HOMEPAGE



Münster

„ICH WERDE DICH NIE BELÜGEN“

Gustavo Ramirez Sansano mit „Recortes“ zu Gast in Münster



Sansanos Dramaturgie vom einsamen Einzelnen zur großen, fröhlichen Gruppe baut sich spannungsreich konsequent wie ein Crescendo auf.


  • "Recontes" von Gustavo Ramirez Sansano Foto © Oliver Berg
  • "Recontes" von Gustavo Ramirez Sansano Foto © Oliver Berg
  • "Recontes" von Gustavo Ramirez Sansano Foto © Oliver Berg
  • "Recontes" von Gustavo Ramirez Sansano Foto © Oliver Berg

Verschwommen tauchen schwarze Gestalten im allmählich heller werdenden Raum auf. Zehn Tänzer sitzen vorn an der Rampe mit dem Rücken zum Publikum. In der Mitte der Tanzfläche erhebt sich ein weiterer, dreht und windet sich, spreizt die Finger, blickt scheinbar mehr in sich hinein als zu den anderen hin. Nach und nach stehen diese auf, gehen gemessenen Schritts - gelangweilt womöglich - nach hinten oder zu den Seiten ab.

Zum getanzten Dialog findet sich ein zweiter Mann wieder ein. Rechts bewegt danach eine Tänzerin einen Teil der schwarzen Wand in den Raum hinein. Die Innenseite ist strahlend, fast blendend weiß, durchbrochen von einer türgroßen Öffnung und einer geschlossenen schwarzen Tür. Das durchweg schwarz-weiße Szenario im Ambiente aus mobilen Wandteilen (Ausstattung: Luis Crespo), die den Raum mit größter Effizienz und Eleganz immer wieder überraschend verändern, setzt sich aus abstrakten Duetten, Soli und kleinen Gruppierungen zusammen. Witzig ist vor allem ein Quartett, in dem der Gesellschaftstanz zweier Paare sich auflöst und sich alle zum buckligen Berg türmen.

Dass es um erinnerte Paarbeziehungen geht, ist natürlich nicht neu. Früher einmal, schreiben die Tanzenden gegen Ende des einstündigen Stücks in ihrer jeweiligen Muttersprache auf die weiße Wand, hatten sie dem oder der Geliebten geschworen „Ich werde dich nie belügen“. Dass sich nicht alle dran gehalten haben, darf vermutet werden. Bemerkenswert sind die bizarr kafkaeske Körpersprache und die Tempi. Immer wieder verharren die Tanzenden, als stehe eine Filmspule plötzlich still. Scherenschnittartige Tableaux entstehen so. Präzision und Geschmeidigkeit des Ensembles sind frappant, besonders auffallend immer wieder, wollte man denn überhaupt einzelne hervorheben, Mirko De Campi und Keelan Whitmore, Elizabeth Towles und Melanie López López.

War anfangs klassische, teils akustisch verfremdete Klaviermusik zu hören - Kostproben etwa aus einem Schubert-Quintett für Streicher und Piano oder eine Bach-Invention - schnulzt gegen Ende der einstündigen Choreografie des Spaniers im heiteren Finale, als alle weiß gekleidet sind und sich mit schwarzen Stiften karnevalistische Muster auf die Blusen malen, Elvis Presley „Love me tender, love me sweet - let me never go“.

Sansano hat „Recortes“ (Erinnerungen) aus Teilen früherer Choreografien ‚gebastelt’. Thematischer Stichwortgeber für das neue Stück war der argentinische Mitgründer des magischen Realismus' Jorge Luis Borges mit seiner These: „Wir sind unsere Erinnerungen. Wir sind dieses schimärische Museum wechselnder Formen, ein Gebilde zerbrochener Spiegel“. Sansanos Dramaturgie vom einsamen Einzelnen zur fröhlichen Gruppe baut sich spannungsreich konsequent wie ein Crescendo auf.

Veröffentlicht am 14.01.2017, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Gallery, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 830 mal angesehen.



Kommentare zu "„Ich werde dich nie belügen“"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    HEUSCHRECKEN ALS LEICHTE SOMMERKOST

    Das Tanztheater München lädt zu düsteren „Körpersprachen III“

    Veröffentlicht am 11.07.2010, von Isabel Winklbauer


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    2. "DANCE & CREATIVE WELLNESS" FORUM

    Ein Zusammentreffen von Vertretern der Tanz- und Gesundheitsbranche
    Veröffentlicht am 29.03.2017, von Anzeige


    LEBENSFROH

    Pick bloggt über das Gastspiel der São Paulo Companhia de Dança in Köln
    Veröffentlicht am 29.03.2017, von Günter Pick


    THE RITE OF SPRING

    Ein Tanztheaterstück von Johannes Wieland am Staatstheater Kassel
    Veröffentlicht am 28.03.2017, von Anzeige



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DER KARTENVORVERKAUF FÜR DANCE 2017 BEGINNT!

    Die Stadt München verlängert den Vertrag mit Festivalchefin Nina Hümpel bis 2019

    Der Kartenvorverkauf für Münchens internationales Tanzfestival DANCE hat begonnen: Vom 11. bis 21. Mai wird die Landeshauptstadt wieder zur Bühne für den zeitgenössischen Tanz.

    Veröffentlicht am 15.03.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    IM HIER UND JETZT

    Die Staatliche Ballettschule Berlin begeistert mit „The Contemporaries, Volume 2“

    Veröffentlicht am 17.03.2017, von Volkmar Draeger


    „DIE BRAUTSCHMINKERIN“

    Mei Hong Lins neues Tanztheater frei nach Motiven von Li Ang am Landestheater Linz

    Veröffentlicht am 01.03.2017, von Marieluise Jeitschko


    JOHANNES ÖHMAN ÜBERNIMMT VORZEITIG INTENDANZ DES STAATSBALLETTS BERLIN

    Nacho Duato beendet sein Engagement am Staatsballett schon im Sommer diesen Jahres

    Veröffentlicht am 18.03.2017, von Pressetext


    DER TOD IST EIN MEISTER DES TANZES

    „Orfeus“ von Les Ballets Bubeníček in Hellerau

    Veröffentlicht am 05.03.2017, von Boris Michael Gruhl


    BRIDGET BREINER WAGT GROßES - UND GEWINNT

    „The Vital Unrest“ beim Ballett im Revier

    Veröffentlicht am 26.03.2017, von Marieluise Jeitschko



    BEI UNS IM SHOP