HOMEPAGE



Ludwigshafen

MAUERN GIBT ES VIELE

„Gute Pässe Schlechte Pässe“ – das neue Tanztheater von Helena Waldmann in Ludwigshafen



Hier verläuft die deutliche weiße Trennungslinie in der Mitte der Bühne nicht zwischen Einheimischen und Immigranten, sondern zwischen Tänzern und Akrobaten.


  • "Gute Pässe Schlechte Pässe" von Helena Waldmann Foto © Wonge Bergmann
  • "Gute Pässe Schlechte Pässe" von Helena Waldmann Foto © Wonge Bergmann
  • "Gute Pässe Schlechte Pässe" von Helena Waldmann Foto © Wonge Bergmann
  • "Gute Pässe Schlechte Pässe" von Helena Waldmann Foto © Wonge Bergmann
  • "Gute Pässe Schlechte Pässe" von Helena Waldmann Foto © Wonge Bergmann
  • "Gute Pässe Schlechte Pässe" von Helena Waldmann Foto © Wonge Bergmann

Die deutschen sind die besten – jedenfalls die Pässe. Damit kann man derzeit ohne Weiteres in 177 von 218 Ländern reisen; mehr geht nirgendwo auf der Welt. Es gilt, wie so oft im Zusammenleben von Menschen: Wer nicht dazugehört, muss draußen bleiben. Willkürlichen Grenzziehungen ist Helena Waldmann in ihrem jüngsten Stück „Gute Pässe Schlechte Pässe – eine Grenzerfahrung“ auf der Spur. Einmal mehr nutzte sie dabei den mitproduzierenden Ludwigshafener Pfalzbau für Endproben und Uraufführung.

Der Choreografin ist in der Vergangenheit das Kunststück gelungen, ihr eigenwilliges, munter gegen den Meinungs-Mainstream schwimmendes gesellschaftskritisches Tanztheater international salonfähig zu machen. Denn wenn sie sich auch gern politisch ambitioniert mit fremden Kulturen beschäftigt – in „Made in Bangladesh“ nahm sie zum Beispiel die Billigfertigung der Textilindustrie ins Visier – hält sie gleichzeitig der westlichen Gesellschaft einen Spiegel vor. In „Gute Pässe Schlechte Pässe“ verläuft die deutliche weiße Trennungslinie in der Mitte der Bühne nicht etwa zwischen Einheimischen und Immigranten, sondern zwischen Tänzern und Akrobaten.

Die vier TänzerInnen stecken mit weichen, fließenden, höchst kultivierten Bewegungen das Feld des Contemporary Dance ab, während drei Akrobaten atemberaubende Kunststückchen vollführen. Spektakulär an einer vertikalen Stange, wild am Boden probieren sie bis zur völligen Erschöpfung, die Gesetze der Schwerkraft zu ignorieren. Der Beifall des Publikums ist ihnen sicher, aber sie wollen noch mehr: nämlich ins Gelobte Land der E-Kultur, also in den Bereich der TänzerInnen, vordringen. Die setzen sich gegen die unliebsame Konkurrenz handgreiflich zur Wehr.

Helena Waldmann gesteht den Akrobaten deutlich mehr Vorzeigeraum für ihr Können zu und weiß dabei das Publikum auf ihrer Seite. Dass eben auch die TänzerInnen eine ganz besondere Bewegungsqualität beherrschen, wird eher indirekt offenkundig, als einer der Akrobaten den Tanz nachzuahmen versucht: mit schneller, höher, weiter ist es dabei eben nicht getan… Mittendrin kippt die Szene überraschend zur Pietà, und ein Akrobat wird zum Schmerzensmann. Der wird allerdings nicht betrauert, sondern gequält. Aber wie man ihn auch handgreiflich demütigt und abzuschütteln versucht – man wird ihn einfach nicht los.

Auf der Bühne wird hier exemplarisch durchgespielt, was auch im großen Kunstbetrieb gängig ist: Zwar steht der zeitgenössische Tanz in der Hackordnung der Kulturförderung ganz unten, aber die Vertreter des Nouveau Cirque müssen draußen bleiben, also bei Circus, Varieté und Show, sprich U-Kultur.

Grenzziehungen gibt es aber noch mehr in diesem Stück, und dafür hat Helena Waldmann 20 Mitwirkende vor Ort gecastet, ein buntes Multi-Kulti-Grüppchen (wie alle Darsteller von Judith Adam in ebenso einheitliches wie unterschiedliches Schwarz gekleidet). Sie werden nach den Regeln eines gängigen Party-Spielchens in immer neue gegensätzliche Gruppen sortiert – nach Herkunft und Pässen, nach Reisen und Lebensgefühl, am Ende nach politischen Hoffnungen und Erwartungen. Sie bilden aber auch immer wieder eine lebende Mauer zwischen den verfeindeten Gruppen, instrumentalisiert von beiden Seiten. Am Ende dreht sich die Mauer wie eine außer Kontrolle gewordene Achse über die Bühne und jagt TänzerInnen wie Akrobaten in eine sinnlose Flucht.

Veröffentlicht am 05.03.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 1204 mal angesehen.



Kommentare zu "Mauern gibt es viele"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    ALLE SIND SO HAPPY

    „Made in Bangladesh“ von Helena Waldmann in Ludwigshafen uraufgeführt

    Gesellschaftskritik und Tanz sind weit auseinander liegende Pole. Wer beide zusammenbiegen will, braucht entweder Vertrauen in schrille, provozierende Bilder oder genug gescheite Empathie und poetisches Querdenken.

    Veröffentlicht am 27.11.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WAS KOSTET EIN KLEID, WAS EIN LEBEN?

    Die Choreografin Helena Waldmann über ihre aktuelle Premiere "Made in Bangladesh"

    „Made in Bangladesh“ trifft ins Mark unserer Gesellschaft, die von Konsum und Kontrolle geprägt ist. Im Land der Näherinnen wird Arbeit, auch bis zur völligen Erschöpfung, mit Glück gleichgesetzt.

    Veröffentlicht am 25.11.2014, von Nora Abdel Rahman


     

    LEUTE AKTUELL


    "EINE GROßE EHRE"

    Tarek Assam zum Sprecher der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz gewählt
    Veröffentlicht am 05.05.2017, von Dagmar Klein


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


    EINE JUNGE KOMPANIE FÜR BERLIN

    Marion Heinrich im Gespräch mit den Intendanten des „Landesjugendballetts Berlin“
    Veröffentlicht am 31.03.2017, von Gastautor



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    "TANZ 24: TIMELESS" AM LUZERNER THEATER

    «A Picture of You Falling» von Crystal Pite sowie Uraufführungen von Bryan Arias und Po-Cheng Tsai

    Der dreiteilige Tanzabend «Timeless» vereint die Arbeiten zweier Nachwuchschoreographen mit der Neueinstudierung einer Arbeit von Crystal Pite . Bryan Arias und Po-Cheng Tsai stellen sich hingegen mit neu erarbeiteten Stücken vor.

    Veröffentlicht am 10.04.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    WENN SIE MAL SCHAUEN MÖCHTEN …

    Die Palucca Hochschule für Tanz Dresden mit ihrer alljährlichen Leistungsschau im Festspielhaus Hellerau

    Veröffentlicht am 20.06.2017, von Rico Stehfest


    ZUM TOD VON DIETER GACKSTETTER

    Pick bloggt über den Tänzer, der zum Ballettdirektoren und zum Intendanten wurde

    Veröffentlicht am 18.06.2017, von Günter Pick


    WENN DER TANZ DEN TOD BESIEGT

    David Dawsons „Giselle“ mit dem Semperoper Ballett in Dresden

    Veröffentlicht am 20.06.2017, von Boris Michael Gruhl


    TRAUER UM ROSALIE

    Am 12.06.2017 starb die Bühnen- und Kostümbildnerin rosalie in Stuttgart

    Veröffentlicht am 14.06.2017, von tanznetz.de Redaktion


    DANCING ON AIR

    “FIELD” by SKILLS (Camilla M. Fehér and Sylvi Kretzschmar) at Kampnagel

    Veröffentlicht am 17.06.2017, von Gastautor



    BEI UNS IM SHOP