HOMEPAGE



Paris

POPPIGER PSYCHEDELIC-TRIP

Wayne McGregors „Tree of Codes“ an der Opéra de Paris



Die Tänzer, aus dem Pariser Opernballett und Wayne McGregors Kompanie, tanzen in gewohnter Perfektion. Choreografisch fehlt es dem 2015 in Manchester uraufgeführten Werk etwas an Spannung.


  • "Tree of Codes" von Wayne McGregor Foto © Little Shao / Opéra nationale de Paris
  • "Tree of Codes" von Wayne McGregor Foto © Little Shao / Opéra nationale de Paris
  • "Tree of Codes" von Wayne McGregor Foto © Little Shao / Opéra nationale de Paris
  • "Tree of Codes" von Wayne McGregor Foto © Little Shao / Opéra nationale de Paris
  • "Tree of Codes" von Wayne McGregor Foto © Little Shao / Opéra nationale de Paris

Es sind erstaunliche Op-Art-Effekte, die den Zuschauer bei der jüngsten Premiere des Pariser Opernballetts in den Bann schlagen. Der mit Licht- und Spiegelinstallationen berühmt gewordene dänische Künstler Olafur Eliasson schafft für Wayne McGregors Choreografie „Tree of Codes“ (Baum der Zeichensysteme) im ehrwürdigen Palais Garnier eine hochartifizielle Atmosphäre, die mit unseren Sinneswahrnehmungen spielt. Das passt gut zu McGregors Interesse an neuronalen Abläufen, die er mit seinen Tänzern körperlich darzustellen sucht.

Es beginnt im völligen Dunkeln, in dem sich Tänzer in schwarzen, mit kleinen Lämpchen bestickten Trikots bewegen. Die Lämpchen wirken so wie frei im Nichts schwebende Atome und Elektronen, die sich immer wieder neu konstituieren, verbinden und lösen. Später fassen die Tänzer im gleißenden Licht durch Trichterspiegel, als öffneten sie neue Räume. Vor einer Spiegelwand tanzen sie in Paaren oder Gruppen mit sich selbst – und auf den Köpfen des Publikums, das per Suchscheinwerfer beleuchtet und so auch in den Spiegel reflektiert wird. Später erreicht horizontales Vor- und Rückwärtskippen des Spiegels sogar die Ränge, so, dass die Tänzer nun scheinbar im Raum schwebend tanzen.

Die Bewegungen liegen stets sauber auf der etwas esoterikpopmäßig fließenden Musik, die der vor allem als Remixer angesagte Komponist Jamie xx (ja: Jamie xx) aus den durch einen Algorithmus in elektronische Melodien verwandelten Sätzen des Romans „Tree of Codes“ von Jonathan Safran Foer gewonnen haben will. Foer nun wiederum soll ihn durch Decollage eines Romans von Bruno Schulz erzeugt haben. Das liest sich wie die dritte Ableitung von x, klingt bei Jamie xx aber recht banal und erinnert durch McGregors klassisch basierte Ausdruckssprache dann zeitweise an Rock the Ballet. Vielfach die Hebungen, Drehungen, Anklänge an Pirouette, Arabeske, sogar Entrechats und Fouetté. Aber es fehlt oft an Spannung in den Beziehungen, bedenkt man wie großartig McGregor einst die „Anatomie de la Sensation“ eines Bacon in ästhetisch kühlen Räumen voller Leidenschaft sezierte.

Die Tänzer, teils aus McGregors, teils aus der Pariser Kompanie tanzen das in gewohnter Perfektion, nur die Musik bietet keine Reibung. So sind es Eliassons Installationen, die immer wieder zu schönen, manchmal verblüffenden, manchmal auch aufregenden Bildwirkungen führen und wenigstens optisch verunsichern. Da tanzt ein Paar vor der Spiegelwand, die gleichzeitig durchsichtig ist für das Tänzerpaar dahinter, so, dass das Paar im Spiegel quasi mit dem dahinter zu tanzen scheint, aber auch durch es durchlaufen kann, als wären es Gespenster. Der Effekt wird so weit in die Tiefe des Raumes gesteigert, dass man bald nicht mehr weiß, wer Spiegelbild, wer echt ist.

Stille Phasen mit zeitlupig gestreckten und bodennahen Bewegungen wechseln mit harten Rhythmen und flotten, wirbelnden Figuren, irgendwann drehen sich dazu Lichtkreise in bunten Farben über den ausgedrehten Scheiben einer Art Riesenfernglas, als wären wir auf einem poppigen Psychedelic-Trip. Vielleicht sind wir jetzt in der weitverzweigten, rauschenden Krone des „Tree of Codes“ angelangt. Die Musik jedenfalls leitet das Ende ein, geht wieder in den Klatschrhythmus über, aus dem sie gestartet war, und wird bald vom rasenden Applaus des Publikums übertönt. Ein etwas weniger glattlaufender Soundtrack hätte die künstlerische Abstraktion dieser fantastischen Op-Art erhöhen können.

Veröffentlicht am 10.02.2017, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 811 mal angesehen.



Kommentare zu "Poppiger Psychedelic-Trip"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    SPUCK, GOECKE UND MCGREGOR IM DREIGESPANN

    Das Ballett Zürich begeistert mit den Uraufführungen „Sonett“, „Deer Vision“ und „Kairos“

    Es war ein doppelt prominenter Anlass. Denn mit dem Programm „Notations“ – so der Sammeltitel für die drei oben genannten Kreationen – machte das Zürcher Ballett nicht nur dem Opernhaus, dem es angehört, alle Ehre, sondern es eröffnete damit auch das 14. Internationale Tanzfestival „Steps“..

    Veröffentlicht am 27.04.2014, von Marlies Strech


    ELEKTRISIERT UND ELEKTRISIEREND

    Random Dance mit Wayne McGregors „FAR“ beim Kampnagel-Sommerfestival

    Die Atmosphäre flirrig-geladen, die Bewegungssprache hochgradig dynamisiert und die Lichttechnik ausgeklügelt: Random Dance überzeugt tanznetz.de-Korrespondentin Annette Bopp.

    Veröffentlicht am 18.08.2013, von Annette Bopp


    OPFER DER TANZGLOBALISIERUNG

    Neue Ballette von Wayne McGregor und Jorma Elo

    Veröffentlicht am 09.07.2010, von Angela Reinhardt


    REFLEKTIONEN ZU DIAGHILEW

    "In the Spirit of Diaghilev" mit McGregor – Maliphant – Cherkaoui bei Movimentos

    Veröffentlicht am 25.05.2010, von Ulrich Völker


    JENSEITS ALLER SICHERHEITEN

    Wayne McGregor und Random Dance mit „FAR“ beim tanzmainz-Festival

    Wenn einmal das Superhirn der internationalen Tanzszene gekürt werden sollte, dann hätte der Brite Wayne McGregor gute Aussichten auf einen Spitzenplatz. Oft sucht er seine Inspirationen in ganz aktueller Wissenschaft wie etwa der Gehirnforschung.

    Veröffentlicht am 18.03.2015, von Isabelle von Neumann-Cosel


    IM HIER UND JETZT

    Die Staatliche Ballettschule Berlin begeistert mit „The Contemporaries, Volume 2“

    Wayne McGregor, Marco Goecke, dazu Mauro de Candia als aufgehender Stern und Gregor Seyffert als Crossover-Regisseur, sind ein beeindruckendes Choreografen-Quartett für diese Gala.

    Veröffentlicht am 17.03.2017, von Volkmar Draeger


    VERY BRITISH IN WIEN

    Das Staatsballett zeigt Kreationen von Kenneth MacMillan, Wayne McGregor und Frederick Ashton

    Ein klug disponierter Ballettabend, der auch etwas über die letzten 50 Jahre britischer Tanzgeschichte erzählt.

    Veröffentlicht am 07.11.2017, von Boris Michael Gruhl


     

    AKTUELLE NEWS


    BEATE VOLLACK WIRD NEUE BALLETTDIREKTORIN DER OPER GRAZ

    Mit dem Beginn der Spielzeit 2018/19 tritt sie ihre neue Position an
    Veröffentlicht am 12.12.2017, von Pressetext


    BALLETT AM RHEIN-TÄNZERIN ERHÄLT FÖRDERPREIS

    Ann-Kathrin Adam wird ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 12.12.2017, von Pressetext


    VORWÜRFE GEGEN PETER MARTINS

    Dem langjährigen Leiter des New York City Ballet wird sexuelle Belästigung vorgeworfen
    Veröffentlicht am 06.12.2017, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    HIERONYMUS UND DER MEISTER SIND AUCH DA

    Mit Susanne Linkes Uraufführung eröffnet das Theater Trier am Samstag, 28.10. 2017 die Saison in der Sparte Tanz.

    In ihrer Kreation beschäftigt sich Linke mit den abgründigen Seiten des Menschen.

    Veröffentlicht am 11.10.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EIN KLASSIKER – AUFS FEINSTE HERAUSGEPUTZT

    „Don Quixote“ in der Nurejew-Fassung beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 11.12.2017, von Annette Bopp


    BEATE VOLLACK WIRD NEUE BALLETTDIREKTORIN DER OPER GRAZ

    Mit dem Beginn der Spielzeit 2018/19 tritt sie ihre neue Position an

    Veröffentlicht am 12.12.2017, von Pressetext


    AUF DEN HUND GEKOMMEN

    Mit „Dürer´s Dog“ kreiert Goyo Montero am Staatstheater Nürnberg eines seiner schönsten Ballette

    Veröffentlicht am 11.12.2017, von Alexandra Karabelas


    WAS DER KÖRPER MÖGLICH MACHT

    Mit „Old, New, Borrowed, Blue“ verheiratet das Ballett im Revier Gelsenkirchen eine bunte Mischung von Choreografien miteinander

    Veröffentlicht am 10.12.2017, von Boris Michael Gruhl


    BALLETT AM RHEIN-TÄNZERIN ERHÄLT FÖRDERPREIS

    Ann-Kathrin Adam wird ausgezeichnet

    Veröffentlicht am 12.12.2017, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP