, sondern an Filmregisseure wie Kurozawa, Pasolini, Visconti, Godard oder Fassbinder und ihre Protagonisten.

Ein Dialog, bei dem das Haften am Stuhl dem Wunsch sich davon zu lösen in Widerstreit geraten, war bei den Tänzerinnen ein katzenartig geschmeidiger Prozess, der zwischen ‚sowohl - als auch’ pendelte und unzählige Varianten ermöglichte. Den Tänzern behagt dieser Dialog mit dem Stuhl weitaus weniger, es scheint, als wollten sie sich möglichst rasch für ein Entweder (mit Stuhl) oder ein Oder (ohne Stuhl) entscheiden, wodurch ein Fluchimpuls und etwas implizit Drängendes entsteht.

Weit mehr als eine kluge Gegenüberstellung ist „Same time tomorrow“ ein komplexes Gewebe, das aus der subtilen Versuchsanordnung ästhetischen Mehrwert gewinnt und in puncto Wahrnehmung und Selbstreflexion interessante Fragen aufwirft. Der anhaltende Applaus geht sowohl an die Tänzerinnen und Tänzer, die zum Teil von der Neoklassik des Vorgängers Stefano Giannetti geprägt, sich innerhalb kurzer Zeit eine zeitgenössische Tanzsprache angeeignet haben. Er geht auch an das Team Claus Stump (Bühne und Kostüme), Harald Zidek (Licht), Elias Glatzle (Dramaturgie), Elena Iglesias Galán (Choreografische Assistenz und Trainingsleitung) sowie last, but not least an James Sutherland (Inszenierung, Choreografie, Konzept, Musikalisches Arrangement und Licht), der mit dieser Produktion am Pfalztheater Kaiserslautern eine neue Ära eingeläutet hat.

Veröffentlicht am 12.11.2016, von Leonore Welzin in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

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