HOMEPAGE



München

SEHNSUCHT UND VERFALL

Alexander Wenzlik mit dem Solostück „Sirene“ im HochX München



Griechische Mythologie mit japanischem Butoh-Tanz vereint: Die Sirene im hinteren Teil der Bühne blinkt und will verführen, während unser Blick auf Alexander Wenzliks unbedecktem Rücken haften bleibt.


  • Alexander Wenzlik mit "Sirene" im HochX München Foto © Sebastian Korp
  • Alexander Wenzlik mit "Sirene" im HochX München Foto © Sebastian Korp
  • Alexander Wenzlik mit "Sirene" im HochX München Foto © Sebastian Korp

Thema von Alexander Wenzliks Solostück ist der griechische Mythos der Sirenen, die jeden ins Verdeben ziehen, der sich ihrem schönen Gesang hingibt. Odysseus hat es als einziger geschafft, sie zu überlisten, in dem er sich Wachs in die Ohren stopfte. Franz Kafka hat darüber die Kurzgeschichte „Das Schweigen der Sirene“ verfasst, in der die Anziehung umgedreht wird. Indem sich Odysseus ihrer Verlockung entzieht, verfallen sie ihm. Ein Spiel von Faszination und Abscheu, Macht und Unterwerfung; sich gegenseitig beeinflussend und verlangend, widersprüchlich und doch komplementär.

Die Sirene im hinteren Teil der Bühne blinkt und will verführen, während unser Blick auf Alexander Wenzliks unbedecktem Rücken haften bleibt. Dieser wird angespannt und zittert unmerklich unter dem feinen, seidenen Stoff des Kostüms, das trotz der Durchsichtigkeit äußerst viel verhüllt. Sein Körper ist - wie im Butoh -komplett weiß bemalt. Im Spiel mit Licht und Schatten wird Tanz zu einer Körperstudie, über die sich Medizinstudenten beim Lernen gefreut hätten. Wenzlik bleibt beherrscht ob der stärker werdenden Anziehung, entfernt sich langsam vom Objekt der Begierde und wird so für das Publikum selbst zu einem. Er hinterlässt dabei weiße (Fuß-)Spuren auf dem schwarzen Bühnenboden. Die sind akkurat und geradlinig; bis er sich seiner Sehnsucht hingibt, das Ersehnte sucht oder eben selbst verführen will. Geschmeidig tanzt er, verwischt die Spuren auf dem Boden. Sein Tanz, also sein Körper, ist dabei zeitweise so ruhig, dass ein kleiner Finger mehr erzählt als tausend Worte und an jener Stelle geballte Emotionen vibrieren. Animalisch wird es, wenn er kriecht oder sich wie ein Insekt bewegt. Dann singt die Sirene nicht mehr, dann hat sich der Abgrund, das Verderben aufgetan.

Das alles wirkt durch die Aspekte des Butoh noch bedrohlicher, die perfekt passen für die Darstellung dieser Sehnsucht, Täuschung und des Verfalls durch Hingabe. Eine dem Butoh eigene und geschlechtslose embryonale Haltung wird gegen Ende des Tanzes eingenommen. Die Flatterklamotten fallen weg, doch der haarlose Körper ist dadurch trotzdem nicht eindeutiger zu gendern. Butoh thematisiert nicht nur das Anfangsstadium des Lebens, sondern auch das Ende und die weiße Farbe verstärkt Unschuld oder Zerfall. Zwei Punkte in der Entwicklung, die ähnlicher (Haltung, Haut) und unterschiedlicher (Wissen, Können) nicht sein könnten. Jegliche thematische Dichotomien trägt Butoh-Tanz in sich, betont das Schöne wie Hässliche, das Gute wie das Böse. Der in den 1950er Jahren in Japan entstandene Tanz will Verdrängtes zum Vorschein bringen, ist rein intuitiv und somit ein Seelentanz. Dem Körper wird freier Lauf gelassen, das Innerste nach Außen getragen. Das kann sehr gruselig werden, wenn der Tänzer grunzt, verstört und verstörend schielt und die roten Augenränder sowie das Innere des Mundes durch das Weiß der Haut noch bedrohlicher wirken.

Nach über einer Stunde anstrengender, sehnsüchtiger und suchender Körperkunst dann Stille und Dunkelheit. Der weckende Applaus ist erlösend, die kathartische Wirkung, die der Butoh bei Tänzer und Publikum erzeugen will, ist geschehen. Der kleine Finger ist wieder Teil des Körpers und mit dem Gedanken an seine eigene Sirene geht man berauscht nach Hause.

Veröffentlicht am 24.01.2017, von Natalie Broschat in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1627 mal angesehen.



Kommentare zu "Sehnsucht und Verfall"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    MUSIKALISCH EINGEDAMPFT UND SZENISCH ABSTRAKT

    Simone Sandronis "Romeo und Julia" in Bielefeld
    Veröffentlicht am 21.10.2017, von Marieluise Jeitschko


    ZWISCHEN LUSTGEWINN UND EINSAMKEIT

    Meg Stuarts „Until Our Hearts Stop“ spaltet im HAU 2
    Veröffentlicht am 21.10.2017, von Volkmar Draeger


    SZENEN UMS PLÜSCHSOFA IM WIGWAM

    Jochen Rollers matte „Blutsbrüder“ in den Sophiensaelen
    Veröffentlicht am 21.10.2017, von Volkmar Draeger



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    NOETIC & ICON

    Sidi Larbi Cherkaoui präsentiert zwei Werke am 21. und 22.10.2017 zur Eröffnung der Festspiele Ludwigshafen

    Noetic thematisiert das menschliche Bedürfnis nach Strukturen und die damit einhergehenden Grenzüberschreitungen.

    Veröffentlicht am 12.10.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHUHWERK FÜR TÄNZER

    James Dyson Award für neuartigen Ballett-Spitzenschuh

    Veröffentlicht am 09.10.2017, von Pressetext


    VON JETZT AN WIRD GETANZT

    Eröffnung der Mannheim Trinitatiskirche nach dem Umbau zum EinTanzHaus

    Veröffentlicht am 01.10.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    I PLAY D(E)AD

    Eine Solo-Tanzperformance von Wagner Moreira

    Veröffentlicht am 27.09.2017, von Gastautor


    DANCE THRILLER

    Gonzalo Galguera präsentiert mit dem Ballett Magdeburg die Uraufführung „America Noir“

    Veröffentlicht am 02.10.2017, von Herbert Henning



    BEI UNS IM SHOP