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Linz

„DIE BRAUTSCHMINKERIN“

Mei Hong Lins neues Tanztheater frei nach Motiven von Li Ang am Landestheater Linz



Dieses weltpolitisch aktuelle Ballett ergreift und erschüttert durch beredte Stille und die Kraft von Bildern, wie sie nur dem deutschen Tanztheater etwa von Reinhild Hoffmann, Johann Kresnik und Pina Bausch gelangen.


  • "Die Brautschminkerin" von Mei Hong Lin Foto © Dieter Wuschanski
  • "Die Brautschminkerin" von Mei Hong Lin Foto © Dieter Wuschanski
  • "Die Brautschminkerin" von Mei Hong Lin Foto © Dieter Wuschanski
  • "Die Brautschminkerin" von Mei Hong Lin Foto © Dieter Wuschanski

Lautlos, mit zitternden Lippen, Kopf und Gliedern beweint die Mutter den Tod ihres Sohnes, als sie hinabsteigt in das Stacheldraht-umzäunte Oval, wo er aufgebahrt liegt: weiß maskiert wie eine verschleierte Braut, reg- und willenlos - gemetzelt am 28. Februar 1947 wie tausende taiwanesische Gegner des diktatorischen chinesischen „Regimes“ (furchterregend sarkastisch: Geoffroy Poplawski).

Frei nach Motiven aus einer noch nicht in westliche Sprachen übersetzten Novelle der international renommierten, taiwanesischen Autorin Li Ang greift Mei Hong Lins Ballett eine epochale Episode in der Geschichte ihrer Heimat auf und stellt die Erhebung des Volkes gegen menschenverachtende Tyrannei in einen allgemein menschlichen, ebenso brisanten wie aktuellen weltpolitischen Zusammenhang. Gegen den „Weißen Terror“ gewaltsamer Unterdrückung bäumten sich Völker in aller Welt auf. Als Symbol des chinesischen Terrors gilt in der fernöstlichen Welt die „Hochzeit in Weiß“. In Lins Choreografie schreiten neben gehetzten weißen Bräuten und kämpferischen jungen Männern in taiwanesischer Bekleidung aber auch immer wieder Frauen, Männer, Mädchen und Jungen unterschiedlichster Weltregionen in Schwarz im stillen Protest über die Bühne, Bilder vermisster Angehöriger tragend.

Der Beruf der Brautschminkerin folgt in Taiwan einem traditionellen Ritual. Mei Hong Lins „Mutter“ übt diesen Beruf als Broterwerb aus, nachdem der Ehemann in der Hochzeitsnacht entführt, gefoltert und getötet worden war. Szenen der Erinnerung an damals werden von der „Mutter der Vergangenheit“ (zart und verängstigt: Nuria Gimenez Villarroya) getanzt - das Heute von der fast greisenhaft gebeugten „Mutter der Gegenwart“ (unfassbar ausdrucksstark und berührend in ihrem Schmerz: Andressa Miyazzato). Nun also wird ihr auch der kaum erwachsene Sohn genommen. Kurz zuvor hat sie entsetzt seine Homosexualität entdeckt, als er heimlich die von ihr genähten weißen Brautkleider ausprobiert. Bei ihrem Abschied mit der rituellen Waschung des Leichnams versöhnt sie sich mit seiner ihr so befremdlichen Identität und streift ihm als Totenhemd ein weißes Brautkleid über.

Im Hintergrund schwankt ein Meer menschlicher Silhouetten durch den abendroten Himmel. Leuchtende Lampions schaukeln und tanzen vor ihnen her wie winzige Sterne der Hoffnung. Das weltpolitisch aktuelle Ballett ergreift und erschüttert durch beredte Stille und die Kraft von Bildern, wie sie nur im deutschen Tanztheater etwa von Reinhild Hoffmann, Johann Kresnik und bis in ihre letzten Lebensjahre Pina Bausch gelangen.

Deutscher Ausdruckstanz und traditioneller taiwanesischer Tanz sind in der Choreografie der in der Folkwang-Tradition geschulten Taiwanesin ebenso poesievoll und stimmig miteinander verwoben wie fernöstliche Gesänge und Instrumente mit den Originalkompositionen von Michael Erhard (Mitarbeit: Li-Yu You und Yuan-Keng Yu), der das bewundernswert vielseitige, exquisite sechsköpfige Musikensemble vom Keyboard aus leitet. Dirk Hofackers Ausstattung und die Lichtregie setzen einmal mehr ebenso hochästhetische wie effektvolle optische Akzente, die den Bewegungschören der Statisten und den Tänzen der grandiosen Kompanie allen notwendigen Raum lassen, aber gleichzeitig zum Verständnis des symbolreichen Szenarios beitragen.

Mit eindrücklichem Feingefühl gelingt Mei Hong Lin mit diesem Meisterwerk ihrer stetig reifenden Tanzkunst ein Handlungsballett, das Menschen aus vielen Nationen und die Künste der Welt verbindet zu einem Appell, dass endlich Frieden einkehren möge in diese unsere ‚Neue Welt’. Die Linzer Ballettdirektorin leistet damit einen staunenswert unaufgeregt dramatischen Beitrag zum Thema der ersten Saison von Hermann Schneider als neuem Intendanten von Oberösterreichs Musiktheater. Das neue Logo der Kompanie „Lin.z“ ist mehr als ein Gag. War die Stadt angetreten, sich auf einer der technisch modernsten europäischen Bühnen als Hochburg des Musicals zu profilieren, so ist es inzwischen (auch) das Ballett, das immer wieder für Schlagzeilen sorgt und zu Beifallsstürmen hinreißt.

Veröffentlicht am 01.03.2017, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2016/17

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