HOMEPAGE



Hamburg

WEHMÜTIGES ERINNERN

Das Tanztheater Wuppertal mit "Viktor" in Hamburg



Vier Vorstellungen gab es, viermal waren sie bis auf den letzten Platz ausverkauft: Pina Bauschs „Viktor“ und das Tanztheater Wuppertal haben auch 30 Jahre nach der Uraufführung nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt.


  • Das Tanztheater Wuppertal mit Pina Bauschs "Viktor" in Hamburg Foto © Oliver Look
  • Das Tanztheater Wuppertal mit Pina Bauschs "Viktor" in Hamburg Foto © Marten Vanden Abeele
  • Das Tanztheater Wuppertal mit Pina Bauschs "Viktor" in Hamburg Foto © Laszlo Szito
  • Das Tanztheater Wuppertal mit Pina Bauschs "Viktor" in Hamburg Foto © Jochen Viehoff
  • Das Tanztheater Wuppertal mit Pina Bauschs "Viktor" in Hamburg Foto © Laszlo Szito
  • Das Tanztheater Wuppertal mit Pina Bauschs "Viktor" in Hamburg Foto © Marten Vanden Abeele

Vier Vorstellungen gab es, viermal waren sie bis auf den letzten Platz ausverkauft: Pina Bauschs „Viktor“ und das Tanztheater Wuppertal haben auch 30 Jahre nach der Uraufführung nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt. Es hätten gern auch noch fünf weitere Vorstellungen geben können. Dies umso mehr, als – man glaubt es kaum – das Stück zum ersten Mal in Hamburg gezeigt wurde. (Daneben war das Tanztheater Wuppertal 2000 mit "Nelken" im Hamburger Schauspielhaus und 2002 bzw. 2011 mit "Kontakthof" in den Versionen für Damen und Herren ab 65 sowie mit Teenagern ab 14 auf Kampnagel.)

Einmal mehr zeigte „Viktor“ augenfällig, wie prägend Pina Bauschs Schaffen für den modernen Tanz war – und bis heute noch ist. Und welche Meisterin des dramaturgischen Aufbaus sie war, wie sie ein Stück komponiert hat aus vielen kleinen Episoden, die sich auf wundersame Art zu einem großen Ganzen vereinen. Es ist ein Stück voller Witz und Humor, voller Skurrilitäten, aber auch voller Ernsthaftigkeit. Denn bei aller Leichtfüßigkeit hat es doch einen ganz enormen Tiefgang.

„Viktor“, das sind Spotlights aus dem Rom der 1980er Jahre, wo Pina Bausch und ihre Truppe mitsamt Bühnenbildner Peter Pabst mehrere Wochen zu Gast war, um Eindrücke zu sammeln, was sich erkennbar im Stück wiederfindet. Vieles erinnert an italienische Straßen- und Familienszenen. Und was immer Peter Pabst dazu getrieben hat, die Bühne mit einem mehrere Meter hohen Torferdewall zu umgeben – dieses Ungetüm gibt dem Kommen und Gehen der 27 TänzerInnen und 27 Statisten (alles Herren im Anzug) auf der Bühne einen wuchtigen Rahmen, höhlenähnlich und doch offen genug, damit sich das Treiben entfalten kann. Vieles bleibt schemenhaft, verrätselt, manches erscheint surreal – zum Beispiel die beiden Schafe, die am Strick auf die Bühne geführt werden, die drei Schoßhündchen als Objekte einer Versteigerung. Es ist ein buntes Sammelsurium von Lebensimpressionen, die sich hier innerhalb von drei Stunden entfalten und in keiner Minute ermüdend, langweilig oder abgegriffen wirken.

Eine der schönsten Szenen hat Pina Bausch kurz vor Schluss eingebaut: die Frauen kommen in Ballkleidern und schwingen an von der Decke herabgelassenen Turnerringen in großen Schwüngen über die gesamte Bühne, angestoßen und behutsam wieder auf dem Boden abgesetzt von einem der Tänzer. Großartig ihre rhythmischen Ensembles – wenn die Tänzer in Formation mit weit ausholenden Armbewegungen über die Bühne gleiten. Oder wenn eine der Tänzerinnen auf dem Boden sitzend langsam auf der Mittellinie nach vorne rutscht, den Oberkörper und die Arme dabei rhythmisch nach vorne und zur Seite schwingend, dass die langen roten Haare nur so fliegen.

Höchst unterhaltsam auch die Musikzusammenstellung – überwiegend Volksmusik aus italienischen Regionen, aber auch Tschaikowsky, Buxtehude, Dvorak, russische Walzer und Tanzmusik der 1930er Jahre. Immer wieder ergänzt durch das Rascheln und Rieseln des Torfs, das ein Mann vom Erdwall herunterschippt, langsam von ganz links nach ganz rechts auf der Oberseite entlangwandernd.

„Viktor“ – das ist ein wehmütiges Erinnern an die Meisterschaft einer großartigen Choreografin. Mehr davon, bitte.

Veröffentlicht am 31.01.2017, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1367 mal angesehen.



Kommentare zu "Wehmütiges Erinnern"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    FÜR PINA: "ADDIO ADDIO AMORE".

    Atelier-Abend auf Pact-Zollverein mit Bausch-Tänzern

    Auf dem "Atelier Spezial" präsentieren Mitglieder des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch ihre choreografischen Werke

    Veröffentlicht am 17.05.2013, von Marieluise Jeitschko


    SINN FÜR DAS LUFTIGE

    "Schönheit wagen - Tanzkleider von Marion Cito, 1980-2009"

    Was Marion Citos Kostüme für Pina Bauschs Stücke mit den Tänzern tun, unterstreicht der opulente Bildband "Schönheit wagen - Tanzkleider von Marion Cito, 1980-2009".

    Veröffentlicht am 03.02.2015, von Marieluise Jeitschko


     

    LEUTE AKTUELL


    TOM SCHILLING ZUM 90.

    Plädoyer für den tanzenden Menschen
    Veröffentlicht am 19.01.2018, von Karin Schmidt-Feister


    ARBEITEN WIE EIN KRAFTWERK

    Goyo Montero im Gespräch
    Veröffentlicht am 01.12.2017, von Alexandra Karabelas


    "TANZ DER MENSCHLICHKEIT"

    Nestroy Spezialpreis für Doris Uhlich und Michael Turinsky mit "Ravemachine"
    Veröffentlicht am 17.11.2017, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    OLD, NEW, BORROWED, BLUE

    Ballett-Premiere am Samstag, den 25.11.2017 um 19.30 Uhr auf der Bühne des Großen Hauses am Musiktheater im Revier

    „Something old, something new, something borrowed, something blue…und ein silberner Sixpence im Spitzenschuh…“, könnte man den Titel des neuen Ballettabends weiterdichten.

    Veröffentlicht am 08.11.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    GLEICHNISHAFTE BILDER VOM MISSBEHAGEN AN DIESER WELT

    Das Cullbergbaletten zeigt Jefta van Dinthers „Protagonist“ im HAU Berlin
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Volkmar Draeger

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    HERZENSANGELEGENHEIT

    Mit dem Abend „Dancing Souls“ stellt sich Alfonso Palencia als Ballettdirektor in Hagen vor

    Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marieluise Jeitschko


    GRENZENLOSE GRENZEN

    Die Uraufführung von Jessica Nupens „Don’t trust the border“ in der Hamburger Kampnagelfabrik begeistert mit unbändiger Fantasie und Kreativität

    Veröffentlicht am 18.01.2018, von Annette Bopp


    FREESTYLE HAPPENINGS

    Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München

    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar


    FRIVOL FRANZÖSISCH

    Les Ballets de Monte-Carlo: „La Mégère apprivoisée“ von Jean-Christophe Maillot

    Veröffentlicht am 12.01.2018, von Hartmut Regitz


    FEUER, WASSER – UND ROCKENDE BIENEN

    Zwei Meisterwerke in Zürich: „Speak for Yourself“ von León/Lightfoot und „Emergence“ von Crystal Pite

    Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marlies Strech



    BEI UNS IM SHOP