HOMEPAGE



Nürnberg

LOB FÜR DIE GETANE ARBEIT

Ballettabend mit Stücken von Montero und Bigonzetti am Staatstheater Nürnberg



Die Uraufführung von "Monade" - eine dem Vater gewidmete theatrale Situation des Trauerns - macht deutlich, weshalb Goyo Montero Tanzchef in Nürnberg bleibt und als weiterer Höhepunkt seines bislang entstandenen Kanons betrachtet werden darf.


  • Goyo Monteros "Monade" am Staatstheater Nürnberg Foto © Jesús Vallinas
  • Goyo Monteros "Monade" am Staatstheater Nürnberg Foto © Jesús Vallinas
  • Mauro Bigonzettis "Antiche Danze" am Staatstheater Nürnberg Foto © Jesús Vallinas
  • Mauro Bigonzettis "Antiche Danze" am Staatstheater Nürnberg Foto © Jesús Vallinas

Stabwechsel am Staatstheater Nürnberg: Intendant Peter Theiler führt ab 2018 die Geschicke an der Semperoper in Dresden. Die Nürnberger Geschäfte übernimmt dann Jens-Daniel Herzog, aktuell noch Opernintendant in Dortmund.

Keine Umzugskisten packen wird Goyo Montero, der seit acht Jahren Ballettdirektor und Chefchoreograf ist. Mehrfach international ausgezeichnet für seine hervorstechende Ensemblearbeit als Künstler und Spartenchef wird der gebürtige Spanier auch in den kommenden Jahren den Tanz im Haus am Richard-Wagner-Platz hegen und pflegen. Dies ist uneingeschränkt als Glücksfall für die Fankenmetropole sowie für die Tanzlandschaft in Süddeutschland und den Tanz in Deutschland generell zu werten. Oft haben in ähnlichen Situationen die Tanzensembles am Haus und ihre Leitungen das Nachsehen oder müssen gar um den Erhalt ihrer ganzen Sparte kämpfen. Hier aber wird der geleisteten Aufbauarbeit Rechnung getragen, Nürnberg zu einem der wichtigsten Orte entwickelt zu haben, an denen nicht nur mit Monteros künstlerischer Arbeit eine überzeugende Variante zeitgenössischen Ballettschaffens zu erleben ist, sondern auch das aktuelle internationale Repertoire.

Behutsam hatte Montero in den vergangenen Jahren Stücke von Mauro Bigonzetti, William Forsythe, Nacho Duato, Crystal Pite, Jirí Kylián oder Christian Spuck in seinen Spielplan einfließen lassen, die die technischen und künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten des Ensembles beträchtlich erweitert haben. Goyo Montero, freundlich, offen und bescheiden im Auftreten, hat mit seiner Hingabe, seiner Vitalität und eindrücklichen Nachdenklichkeit auf diese Weise eine Kompanie geformt, die trotz eines kompletten Tänzerwechsels in den vergangenen acht Jahren nichts von ihrer besonderen Frische, Präsenz und Bewegungsdynamik eingebüßt hat. Im Gegenteil. Monteros sehr physischer, gruppenorientierter, zeitgenössischer choreografischer Stil sowie seine immer wieder sich zur Erzählung bekennende Inszenierungsweise, die das große Bild liebt, erstrahlt bei seiner ersten Premiere der Saison in neuer Klarheit.

Seine Uraufführung darf hierbei getrost als weiterer Höhepunkt seines bislang entstandenen Kanons betrachtet werden: Erneut offenbart sich Montero als Künstler, der nicht dem Mainstream folgt. Es ist eher so, als ob hier einer mit jeder neuen Choreografie bei sich und den sich aktuell stellenden Fragen über das Leben und den Tod bleibt. Persönliches, Biografisches, Wegmarken werden sichtbar, ohne dass es sich dem Betrachter aufdrängt; die Bearbeitung in einem überindividuellen, allgemein gültigen, für sich stehenden künstlerischen Entwurf eröffnet auch diesmal zahlreiche Möglichkeiten, mit seinem Werk inhaltlich und emotional in Resonanz zu treten.

Montero hat „Monade“, so der Titel seiner Uraufführung, seinem Vater gewidmet. Der Begriff, Äonen vom heutigen digitalen, technisierten Lebesgefühl entfernt und vermutlich noch am ehesten Germanistik- oder Philosophiestudenten bekannt, vereint und beschreibt seit der Antike, mit Ausdifferenzierungen im 16. und 17. Jahrhundert, die Vorstellung einer Einheit von allem Leben mit sich selbst, bezogen auf einen großen Ursprungsgedanken hin. Montero dient er hier als ein - wenn auch pathetisch klingender - Überbau. Immer wieder benutzt Montero das Wort für seine Kreationen, um über die Ebene der getanzten Bewegung hinaus weitere Sinnzusammenhänge einzuarbeiten oder sie von Texten her zu motivieren. Das eigentliche Ereignis bricht sich jedoch nicht dort Bahn.

Eingebettet in eine theatrale Situation des Trauerns - der Bühnenraum bildet einen von Goyo Montero und Eva Adler entworfenen sakralen Raum ab – hat der Tanzchef erstmals sein Ensemble sowie den Chor des Hauses in einer Inszenierung und Choreografie zusammengefügt. Musikalisch getragen wird das Experiment von verschiedenen geistlichen Kantaten von Johann Sebastian Bach. Kaum unterscheidbar sind von Anfang an Tänzer und Sänger - mit dem ersten Ton folgt jeder seiner Art des Ausdrucks. Die Tänzer tanzen zwischen den Kollegen und in nächster Nähe zu ihnen. Nie löst sich der faszinierende, einheitlich atmende Gemeinschafstkörper auf, den die über 40 Künstler gemeinsam herzustellen vermögen. Auf den seelenvollen Gehalt der Kantaten antwortet das Tanzensemble mit einer expressiven, viel den Boden einbeziehenden, markigen Gruppenchoreografie, die perfekt mit den Chorälen und Arien korrespondiert und dennoch etwas sehr Eigenständiges zum Ausdruck bringt. Das Bezaubernde ist erleben zu dürfen, was der Tanz kann: dem Gesang einen Körper zu verleihen, der Musik eine Physikalität. Das, was die Musik erzählt, wird hier Ereignis: die sich im tanzenden Körper ausdrückende Lebenskraft, die deshalb so spürbar wird, weil vom letzten Absoluten was diesen Tanz bedroht, erzählt wird – die Gewissheit des Todes jeden Körpers irgendwann. Wie so oft in seiner Ästhetik setzt Montero in „Monade“ einige narrative Spots: nur noch zappelnd der Körper desjenigen, der trauert, oder Kisten, die hereingetragen werden als Symbol der letzten Bettstatt. Sie dienen mehr der Strukturierung und dem Vorankommen des Werks, an dessen gemeinschaftlichem Dialog von Körper und Gesang man sich kaum satt sehen kann.

Kongenial dazu passend die Gastchoreografie von Mauro Bigonzetti, „Antiche Danze“ aus dem Jahr 2014 für zehn Paare - ein heiteres Ensemblestück zu drei Orchestersuiten des italienischen Komponisten Ottorino Respighi aus den Jahren 1906 bis 1931. Bigonzetti steckte die Tänzerinnen in knielange Reifröcke, die zu Beginn des Stückes über den Kopf gezogen wie übergroße Tulpenköpfe die Bühne füllen. Eine Tänzerin fällt aus dem Rock nach unten – im Fortgang der Choreografie wird dies zunehmend zu einem Symbol für die Entwicklung des Tanzes und der Frau im Tanz, die sich vom knöchellangen Kleid vor mehreren hundert Jahren bis zum Tutu-losen Trikot in der Postmoderne im wahrsten Sinne des Wortes Bewegungsfreiheit eroberte. Das ist aber nicht unbedingt das Spannende an Bigozettis Stück, sondern vielmehr im Umgang mit der Zeit zu finden. Immer wieder hält das Stück an, die symmetrisch aufgebauten Gruppenformationen im Raum verharren in Stille in der Pose. In diesen Moment schiebt Bigonzetti Duette zwischen Mann und Frau ein, deren Musik erst nach einer Weile einsetzt. An anderer Stelle verlangsamt die Gruppe ihren Bewegungsfluss und setzt ihn in Echtzeit parallel zum Tanz. John Cranko hat dieses Stilmittel bereits 1961 in „Romeo und Julia“ genutzt, um verschiedene Perspektiven gleichzeitig für den Betrachter zugänglich zu machen, quasi ein Aufbrechen des linearen Erzählens zugunsten auktorialen Arbeitens. Bei Bigonzetti entsteht so in der Fantasie des Betrachters ein zunehmend komplexer werdendes, überdimensionales Erinnerungsbild an Tänze aus fernen Zeiten, die dem Bühnentanz heute wie tief verborgene archäologische Schichten zugrunde liegen.

Veröffentlicht am 13.12.2016, von Alexandra Karabelas in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1363 mal angesehen.



Kommentare zu "Lob für die getane Arbeit"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DER NUSSKNACKER IN UNS SELBST

    In Nürnberg fordert Goyo Montero mit einer Neuinterpretation des „Nussknacker“-Stoffes heraus

    Veröffentlicht am 13.12.2011, von Alexandra Karabelas


    EIN DON JUAN, DER ROCKT

    Der neue Coup des Nürnberger Ballettchefs Goyo Montero

    Veröffentlicht am 29.07.2012, von Alexandra Karabelas


    ZU VIEL GEREDET

    Goyo Monteros Faust-Version

    Veröffentlicht am 11.12.2012, von Alexandra Karabelas


    VERTRAGSVERLÄNGERUNG FÜR GOYO MONTERO

    Goyo Montero Ballettdirektor und Chefchoreograf bleibt bis Sommer 2018 am Staatstheater Nürnberg

    Bis zum Sommer 2018 wird Goyo Montero Ballettdirektor und Chefchoreograf am Staatstheater Nürnberg bleiben. Der Stiftungsrat hat jetzt einer entsprechenden Vertragsverlängerung zugestimmt.

    Artikel aus Nürnberg vom 22.01.2013


    CRESCENDO DER GEFÜHLE

    Schwedischer Premieren-Abend feiert mit Eks " A sort of..." und Ingers "Walking Mad" in Nürnberg großen Erfolg

    Veröffentlicht am 23.04.2012, von Anke Hellmann


    GOYO MONTERO MACHT GOYA UND BEETHOVEN ZUM AUSGANGSPUNKT SEINES NEUEN BALLETTS

    Tanzpremiere «El sueño de la razón»

    Veröffentlicht am 30.06.2010, von Alexandra Karabelas


    MUSIKALISCHER HÖRGENUSS UND BRACHIALE BILDGEWALTEN

    Der Nürnberger Ballettchef Goyo Montero setzt den beliebten Ballettklassiker und Märchenstoff in neuem Outfit und mit dramaturgischer Raffinesse um

    Anhand des Märchens zeichnet Choreograf Montero ein unverblümtes Bild der Menschheit.

    Veröffentlicht am 23.12.2013, von Anke Hellmann


    HOHE ÄSTHETIK

    Nacho Duato und Goyo Montero im Nürnberger Ballettabend "Melancholia"

    Die Renaissance-Ästhetik der Musik wird sehr reizvoll mit sportiver Körperkunst von heute verknüpft.

    Veröffentlicht am 27.04.2014, von Marieluise Jeitschko


    NEULAND UND EROBERTES LAND

    „das siebte blau“ am Staatstheater Nürnberg

    In seinem dreiteiligen Ballettabend „Kammertanz“ hat Goyo Montero es nicht nur geschafft Christian Spuks „das siebte blau“ nach Nürnberg zu holen, sondern präsentiert neben einer eigenen Uraufführung auch noch einen Forsythe.

    Veröffentlicht am 11.05.2016, von Alexandra Karabelas


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    APPELL FÜR MEHR MENSCHLICHKEIT

    James Wilton choreografiert "Hold On" in Münster
    Veröffentlicht am 24.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    GROßE THEMEN, GROßE BILDER, GRANDIOSER TANZ

    Mit „New Creations“ bricht die Dresden Frankfurt Dance Company auf zu neuen Ufern
    Veröffentlicht am 22.02.2018, von Boris Michael Gruhl


    „THINK PINK“ IM ROSAROTEN ZAUBERWALD

    „Bullshit“ von Nadav Zelner für Gauthier Dance wird bei der Premiere im Stuttgarter Theaterhaus gefeiert
    Veröffentlicht am 21.02.2018, von Boris Michael Gruhl



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ROMEO UND JULIA

    Ballettpremiere von Bridget Breiner am 17.02. am Opernhaus im Revier

    Nach „The Tragedies of Othello“ und „Prosperos Insel“ widmet sich Ballettdirektorin Bridget Breiner bereits zum dritten Mal einem Stoff des englischen Dichterfürsten.

    Veröffentlicht am 05.02.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    VIELSEITIGES KÖNNEN

    Das „Bottaini Merlo International Center of Arts“ in München zeigte seine jährliche Gala im KUBIZ Unterhaching
    Veröffentlicht am 22.01.2018, von Karl-Peter Fürst


    FREESTYLE HAPPENINGS

    Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EISHOCKEY MEETS NEOKLASSIK

    Wieder Shakespeare beim Ballett Im Revier in Gelsenkirchen: Bridget Breiners „Romeo und Julia“

    Veröffentlicht am 18.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    BRILLANT GETANZTES ERZÄHLBALLETT

    „Don Quixote“ von Victor Ullate wird an der Deutschen Oper Berlin bejubelt

    Veröffentlicht am 20.02.2018, von Michaela.Schabel


    SCHLACHTFELD DER GEFÜHLE

    Das Tanztheater des Staatstheaters Braunschweig zeigt Gregor Zölligs Uraufführung „Heimatabend“

    Veröffentlicht am 18.02.2018, von Kirsten Poetzke


    INGO DIEHL NEUER PRÄSIDENT DER HESSISCHEN THEATERAKADEMIE

    Wechsel an der Spitze des Theater- und Studiengangnetzwerks

    Veröffentlicht am 20.02.2018, von Pressetext


    IN GOLD GETAUCHT, AUS GEWALT GESCHLÜPFT

    Die Uraufführung des Tanzabends „BilderRausch: Klimt.Bacon“ mit herausfordernden Choreografien von Yuki Mori und Felix Landerer in Regensburg überzeugte in jeder Hinsicht.

    Veröffentlicht am 20.02.2018, von Michael Scheiner



    BEI UNS IM SHOP