HOMEPAGE



Wien

BERAUSCHENDE NUREJEW-NOSTALGIE

Das Wiener Staatsballett tanzt „Raymonda“ von Rudolf Nurejew in der Einstudierung von Manuel Legris und Jean Guizerix



Die Kreuzrittergeschichte verlangt tänzerische Bravour, stilistische Differenziertheit aber auch Rollenspiel.


  • "Raymonda" von Rudolf Nurejew; Jakob Feyferlik Foto © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
  • "Raymonda" von Rudolf Nurejew; Jakob Feyferlik Foto © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
  • "Raymonda" von Rudolf Nurejew; Natascha Mair, Richard Szabo, Nina Polakova, Masayu Kimoto und Nina Tonoli Foto © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
  • "Raymonda" von Rudolf Nurejew; Nina Polakova und Jakob Feyferlik Foto © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
  • "Raymonda" von Rudolf Nurejew; Nina Polakova und Davide Dato Foto © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Rudolf Nurejew hat es glänzend verstanden, eine Ballettwelt nach der Erfahrung russisch-sowjetischer Tradition zu entwerfen, die westliche Connaisseurs gleichzeitig aufregte und begeisterte. In erster Linie aber forderte sich der Star in seinen Inszenierungen selbst heraus und schuf komplizierte Schrittfolgen, die für jeden nachfolgenden Tänzer nahezu uneinholbar waren und sind. Der Eiserne Vorhang hatte noch Bestand. Das, was sich dahinter an Neuinterpretationen aus dem Vermächtnis des zaristischen Choreografen Marius Petipa verbarg, erschien oftmals steril. Politische Emigranten wie Natalia Makarova und Michail Baryschnikov, in erster Linie aber Nurejew präsentierten nicht nur sich selbst als Beispiel einer stilistisch legendären Schulung, sie brachten auch die passenden inszenatorischen Vehikel in lustvoll eigener, kulinarischer Adaption mit: Synonyme für tänzerisch größten Anspruch, Augenweide für den Zuschauer, oftmals auch Kassenerfolge. Die Ballettwelt der 1970er und 1980er Jahre kam ohne sie nicht aus und prägte mindestens eine Tänzer-und Zuschauergeneration.

Mehr als zwanzig Jahre nach Nurejews Ableben, hält das eine und andere Opernhaus noch an seinen Produktionen fest. Das Wiener Staatsballett, seit 1964 mit Nurejew-Produktionen betraut, hat unter der Leitung von Manuel Legris den Namen des exzentrischen Künstlers zur Marke erklärt und bringt regelmäßig seine Werke in neuen Einstudierungen heraus. Nun also vorweihnachtlich die an der Fantasie des späten 19. Jahrhunderts orientierte Schauergeschichte aus der Ecke der Kreuzritter um das französische Edelfräulein Raymonda, das nicht von Abderachman, einem sarazenischen Fürsten abgeworben, sondern ihrem strahlenden Ritter Jean de Brienne zugeführt wird. Leitbild ist Petipas überlieferte Choreografie (1898, St. Petersburg) zur stimmungsvollen und temperamentvollen Musik von Alexander Glasunow, die am Premierenabend von Kevin Rhodes mit extremen Tempiunterschieden dirigiert wird. Und in der Nachgestaltung von Nurejew, in Wien seit 1985 im Repertoire, durchaus ein Abbild der eskapistischen 80er Jahre des 20. Jahrhunderts ist, als Zeit und Geld und Tanz in seinen Produktionen mit der Ausstattung von Nicholas Georgiadis in Überfülle eingesetzt scheinen.

Die Kreuzrittergeschichte ist Folie für ein rund dreistündiges Tanzfest, das großes Ensemble mit zahlreichen solistischen Rollen beschäftigt und vor allem von der Titelheldin Bravour und stilistische Differenziertheit aber auch Rollenspiel verlangt. Legris legt, wie auch in seiner eigenen „Le Corsaire“-Produktion in der vergangenen Spielzeit, in erster Linie Wert auf eine möglichst exakte Ausführung der anspruchsvollen Tänze. Aufgrund von Schwangerschaften und Verletzungen kam nun Nina Polakova in den Genuss des Raymonda-Studiums und bewältigt die Partie im Dauereinsatz mit staunenswertem Durchhaltevermögen und stilistischem Willen. Jakob Feyferlik, der junge aufstrebende Danseur noble des Ensembles, dreht und springt wacker den Nurejewschen Beintiraden nach und gewinnt letztlich durch seine Elastizität und sympathische Ausstrahlung. Ganz aus der physischen Kraft heraus legt Davide Dato den Abderachman an und vergisst dabei, dass es nicht nur um Muskeln, sondern auch um sinnliche Verführung geht. Als geradezu bestechend erweist sich das Stilgefühl von Oxana Kiyanenko in der Rolle der Gräfin Sibylle. Mit Natascha Mair, Nina Tonoli, Masayu Kimoto und Richard Szabo treten junge Kräfte in teils eigenwilliger tänzerisch-musikalischer Phrasierung auf. Wie man überhaupt den Eindruck gewinnen kann, dass an der Bewusstheit der Bedeutung von Schritt- und Gestenmaterial wohl noch weiter gearbeitet wird. Die Nurejew-Nostalgie ließe sich möglicherweise so noch hautnäher erspüren.

Info: www.wiener-staatsballett.at

Veröffentlicht am 23.12.2016, von Andrea Amort in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 1219 mal angesehen.



Kommentare zu "Berauschende Nurejew-Nostalgie"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    RUDOLF NUREJEW ZU EHREN

    Tanzstars aus aller Welt zu Gast im Pariser Palais des Congrès

    Rudolf Nurejew wäre dieses Jahr 75 Jahre alt geworden. David Makhateli und Nurejews langjähriger Freund und Kollege Charles Jude stellten deshalb für eine große internationale Gala im Palais des Congrès ein sehr abwechslungsreiches Programm zusammen.

    Veröffentlicht am 04.06.2013, von Julia Bührle


    DERZEIT EINE NUMMER ZU GROß

    Nurejews Wiener "Schwanensee" von 1964 neu einstudiert

    Bekannt ist, dass Manuel Legris tänzerisch viel von Nurejew profitiert hat. Dass dieses Vermögen nicht gleichzusetzen ist, mit der Bewältigung der Einstudierung von großformatigen Inszenierungen verwundert nicht.

    Veröffentlicht am 18.03.2014, von Andrea Amort


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    RICHARD SIEGAL / BALLET OF DIFFERENCE

    On Body - Choreographien von Richard Siegal am 22.2.2018 am Schauspiel Köln
    Veröffentlicht am 18.12.2017, von Anzeige


    VON DER VERGÄNGLICHKEIT ALLEN LEBENS

    Eine Uraufführung von Adriana Hölszky und Martin Schläpfer: „Roses of Shadow“ in Düsseldorf
    Veröffentlicht am 17.12.2017, von Marieluise Jeitschko


    ZWISCHEN DREHWURM UND DOPPELTSEHEN

    Isabelle Schad feiert mit „Double Portrait“ und „Turning Solo“ Premiere im HAU 3 in Berlin
    Veröffentlicht am 17.12.2017, von Maria Katharina Schmidt



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    HOME SWEET HOME (UA)

    Premiere am 18. November 2017 im emma-theater in Osnabrück

    In Mauro de Candias HOME SWEET HOME, inspiriert von Franz Kafkas BRIEF AN DEN VATER, ereignet sich genau das: Erinnerung, Traum und Wirklichkeit begegnen sich im eigenen Heim.

    Veröffentlicht am 27.10.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EIN KLASSIKER – AUFS FEINSTE HERAUSGEPUTZT

    „Don Quixote“ in der Nurejew-Fassung beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 11.12.2017, von Annette Bopp


    BEATE VOLLACK WIRD NEUE BALLETTDIREKTORIN DER OPER GRAZ

    Mit dem Beginn der Spielzeit 2018/19 tritt sie ihre neue Position an

    Veröffentlicht am 12.12.2017, von Pressetext


    AUF DEN HUND GEKOMMEN

    Mit „Dürer´s Dog“ kreiert Goyo Montero am Staatstheater Nürnberg eines seiner schönsten Ballette

    Veröffentlicht am 11.12.2017, von Alexandra Karabelas


    WAS DER KÖRPER MÖGLICH MACHT

    Mit „Old, New, Borrowed, Blue“ verheiratet das Ballett im Revier Gelsenkirchen eine bunte Mischung von Choreografien miteinander

    Veröffentlicht am 10.12.2017, von Boris Michael Gruhl


    BALLETT AM RHEIN-TÄNZERIN ERHÄLT FÖRDERPREIS

    Ann-Kathrin Adam wird ausgezeichnet

    Veröffentlicht am 12.12.2017, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP