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Stuttgart

VERFÜHRERISCHE MOMENTE

Ballettabend mit Choreografien von Kozielska, Cherkaoui, Goecke und Béjart



Premiere beim Stuttgarter Ballett: Wie eine Schachtel edelster Pralinen liegt der neue Abend mit vier Choreografien auf dem Tisch. Es ist dessen Titel, der zu dem Vergleich einlädt: „Verführung“.


  • „Verführung!“ am Stuttgarter Ballett: "Dark Glow" Foto © Stuttgarter Ballett
  • „Verführung!“ am Stuttgarter Ballett: "Le Spectre De La Rose“ Foto © Stuttgarter Ballett
  • „Verführung!“ am Stuttgarter Ballett: "Faun" Foto © Stuttgarter Ballett
  • „Verführung!“ am Stuttgarter Ballett: "Bolero" Foto © Carlos Quezada

Premiere beim Stuttgarter Ballett: Wie eine Schachtel edelster Pralinen liegt der neue Abend mit vier Choreografien auf dem Tisch. Es ist dessen Titel, der zu dem Vergleich einlädt: „Verführung“, ein Wort, das nach Werbeclip riecht, dem Anpreisen von Produkten aus der weiten Warenwelt unserer von den Gesetzen und Mechanismen der Wirtschaft durchgeprägten Welt – die Erotik eingeschlossen. Ambitionen stecken im Akt der Verführung. Der Appell an die Sinne erfolgt mit Absicht und geleitet von Zielen, um einen Gegenwert zu erhalten: Gefolgschaft, Körper, Sex, Geld, Genuss, Hingabe, aber vor allem - Aufmerksamkeit. Wie hart ist der Kampf, so gesehen, geworden, Ballett unters Volk zu bringen. Das Ereignis des hochgebildeten und – ausgebildeten tanzenden Menschen in einem geschlossenen Raum besitzt Seltenheitswert. Allein der Gang zum Theater gleicht einer Investition in etwas, das anders ist als jenes, das wir in unserer berührungsfernen und an Smartphones und Tablets angeschlossenen Welt leben: Sich für ein paar Stunden dem artifiziellen Vollzug kreierter Bewegungen in Raum und Zeit als Ausdruck von Seele und Welt und als Mittel der Kunst auszusetzen, gleicht einem archäologischen Akt. Im besten Fall gelingt dem Tanz dann das, was er kann: nicht nur durch Virtuosität und Stimmung zu begeistern, sondern auch Selbstbegegnung zu ermöglichen. Oder Spiegelflächen des Lebens draußen vor der Tür zu zeigen.

Gelungene Uraufführung von Katarzyna Kozielska

Letzteres gelingt Katarzyna Kozielska mit ihrer Uraufführung von „Dark Glow“, einem Ensemblestücke für 19 Tänzerinnen und Tänzer. Kozielska hat sich ziemlich entwickelt. 2011 machte die Halbsolistin der Noverre-Gesellschaft ihre Aufwartung. 2012 entstanden mehrere Kurzstücke für den Arbeitgeber. 2014 folgte schließlich der Sprung ins Große Haus mit einer Auftragsarbeit. „Dark Glow“ kann sich sehen lassen, auch wenn es noch nicht ganz rund ist. Das Spannende ist, dass es sowohl eine erzählende als auch eine abstrakte Kreation ist. Das erzählende Moment liegt in einer Dreieckskonstellation, getanzt von Alicia Amatriain als einsam und allein dastehender Frau, die auf ein Pärchen blickt, verkörpert von Elisa Badenes und Constantine Allen. Amatriains Figur ist auch die einzige, die Emotionen zeigt, während die anderen, wie auch das Ensemble, im gleichgültig-kühlen Gestus verhaftet bleiben, in dem sie das spezifische Vokabular ausführen, das Kozielska ihnen auferlegt hat: weite Spagate, hohe Passés, spitz nach vorne aufgestellte Füße, kombiniert mit Armbewegungen, die wie Fremdkörper wirken und dennoch eine hypnotische Wirkung nicht verfehlen: nach außen klappende Unterarme, plötzlich in die Luft wühlende Finger, geknickte Knie auf Spitze. Oft reist man hier in Gedanken zu Werken von Balanchine oder Robbins „The Cage“, vielleicht auch, weil das gesamte Ambiente einen gewissen Retrochick verströmt. Thomas Lempertz hat in diesem Zusammenhang ein grandioses Kostümbild entworfen: kurze Bodies in verschiedenen Pastelltönen, die am Oberkörper Bewegung zulassen, aber vor allem die typischen breiten Schulterschnitte aufweisen, wie man sie aus den 1980er Jahren kennt. Dass er keine Schulterpolster eingenäht hat, wundert fast.

Im zweiten Teil der Choreografie knöpfen zuerst Amatriain, dann nach und nach alle Ensemblemitglieder die Oberteile auf und verwandeln ihre Bodies in schwarze Hängerchen – Männlein wie Weiblein. Als Gruppe tanzen sie wie eine Armee einem Kasten mit grünen Scheinwerfern entgegen, der sich cool von der Bühnendecke schwingt. Hier fällt das Stück auseinander. Es hätte gereicht, Amatriain im fahlen Scheinwerferlicht verschwinden zu lassen. Das Stück hätte seine Rätselhaftigkeit bewahrt, die auch durch den gekonnten Umgang mit dem Ensemble aufgebaut worden war. Zuweilen gelang es Kozielska, das Stück auf vier gleichzeitig getanzte und im Raum miteinander kommunizierende Ebenen oder Stimmflächen aufzuteilen. So aber steuern die Zuschauer im zweiten Teil auf ein neues Narrativ zu, das Verschwinden des Einzelnen in der gleichgeschalteten Masse – ein richtiger Befund, wenn auch ein langweiliger. Fast vergessen: „Dark Glow“ folgt einer wunderbaren, kongenial zur Choreografie passenden Auftragskomposition aus Orchestermusik und elektronischen Klängen von Gabriel Prokofiev, dem Enkel Sergej Prokofiev. Auch das machte diese Premiere zu einem besonderen Ereignis.

Deutsche Erstaufführung von „Le Spectre De La Rose“ und ein grandioser Friedemann Vogel

Große Freude machte die deutsche Erstaufführung von „Le Spectre De La Rose“ von Hauschoreograf Marco Goecke aus dem Jahr 2009. Goeckes eigener Entwurf des legendären Stückes von Mikhail Fokine über den Traum eines Mädchens über das Lebendig werden einer Rose, die es beim Ball trug, zog auch jene Zuschauer in den Bann, die, so das Raunen in den Reihen, am Freitagabend wohl erstmals einen Goecke sahen. Die puristische Klarheit der Inszenierung, der fantastische Reichtum, der in ihr steckt, der komplexe Neuentwurf des klassischen Vokabulars, der Goecke seit mehr als zehn Jahren gelingt, fesselten ebenso wie die hohe Präsenz, Lebendigkeit und hoch beredte Eigentümlichkeit, die seine Tänzer in ihren Rollen entwickeln dürfen. Grandios verkörperte Adam Russel-Jones den Geist der Rose: ein hoch springendes, vor Energie berstendes, sympathisches Bündel, das immer wieder gegen die Grenzen seines eigenen Körpers anrennt, gepudert von einer mit Rosen übersäten Samthose. So ähnlich muss es Vaslav Nijinsky ergangen sein, der die 1911 die Uraufführung getanzt hatte. Agnes Su verkörperte daneben fast zurückhaltend das Mädchen. Goeckes ruckelnde, säbelnde, in die Luft schneidende und zappelnde Bewegungssprache vermählte sich zauberhaft mit der ruhigen Ausstrahlung der Asiatin.

Der Ballettabend schloss mit einer Aufführung von Maurice Ravels „Bolero“ in der meisterhaften Choreografie von Maurice Béjart. 1961 in Brüssel uraufgeführt, befindet sich das rituelle Stück seit 1984 im Repertoire des Stuttgarter Balletts. Auf den legendären runden roten Tisch, um den 36 Tänzer in schwarzer Hose und nacktem Oberkörper sitzen, durfte dieses Mal Weltstar Friedemann Vogel. Und er hatte sichtlich Spaß, das 17-minütige Exerzitium frontal mit Blick auf das Publikum auszuleben. Wie ein Magier vollzog er das interkulturell, oft an indische Tempeltänzer erinnernde Bewegungskonvolut der Arme, während sein Becken im Rhythmus der Komposition wippte und seine Füße federten.

Man muss stark sein, um dieses Stück zu tanzen. Es ist fast so, als ob sich der Tänzer dem Ritual unterwerfen, aber dann sich unter Aufrechterhaltung seiner Gesetzmäßigkeiten von ihm emanzipieren muss , um den Zuschauer zu verführen – da ist es wieder, das Wort des Abends. Vogel gelingt das von Anfang an herausragend. Manchmal geht er fast bis an die Grenze des Machbaren beim Ausspielen der erotischen Aspekte. Dementsprechend laut schreit das Publikum beim letzten Schlag auf.

Überflüssig: Sidi Larbi Cherkaouis "Faun" beim Stuttgarter Ballett

Vergessen hat man in diesem Moment fast das vierte Stück des Abends, das eigentlich als zweites die Bühne bevölkerte: Sidi Larbis Cherkaouis Interpretation von Claude Debussys „Nachmittag eines Fauns“. Ein Klassiker im modernen Ballettrepertoire des 20. Jahrhunderts. Schade, dass der hochgelobte Belgier nicht damit bzw. nicht mit dem Potenzial des Stuttgarter Balletts umgehen konnte. Wie schon in früheren Stücken erschrickt man, wie traditionell abbildend Cherkaoui mit seinen Sujets umgeht. Das Animalische habe ihn am Faun interessiert, schreibt er. Dann wiederum das Hybride an dessen Wesen. Viele Worte um was? Was ist schlussendlich zu sehen? Denkt man sich die einlullende Waldprojektion weg, zu der der Choreograf nicht einmal in seinem eigenen Stück kritisch Stellung bezieht, lässt er die arme Hyo-Jung Kang und Pablo von Sternenfeld wie Johnny Weißmüller mit fremder Jane auf dem Waldboden auf allen Vieren herumtanzen, bis sie sich immer mehr ineinander verknoten. Das Bewegungsvokabular wäre auf jedem Freie Szene-Tanzfestival ‚Out Door’ gut aufgehoben, und es hätte, wäre es der „Faun“, dort sogar noch eine Spannung. Als Besucher des Stuttgarter Balletts wundert man sich jedoch, und man fragt sich: Braucht es tatsächlich Cherkaoui, um sich dem Zeitgenössischen hin zu öffnen oder gar es irgendwie zu erlernen? Von was hat es sich hier verführen lassen? Die Autorin meint: nein.

Veröffentlicht am 05.02.2017, von Alexandra Karabelas in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

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